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VERGLEICHENDE
ENTWICKLUNGSGESCHICHTE
DER
GESCHLECHTSINDIYIDUEN
DER
HYDROPOLYPEN
VON
A. GOETTE
MIT 18 TAFELN
LEIPZIG
VERLAG VON WILHELM ENGELMANN
1907
Inhaltsverzeichnis.
I. Beschreibender Teil.
Athecata. Seite
1. Podocoryne carnea 5
A. Die Entwicklung der Medusen 6
B. Die Entstehung und Wanderung der Eizellen 20
C. Die Entstehung der Hoden 33
2. Syncoryne sarsi 35
3. Bougainvillea fruticosa 39
4. Dendroclava dohrni 42
5. Perigonimus repens (?) 45
6. Pennaria cavolinü 46
7. Tubularia mesembryanthemum 51
8. Corydendrium parasiticum 58
9. Eudendrium racemosum und E. rameum 62
10. Dicoryne conferta ' 66
11. Hydractinia echinata 69
12. Clava multicornis 78
13. Coryne pusilla 90
14. Cordylophora lacustris 96
Thecaphora.
15. Sertularia argentea 111
16. Diphasia fallax und D. rosacea 128
17. Sertularella polyzonias 135
18. Plumularia echinulata 144
19. - frutescens 150
20. - setacea 151
Aglaophenia 157
21. - myriophyllum 158
22. - helleri 164
23. - pluma 165
1
2
Seite
24. Antennidaria ramosa 166
Überblick über die Entwicklung der Gonangien der Sertulariden und
Plumulariden 170
25. Halecium tenellum var. mediterranea 171
26. Campanularia verticillata 179
27. - hincksi 189
28. - calcyculata 193
29. - flextiosa 204
30. Gonothyraea loveni 210
31. Obelia geniculata, 0. dichotoma und 0. longissima 229
32. C'lytia johnstoni 245
II. Vergleichender Teil.
1. Die bisher gültige Auffassung über den phyletischen Zu-
sammenhang der Geschlechtsindividuen der Hydropolypen 249
A. Der Ursprung der sessilen Keimträger 250
B. Der Ursprung der Hydromedusen 260
2. Ergebnisse der vergleichenden Entwicklungsgeschichte der
Geschlechtsindividuen der Hydropolypen 263
Die Hydromedusen 263
Die sessilen Keimträger der Thecaphora 267
Die sessilen Keimträger der Athecata 278
Die verwandtschaftlichen Beziehungen der Athecata und der Theca-
phora 283
3. Die Hypothese von der Keimstätte- Verschiebung 292
Literatur-Verzeichnis 308
Erklärung der Abbildungen 311
Sachregister 331
I. Beschreibender Teil.
Die erste genauere Darstellung von der Entwicklung der an Hydro-
polypen knospenden Medusen stammt bekanntlich von L. Agassiz
(Nr. 1)1 und betrifft vor allem Syncoryne {Coryne Ag.) mirahilis (a. a. 0.
S. 190). Dort zeigt sich die jüngste Medusenknospe als eine kleine
einfache Ausstülpung beider Körperschichten des Polypen; alsdann
verdicke sich das Ectoderm am Scheitel der Knospe nach innen zu und
stülpe dadurch den Entodermschlauch ' so ein, daß er die Form eines
doppel wandigen Bechers (primäre Entodermlamelle Weismann)
1 Ältere Angaben über diesen Gegenstand, wie z. B. diejenigen von Gegen-
BAtTB (Nr. 22), übergehe ich hier deshalb, weil sie offenbar weniger aus einer %\irk-
lichen JVobaohtung der Entmcklungsvorgänge als aus der Kemitnis vom Bau
der fertigen iMedusen entstammten.
annehme, dessen Höhlung durch den Ectodermpfropf ( Glocken -
kern, Weismann) ausgefüllt werde. Die zwei Blätter des entoder-
malen Bechers verschmölzen alsdann in vier interradialen Streifen
(sekundäre Entodermlamelle, Weismann) und blieben zwischen
diesen, also radial getrennt, woraus die vier Radialkanäle hervor-
gingen, die folglich von Anfang an durch die sekundäre Entoderm-
lamelle verbunden wären.
Die distalen Enden der Kanäle entsendeten innerhalb des soliden
Becherrandes hohle Fortsätze gegeneinander, die sich verbinden und
so den Ringkanal herstellten. Der proximale Teil der Entodermhöhle
zwischen den Wurzeln der Radialkanäle und dem sich verschmächti-
genden Stiel der Knospe werde zum Magen der Meduse; er stülpe sich
in der Achse der Knospe in den Ectodermpfropf (Glockenkern) aus und
bilde dadurch den Spadix, die entodermale Auskleidung des künftigen
Manubrium. Anderseits höhle sich der Ectodermpfropf in der Weise
aus, daß seine Masse zum epithelialen Überzug der Innenfläche des
Entodermbechers und des Spadix werde. Der Durchbruch des Mundes
an der Spitze des Manubrium, die Eröffnung der Glockenhöhle inner-
halb des Glockenrandes und die über den Radialkanälen entstehenden
Tentakel vervollständigen den morphologischen Aufbau der Meduse,
die sich zuletzt vom Polypen ablöst.
Dieser von L. Agassiz vornehmlich bei Syncoryne mirabilis, ferner
aber auch bei Hyhocodon frolifer, einer Tubularie, bei Corymorfha,
Boiigainvillea, Obelia usw. festgestellte Entwicklungsgang der Medusen-
knospen wurde seither beinahe ausnahmslos bestätigt, namentlich von
Claus, Hertwig, Böhm, Ciamician, Hamann, Weismann, v. Lenden-
feld, Chun, Cerfontaine, Dendy. Abweichende Angaben von geringerer
Bedeutung werden in der speziellen Untersuchung zur Sprache kommen ;
dagegen sind schon hier zwei Darstellungen hervorzuheben, die in be-
stimmten Gegensatz zu Agassiz treten. Nach Allman (Nr. 3, S. 76 — 78)
gibt es bei der Medusenbildung von Corymorpha weder eine Entoderm-
lamelle noch einen eigentlichen Glockenkern. Vielmehr wüchsen rund
um den Scheitel der Knospe in gleichen Abständen vier cylindrische,
aus Entoderm und Ectoderm bestehende hohle Fortsätze in die Höhe;
gleichzeitig spalte sich vom Ectoderm jenes Scheitels eine innere Schicht
ab und senke sich einwärts zwischen die Fortsätze ein, während das
äußere Knospenectoderm zwischen ihnen in die Höhe wachse. Die
vier Fortsätze seien die Radialkanäle, die eben bezeichnete, sie ver-
bindende Duplikatur des Ectoderms die Umbrella, deren Höhlung
zunächst noch von dem oberflächlichen Scheitelectoderm verschlossen
wird. Am Boden dieser Glockenhöhle stülpt sich das Manubrium her-
vor, und die angeschwollenen Enden der Radialkanäle verbinden sich
zum Ringkanal.
Die zweite abweichende Darstellung stammt von Fr. E. Schulze
(Nr. 62). Er gibt freilich an, daß er die Medusenknospung von Sijncoryne
sarsi (vielleicht identisch mit Syncoryne mirahilis Ag.) wesentlich ebenso
verlaufen sah wie Agassiz; indessen nähert er sich doch in manchen
Punkten ganz entschieden der Anschauung Allmans. Auch nach
Schulze beginnt die Medusenbildung damit, daß ein solider Glocken-
kern nach innen einwächst und dadurch das Entoderm zu einem dop-
pelwandigen Becher eingestülpt wird. Die Radialkanäle sollen dagegen
nicht durch Verwachsungsstreifen dieses Bechers entstehen, sondern
von seinem Rande getrennt aufwachsen, Schulze vermißt ferner
durchaus eine die Kanäle verbindende Entodermlamelle. Man kann
daher sagen, daß er die beiden gegensätzlichen Anschauungen von
Agassiz und Allman über die Entwicklung der Hydromedusen bis zu
einem gewissen Grade vereinigte, während eine vollständige, wenngleich
nicht als solche bezeichnete Wiederholung der ALLMANschen Darstellung
sich nur bei de Varenne findet. — Seit jener Zeit (1882) ist die An-
schauung von Agassiz, Claus, Hertwig usw. nicht mehr bezweifelt
worden und die herrschende geblieben.
Untersuchungen, die ich über denselben Gegenstand im Jahre 1903
anstellte, Heferten mir nun das einigermaßen überraschende Ergebnis,
daß die Darstellung von Agassiz, trotz ihrer vielfältigen Bestätigung
in mehreren nicht unwichtigen Punkten um-ichtig ist, daß aber ander-
seits auch Allmans entgegengesetzte Angaben nur wenig korrekter
sind. Die bezüglichen, zuerst bei Podocoryne carnea gewonnenen Be-
funde konnte ich später an mehreren andern medusenbildenden Athecata
bestätigen und sicherstellen. Dies mußte aber notwendig auch die
Vorstellungen über die Beziehungen der Hydromedusen zu den Gono-
phoren und über den Ursprung aller dieser Geschlechtsindividuen be-
einflussen, wodurch ich veranlaßt wurde, auch die verschiedenen Gono-
phoren einer Untersuchung zu unterwerfen, die sich zuletzt auf eine
recht ansehnliche Zahl von Gattungen und Arten erstreckte.
Meine Beobachtungen stellte ich mit wenigen Ausnahmen an konser-
viertem Material und an wirklichen, nicht bloß optischen Durchschnitten
an ; und wenn es mir dabei gelang, manche Irrtümer meiner Vorgänger
zu vermeiden, so verdanke ich es größtenteils dem Umstände, daß ich die
Durchschnitte auch an den jüngsten Knospen in jeder Richtung ausführte.
Athecata.
1. Podocoryne carnea (Taf. I — III).
Diese Art ist schon häufig zum Studium der Medusenentwicklung
benutzt worden. Der erste Beobachter, Grobben, machte über die
Entwicklung der Medusen von Podocoryne carnea nur kurze Bemer-
kungen (Nr. 34, S.20 — 22), die in Ermangelung erläuternder Abbildungen
nicht immer ganz klar sind. An der bereits gestielten Knospe »bildet
sich an dem von dem Polypen abgekehrten Pole eine Verdickung des
Ectoderms, welche gegen das Entoderm hineinwuchert. Dies geschieht
jedoch nicht in Form eines einfachen Kegels, sondern eines solchen
mit interradiären Randausstülpungen (auf die ausgebildete Meduse
bezogen), so daß dadurch das Entoderm in vier voneinander getrennte
Taschen geteilt wird. Diese Taschen sind die späteren Padiärgef äße« .
Gleichzeitig wachse der Spadix in den »Knospenkern« (Glockenkern)
vor, worauf dieser sich aushöhle, und seine Wände das ectodermale
Epithel der Subumbrella und des Manubrium bilden.
Da der Spadix unsrer Meduse verhältnismäßig spät erscheint, und
auch die Einkeilung der Kanten des Glockenkerns zwischen die Radial-
schläuche eine spätere Erscheinung ist, so bezieht sich die Beschreibung
Grobbens auf eine bereits ziemlich vorgeschrittene Entwicklungsstufe;
und indem er aus solchen Befunden schloß, daß der Glockenkern mit
seinen vier Kanten das ihn umgebende Entoderm in vier Taschen teile,
so setzte er, auch ohne es auszusprechen, notwendig voraus, daß das-
selbe anfangs eine im ganzen Umkreise des Glockenkerns zusammen-
hängende doppelte Schicht bildete. — Ohne die Arbeit von Agassiz
anzuführen, schloß er sich also offenbar dessen Ansicht von der Existenz
eines doppel wandigen Entodermbechers an, und nicht derjenigen
ScHULZEs, den er ausdrücklich zu bestätigen meint. Über eine sekun-
däre Entodermlamelle erfahren wir von Grobben nichts.
Bald darauf erklärte Grobbens Lehrer Claus, daß für Podocoryne
nicht die ScHULZEsche, sondern die AoASSizsche Darstellung durchaus
zutreffe: der durch den Glockenkern hervorgerufene zweischichtige
Entodermbecher werde durch vier interradiale Verwachsungsstreifen
in die vier Radialkanäle und die sie verbindende (sekundäre) Entoderm-
lamelle gesondert; sekundäre Fortsätze der Radialkanäle im Rande
der Entodermlamelle bildeten alsdann den Ringkanal (Nr. 16, S. 29 ff.,
vgl. Nr. 17). — Ebenso lauten die Angaben Weismanns (Nr. 70, S. 68),
der noch hinzufügt, daß die interradialen Abschnitte der sekundären
6
Entodermlamelle anfangs so sclimal seien, daß die Radialkanäle beinahe
zusammenfließen. Bunting (Nr. 10) bestätigte Weismann.
Endlich hat auch de Vaeenne Mitteilungen über die Entwicklung
von Podocoryne gemacht (Nr. 67, S. 651 — 656), die, wie schon bemerkt,,
sich wesentlich an die Darstellung von Allman anschließen. Während
das Entoderm am Scheitel der Knospe sich vom Ectoderm ablöse und
nach innen einbuchte, erhöben sich vom Eande dieser Einbuchtung die
vier Radialkanäle, die also einwärts an einen leeren Raum grenzten;
erst später folge das Scheitelectoderm der Entodermeinsenkung und
kleide die Glockenhöhle aus, indem es zugleich zwischen den Radial-
kanälen mit dem Außenectoderm verklebe (a. a. 0. S. 676). Von einer
sekundären Entodermlamelle spricht de Varenne so wenig wie von
einem Glockenkerne und erläutert seine Angaben nur durch Abbildungen
einiger optischen Durchschnitte, die der Wirklichkeit wenig entsprechen.
A. Die Entwicklung der Medusen.
Nach meinen Beobachtungen unterscheiden sich die Träger der
Medusenknospen von Podocoryne carnea, die sogenannten Blastostyle,
im ganzen wenig von den normalen sterilen Hydranthen, und zwar um
so weniger, je später die Knospung begann. Ihre bedeutsamste Ab-
änderung, die eben nur bei starken Individuen fehlt, die erst ein bis zwei
junge Knospen tragen, besteht in der, in eine gürtelförmige Kante aus-
laufenden Erweiterung des Stammes im Bereich der Knospungszone.
An dieser Kante oder dicht darunter entspringen die Knospen, anfangs
zwei einander gegenüber, dann kreuzweise dazu zwei andre, worauf die
Zwischenräume zwischen ihnen mit neuen Knospen ausgefüllt werden,
bis ein vollständiger, ein- bis zweizeiliger Kranz von solchen vorliegt.
Seltener finden sich in Abwesenheit der beschriebenen Kante mehrere
auseinanderstehende Kränze von Knospen (Fig. 1).
Da die männlichen und die weiblichen Knospen in ihrer Entwick-
lung bis auf die später besonders zu beschreibenden Keimzellen keine
Verschiedenheiten zeigen, beschränke ich mich in der folgenden Dar-
stellung aus äußeren Gründen auf die weiblichen Knospen.
1) Die jüngsten Knospen sind warzenförmige oder flach kegel-
förmige Ausbuchtungen beider Körperschichten des Blastostyls, an
denen jedoch schon gewisse ge webliche Veränderungen kenntlich sind
(Fig. 1, 6, 7). Am Scheitel der Knospe zeigt sich eine rege Zellvermeh-
rung, die in einer Zusammendrängung und Übereinanderlagerung der
Zellen ihren Ausdruck findet. Dazu gesellt sich eine Verdichtung des
Protoplasma derselben Zellen^ so daß namentlich die Kuppe des Ento-
derms wie ein dunkler, gege^^ clas übrige Epithel oft scharf begrenzter
Pfropf aussieht. Von diesen Erscheinungen eines stärkeren Wachs-
tums im Scheitelabschnitt der Knospe verliert sich die Anhäufung der
Zellen allmählich, so daß beide Körperschichten wieder aus einer ein-
fachen Zellenlage bestehen; doch bleibt jener Abschnitt auch weiterhin
etwas dunkler als die proximalen Abschnitte und zeigt auch darin ein
Übergewicht des Wachstums, daß schon an den fingerförmig gestreckten
Knospen das freie Ende etwas anschwillt (Fig. 8, 10).
Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Hohlknospe rein cylindrisch. So-
bald sie aber in der Seitenansicht oder in Längsdurchschnitten jene
terminale Anschwellung deutlich erkennen läßt, ist auch der Quer-
durchschnitt der Lichtung in der distalen Hälfte abgeändert : aus einem
kreisförmigen oder ovalen ist er ein dreizipfeliger und zuletzt ein regel-
mäßig ^äerzipfeliger geworden, indem das Entoderm zwischen den
Zipfeln mit vier längsverlaufenden Wülsten nach innen vorspringt
(Fig. 14, 22), die meist wie die Täniolen der Hydranthen aus einer ent-
sprechenden Verlängerung der Entodermzellen hervorgehen. Diese
Täniolen der Medusenknospen beginnen ungefähr in der Mitte
der Länge der letzteren und durchziehen deren distale Hälfte bis zum
Scheitel; die von ihnen eingefaßten Magenrinnen endigen folglich
ebendort in vier Ecken oder Zipfeln, die kreuzweise um die etwas nach
innen vorgewölbte Decke des Entodermschlauchs liegen. Dies alles ist
bereits nachweisbar, bevor am Knospenscheitel andre Veränderungen
Platz gegriffen haben, wie aus den Fig. 10 — 12 hervorgeht, wo die
Kuppe des Entoderms nach außen noch konvex erscheint. Der mittlere
Längsdurchschnitt (Fig. 11) traf zwei einander gegenüberliegende
Rinnen und ihre Endzipfel, die auf dem vorausgehenden und dem
folgenden Schnitt verschwunden und je durch eine mittlere Rinne er-
setzt sind (Fig. 10, 12). Daß es sich dabei wirklich um getrennte Ento-
dermzipfel handelt, beweisen solche Durchschnitte ganz gleicher Kno-
spen, die zwei nebeneinanderliegende Zipfel tangential trafen (Fig. 13);
da sieht man nicht nur deren Lichtungen deutUch voneinander getrennt,
sondern es zeigt sich über ihnen sogar eine schwache Einkerbung der
Außenfläche des Entoderms zwischen beiden Zipfeln.
2) Erst nach diesen vorbereitenden Vorgängen beginnt am Scheitel
der Knospe die so oft beschriebene Entwicklung des Glockenkerns,
der die Anlage der künftigen Subumbrella enthält und ferner die Ent-
stehung der ihn umschließenden Entodermteile, der Radialkanäle und
der sie verbindenden sekundären Entodermlamelle hervorrufen sollte. —
Der Glockenkern beginnt als eine centrale Verdickung des Scbeitel-
ectoderms, das, nachdem es zweischichtig geworden, zunächst ganz
flach gewölbt nach innen vorspringt (Fig. 16). Unter dieser Vorwölbung
ist die breiter und dünner gewordene Entodermkuppe entsprechend
eingesenkt und wird in einem passenden (radialen) Längsdurchschnitt
seitlich von zweien der schon erwähnten hohlen Zipfel begrenzt. Im
übrigen ist die Knospe unverändert geblieben.
Einen weiteren Fortschritt zeigt die Durchschnittsserie Fig. 17 — 19
besonders deutlich. Die tiefere Schicht des Scheitelectoderms ist an-
sehnlich gewachsen und hat sich so zusammengezogen, daß sie halb-
kugelig gegen das Entoderm vorragt, wobei die Zellen sich meist schon
radiär angeordnet haben (Fig. 17). Dies ist die eigentHche Anlage des
Glockenkerns, während die obere Zellenschicht des Scheitels nach wie vor
einfach bleibt und die Fortsetzung des übrigen Ectoderms über der
Glockenkernanlage darstellt. Diese letztere erscheint daher als eine
Abspaltung einer wuchernden tieferen oder imieren Ectodermschicht
von der äußeren, die in der Regel ganz eben über die erstere hinzieht.
Aber auch wenn sie ausnahmsweise an der Außenseite eine unbedeutende
centrale Delle aufweist, so rührt diese von der genannten Zusammen-
ziehung der Glockenkernanlage her und ist keineswegs der Rest einer
Einstülpung des ganzen ursprünglichen Ectoderms zur Bildung des
Glockenkerns.
An demselben Längsdurchschnitt ist die Entodermkuppe unter der
Mitte des Glockenkerns tiefer eingedrückt als früher und läuft seitlich
in zwei schlauchförmige Buchten aus, die den Glockenkern von beiden
Seiten umgreifen. Es ist dies das allbekannte Bild optischer oder wirkHcher
Längsdurchschnitte der Medusenknospen, woraus man folgern zu dürfen
glaubte, daß der Glockenkern als die eigentliche Ursache der Medusen-
bildung die Entodermkuppe zu einem doppelwandigen Becher eindrücke
und so die Entstehung der Radialkanäle vorbereite. Sobald man sich
aber nicht auf ein solches einzelnes Bild beschränkt, sondern die ganze
Schnittserie durchmustert, überzeugt man sich, selbst ohne Zuhilfe-
nahme der noch zu beschreibenden Querdurchschnitte, leicht davon,
daß jene Auffassung vollkommen irrig ist. Schon auf den nächstfolgen-
den Schnitten verschwindet der angebliche Entodermbecher vollständig
(Fig. 18), worauf aber in einem der letzten Schnitte wieder ein einzelner
Entodermschlauch erscheint, der nicht seitlich, sondern in der Mitte
an Stelle des Glockenkerns, d. h. jenseits desselben aufsteigt (Fig. 19).
Dasselbe findet auch in der andern Hälfte der Schnittserie statt, woraus
9
sich der Schluß ergibt^ daß der Glockenkern von vier kurzen, völlig
getrennten Entodermschläuchen umgeben wird. Auch hier füge ich
einen anders gerichteten Längsdurchschnitt aus einer gleich alten Knospe
hinzu, worin die Trennung der kurzen, handschuhfingerförmigen
Schläuche unmittelbar hervortritt. (Fig. 24).
Genau ebenso verhält es sich etwas später, nachdem der Glockenkern
sich vom übrigen Ectoderm völlig abgelöst und zu einer nicht ganz
regelmäßigen, scheinbar kugeligen Masse zusammengezogen hat, worin
schon eine kleine Höhle inmitten der allseitig radiär gestellten Zellen
sichtbar wird (Fig. 27). Die verlängerten und sich über den Glocken-
kern krümmenden Entodermschläuche lassen sich in den hier wieder-
gegebenen vier Durchschnitten einer und derselben Knospe noch leichter
wie vorhin sämtlich feststellen: in Fig. 26 der tangential geschnittene
erste Schlauch jenseits des Glockenkerns, in Fig. 27 der vollgetroffene
zweite Schlauch und der nur angeschnittene dritte Schlauch, der erst
in Fig. 28 sich vollständig darstellt, neben dem äußersten Anschnitt
des zweiten Schlauches, und in Fig. 29 der wieder tangential getroffene
vierte Schlauch neben dem letzten Rest des dritten. — Von einer eben-
solchen Knospe stammt der Durchschnitt Fig. 25 mit einem vollge-
troffenen Entodermschlauch und den soliden Anschnitten seiner beiden
Nachbarn. — Endlich bestätigt die Querschnittserie, Fig. 20 — 22,
einer Knospe mit noch ganz solidem Glockenkern, daß dieser in der
Tat nicht von einem doppelwandigen Entodermbecher, sondern von
vier getrennten, wenngleich zusammenstoßenden Entodermschläuchen
umschlossen wird, deren noch enge Lichtungen abwärts in die vier Magen-
rinnen auslaufen.
Dies lenkt aber unsre Aufmerksamkeit wieder auf die jüngsten
Knospen vor der Entstehung des Glockenkerns, deren vier kleine Ento-
dermzipfel als selbständige Wachstumsprodukte der Täniolen und
Magenrinnen sich nunmehr als die unmittelbaren Vorläufer oder viel-
mehr die ersten Anlagen der den Glockenkern umschließenden Ento-
dermschläuche darstellen. Denn Schritt für Schritt kann das Aus-
wachsen jener Zipfel zu den Schläuchen verfolgt werden, ohne daß sich
diese zusammenhängende Entwicklungsreihe irgendwo durch einen
doppelwandigen Entodermbecher unterbrochen zeigte.
Die vier Entodermschläuche sind nun, wie die folgende Unter-
suchung zeigen wird, keineswegs einfach identisch mit den späteren
Radialkanälen; deshalb vermeide ich den letzteren Namen und nenne
sie »Radialschläuche«.
Durch die voranstehenden Beobachtungen ist also der bündigste
10
Beweis dafür erbracht, daß 1) die Einleitung zur Medusenbildung
von Podocoryne carnea nicht vom Glockenkern ausgeht, son-
dern von vier durch Täniolen getrennten Rinnen des Ento-
dermschlauchs der jüngsten Knospen, deren distale Enden
in vier getrennte Schläuche (Radialschläuche) im Umfange
des sich einsenkenden Glockenkerns auswachsen, und daß
folglich 2) ein doppelwandiger oder sonstwie gebildeter ein-
heitlicher Entodermbecher als Anlage der umbrellaren
Entodermteile überhaupt nicht existiert.
Die entgegenstehenden Angaben von Grobben, Claus, Weismann,
BuNTiNG und DE Varenne erweisen sich daher in der Tat als völlig
unzutreffende, und zwar nicht deshalb, weil sie direkt unrichtig beob-
achtet hatten, sondern weil sie glaubten, die fragliche Entwicklung
lediglich aus einzelnen Bildern späterer Entwicklungsstufen sicher er-
schließen zu können. Und doch hätte ein einziger Querdurchschnitt
durch die zuletzt besprochenen Knospen genügt, um die einheitliche
Anlage der umbrellaren Entodermteile wenigstens höchst zweifelhaft
erscheinen zu lassen. Nur de Varenne spricht von ursprünghch ge-
trennten Radialkanälen, nähert sich aber dadurch nur zufällig und
scheinbar dem richtigen Tatbestand. Denn schon die Behauptung, daß
sie in solchen Abständen voneinander stehen, daß das Außenectoderm
und das Subumbrellarepithel flächenhaft zwischen ihnen verkleben,
beweist, daß er nur ältere Knospen vor Augen hatte, in denen die ur-
sprünglichen Radialschläuche gar nicht mehr bestehen, sondern schon
die damit keineswegs identischen Radialkanäle vorliegen, deren Ver-
bindung durch die sogenannte sekundäre Entodermlamelle de Varenne
ebenso übersehen hat, wie den Glockenkern.
Bevor ich in der Beschreibung fortfahre, sei schon hier darauf hin-
gewiesen, daß die Ähnlichkeit der Täniolen und Magenrinnen der
Medusenknospen und der entsprechenden Bildungen der Hydranthen-
köpfchen (Fig. 2, 3) nicht bloß eine zufälhge und äußerliche ist, sondern
auf einer Vererbung jener Teile von den älteren Hydranthen auf die
jüngeren Medusen beruht. Denn ein solcher phyletischer Zusammen-
hang dieser beiderlei Individuen der Hydropolypen bleibt unangetastet,
ob man nun die Medusen direkt oder durch die Vermittlung der so-
genannten Gonophoren von den Hydranthen ableiten mag, was erst
später diskutiert werden soll. Ist aber jener Zusammenhang der ganzen
Individuen gesichert, so gilt dies auch für ihre in jeder Hinsicht über-
einstimmenden Teile, wie es die Täniolen zweifellos sind.
Ich kehre noch einmal zu den zuletzt besprochenen Knospen
11
zurück, um einige Einzelheiten nachzuholen. — Der CTlockenkern er-
scheint dort in den Längsdurchschnitten unregelmäßig kugelig, mit einer
kleinen centralen Höhlung, um die sich seine Zellen in einer Schicht
radiär anordnen (Fig. 27). Daß dies ebensowenig wie die bereits er-
wähnte apicale Delle des Außenectoderms auf seine Entstehung aus
einer Einstülpung des ganzen Ectoderms hindeutet, wird sich bei der
Untersuchung über seinen phyletischen Ursprung unzweideutig er-
geben. Derselbe Glockenkern zeigt sich auf den Querdurchschnitten
stumpf vierkantig, so daß die Kanten den interradialen Grenzen der
Eadialschläuche entsprechen (Fig. 20). Dies kann aber, auch abgesehen
von dem nachgewiesenen selbständigen Ursprung jedes Schlauchs, nicht
einmal den Schein erwecken, als wenn jene Kanten des Glockenkerns
die Teilung einer einheitlichen »primären Entodermlamelle« in die vier
Schläuche veranlaßten (Grobben); denn diese stoßen noch mit recht
breiten Flächen zusammen, sind also getrennt, bevor jene Kanten
zwischen sie vordringen. Dies letztere geschieht erst viel später, nach-
dem die zusammenstoßenden Seitenränder der vergrößerten Schläuche
sich bedeutend verschmälert haben (Fig., 33). Nur die innere Abplattung
der Schläuche mag anfangs durch den Druck des Glockenkerns bedingt
sein, wogegen aber später eine gewisse Vorwölbung der Schläuche nach
innen einen umgekehrt wirkenden Druck anzuzeigen scheint.
Die ständige Trennung der Schläuche offenbart sich aber sehr auf-
fällig in einer Bildung, die nur dann hervortritt, wenn die Schläuche
infolge der Konservierung ein wenig auseinanderrücken ; dann sieht man
nämlich eine zwischen ihnen ausgeschiedene cuticulare Grenzlamelle,
die die gleichen Lamellen an der Innenseite des Außenectoderms und
an der Außenseite des Glockenkerns oder des Subumbrellarepithels
miteinander verbindet (Fig. 30). Diese Lamelle erhält sich lange Zeit
und ist in ihren Wirkungen noch an der fertigen Meduse nachweisbar
(s. w. u.), so daß die ursprüngliche Vierteilung des umbrellaren
Entoderms die ganze Entwicklung überdauert.
Dieselbe Vierteilung zeigt sich noch in andrer Hinsicht bedeutsam.
Der anfangs unscheinbare Eest der ursprünghchen Entodermkuppe
unter dem Glockenkern und zwischen den Basen der vier Eadialschläuche
erweitert sich in der Folgezeit zugleich mit dem Wachstum aller übrigen
Teile zu einer horizontalen Platte, die als Anlage des künftigen Spadix
den Namen »Spadixplatte« verdient (Fig. 27, 28). W^enn der viel-
genannte Entodermbecher wirklich bestände, würde die Spadixplatte
anfangs nur mit seiner Innenwand zusammenhängen, mit seiner Außen-
wand und dem sich abwärts anschheßenden Magenentoderm der Knospe
12
aber nicht in Verbindung stehen, so daß während dieses Zustandes eine
direkte Einwanderung der Eizellen aus dem Magenentoderm in die
Spadixplatte unmöglich wäre. Da jedoch statt des Entodermbechers
die vier von Anfang an getrennten Radialschläuche bestehen, so bleiben
zwischen ihnen ebenfalls von Anfang an unmittelbare und zwar inter-
radiale Verbindungen zwischen der Spadixplatte und dem Magen-
entoderm zurück, gewissermaßen Reste des ursprünglichen Umschlags
des seitlichen Entoderms der jüngsten Knospen in dessen Kuppe.
Diese interradialen Brücken zwischen dem Magenentoderm und der
Spadixplatte sind auf Längsdurchschnitten sehr leicht anzutreffen
(Fig. 27, 28, 46, 47), und auf Querdurchschnitten, die die Spadixplatte
eben noch streifen, läßt sich die Beziehung dieser Brücken zu bestimmten
Teilen des Magenentoclerms erkennen (Fig. 23). Während die Magen-
rinnen in die Außenwände der Radialschläuche übergehen, setzen sich
die Täniolen in deren Innenwände fort und biegen anderseits mit ihrem
Mittelstück in die Spadixplatte um, wodurch sie eben die genannten
Brücken herstellen. Dies ist zu der angegebenen Zeit, wann die Tä-
niolen noch solid sind, weniger anschaulich als später, wenn die Grenz-
spalten zwischen den Radialschläuchen sich bis in die Täniolen hinein-
ziehen und diese dadurch in breite Falten verwandeln, deren Seiten-
wände sich in die Radialschläuche fortsetzen, während ihre breiten
Ränder sich in die genannten Brücken verwandeln (Fig. 32, 43, 44).
Diese gestatten also die bezeichnete Einwanderung der Eizellen aus
dem Magenentoderm in die Spadixplatte oder den Spadix von Anfang
an ununterbrochen.
3) In der nun folgenden Entwicklungsperiode verwandelt sich die
schlanke, kolbige Gestalt der Medusenknospen in eine dicke, birnförmige
und kurzgestielte (Fig. 34, 35). Diese Anschwellung rührt aber zunächst
nicht von einer Ausdehnung der Radialschläuche und des Glockenkerns
nach unten her ; denn obwohl sie insgesamt breiter geworden sind, füllen
sie nur die kleinere obere Hälfte der Knospe aus, deren untere Hälfte
von dem Magen allein eingenommen wird.
In den Querdurchschnitten erscheinen die erweiterten Radial-
schläuche an der Innenseite abgeplattet, hier und dort aber schon etwas
konvex vorgewölbt (Fig. 30, 31, 33); ihre Seitenflächen, mit denen sie
aneinandergrenzen, sind schmäler geworden und nähern sich schon der
Gestalt stumpfer Kanten. Aufwärts krümmen sich die Schläuche nach
innen zu, abwärts gehen sie in der schon beschriebenen Weise in das
Magenentoderm über (Fig. 34). Namentlich ist an den größeren Knospen
dieser Entwicklungsstufe die Faltenbildung der Täniolen dicht unter
13
den Basen der Radialschläuche schon häufig anzutreffen (Fig. 32);
und wenn Keimzellen sich in diese Falten eingelagert haben, können
die letzteren von ansehnlichem Umfang sein.
Ungleich bedeutender ist die Gestaltveränderung des Glockenkerns
in denselben Knospen. Während seine vier Längskanten schärfer
geworden sind, hat er sich oben und unten abgeplattet, so daß diese
Endflächen mit den Seitenflächen ebenfalls Kanten bilden (Fig. 31, 34).
Ferner ist der Boden des Glockenkerns breiter als der Scheitel, und die
ganze Masse stellt daher eine abgestumpfte Pyramide dar. Dieser
äußeren Gestalt des Glockenkerns paßt sich die Ausdehnung seiner
inneren Höhlung an, indem die früher radiär gestellten Zellen seiner
Wand sich an den sie. umschließenden ebenen Flächen epithelial an-
ordnen und dabei vom Mittelpunkt des Innenraums abrücken. Dieser
nimmt also zunächst ebenfalls eine pyramidenförmige Gestalt an, die
sich erst durch die Entstehung des Manubrium verändert. Die auf
diese Weise entstehende weitere Höhlung, die künftige Glocken -
höhle (Subumbrellarhöhle) verwandelt also die ganze solide Zellen-
masse der Glockenkernanlage in einen epithelialen Sack, dessen Wand
sich in dem Maße verdünnt, als die Höhle sich erweitert. Seine Seiten-
teile werden zum Subumbrellar epithel der Meduse, sein Boden ist
für das Außenepithel des Manubrium bestimmt, und seine Decke be-
teiligt sich an der Herstellung des Velum (s. u.).
Gegen das Ende dieser Entwicklungsstufe treten als vollständige
Neubildungen der Spadix und das Manubrium auf. Während die Unter-
seite der Spadixplatte noch ganz eben ist, bemerkt man doch schon
eine Erhebung ihrer Oberseite und infolgedessen auch des Bodens der
Glockenhöhle. Diese Wucherung führt alsbald zu einer Ausdehnung
beider Epithele, die in einer Ausbuchtung der Spadixplatte und jenes
ectodermalen Glockenhöhlenbodens nach oben ihren Ausdruck findet
(Fig. 34, 35, 47). Dies ist die Anlage des Manubrium; anfangs kegel-
förmig, dann zapfenförmig, verengt es die Glockenhöhle in solcher
Weise, daß sie die Gestalt eines umgekehrten Bechers erhält (Fig. 36,
37). In diese Bildung des Manubrium geht die ganze Spadixplatte
auf, so daß der nunmehrige Spadix, die entodermale Auskleidung des
Manubrium, einmal unmittelbar in die Innenwand der Radialschläuche
umbiegt und ferner interradial eine schräg aufsteigende Fortsetzung
des Magenentoderms, nämlich der Täniolenränder, darstellt (Fig. 46).
Die Radialschläuche erweitern sich, ohne voneinander abzurücken,
und erhalten einen annähernd spindelförmigen Querdurchschnitt, indem
ihre Innenwände sich vorwölben und ihre Seitenränder sich zu bloßen
14
Kanten zusammenziehen, die dann unter annähernd rechten Winkeln
zusammenstoßen (Fig. 33, 38). Da die interradialen Grenzlamellen
sich leicht nachweisen lassen, so kann natürlich von einem unmittel-
baren Zusammenhang dieser Kanten, wie ihn Weismann als Anfang
der »sekundären Entodermlamelle« zeichnet (Nr. 70, Taf. XIX, Fig. 5),
gar nicht die Rede sein. Ganz besonders deutlich ist in solchen Knospen
der Übergang der Radialschläuche in die Magenrinnen und die sie tren-
nenden faltenförmigen Täniolen (Fig. 39, 40). An manchen Quer-
durchschnitten sieht man unmittelbar, wie die breiten Faltenränder
sich über den Rinnen so verbinden, daß nach außen die Basen ^er
Schläuche und nach innen die Basis des Spadix hergestellt werden
(Fig. 43, 44). Und zwar ist dies wörtlich so zu verstehen, daß
Schläuche und Spadix sich auf die eben angegebene Weise
abwärts verlängern; denn ganz unverkennbar wird die Magenlich-
tung dieser und der älteren Knospen fortdauernd durch jene sich ab-
wärts ausdehnenden umbrellaren Teile verengt, bis sie zuletzt zwischen
Stiel und Spadix nur noch als Zusammenfluß der Radialkanäle erscheint
(Fig. 35—37, 58).
Mit der Verlängerung des Spadix und des ganzen Manubrium ver-
tieft sich auch die Glockenhöhle. Ihre Wandbekleidung, das Sub-
umbrellarepithel, bedeckt die Radialschläuche nur in der oberen Hälfte
gleichmäßig; weiter abwärts verdickt es sich in den vier Ecken auf
Kosten der radialen Abschnitte und dringt dort mit vier Zipfeln, in
denen das subumbrellare und das manubriale Ectoderm zusammen-
laufen, bis unter die Basis des Manubrium vor (Fig. 38 — 40). Diese
Subumbrellarzipfel liegen also auf dem schrägen Aufstieg der
Täniolenränder zum Spadix oder in der interradialen Faltenbucht,
auf welchem Wege sie endlich, halb zwischen den Basen der Radial-
schläuche und halb unter ihnen das Außenectoderm erreichen (Fig. 46,
61). Die Bedeutung dieser Erscheinung kann erst später erläutert
werden. Es erübrigt noch, zu bemerken, daß das umbrellare Außen-
ectoderm in dieser Periode stark zu wuchern beginnt, so daß es mehr-
schichtig wird. Interradial springt es schon früh etwas zwischen die
Radialschläuche vor (Fig. 30, 38).
4) In diesem letzten Abschnitt der Darstellung von der morpho-
logischen Entwicklung der Medusenknospen vereinige ich alle folgenden
Stufen bis zur Herstellung der reifen Meduse, weil es nicht angeht, die
Beschreibung der Metamorphosen der Einzelteile aus chronologischen
Gründen zu unterbrechen.
Die Knospen behalten bis kurz vor der Ablösung ihre birnförniig
15
ovale Gestalt, weil sie frühzeitig eine zarte, aber feste Cuticula an ihrer
Außenfläche absondern, die namentlich die natürliche Ausdehnung des
Glockenrandes und das Hervortreten der dann hervorwachsenden Neu-
bildungen verhindert. Sie ist natürlich eine Fortsetzung des Peri-
derms des Blastostyls oder Hydranthen; in den Abbildungen ist sie
beinahe durchweg fortgelassen.
Die Radialschläuche verließen wir in dem Zustande, daß sie bei
einem annähernd spindelförmigen Querdurchschnitt und weiter Höh-
lung mit ihren Kanten zusammenstießen, also je V4 des Umfangs der
Umbrella einnahmen und vom Magen aus leicht gekrümmt gegen den
Scheitel der Knospe convergierten. Dort bleibt zwischen ihren Enden
ein centrales Feld des Außenectoderms mit der darunter liegenden
Decke der Glockenhöhle in festem Zusammenhange und bildet so die
Anlage des Velum, die anscheinend das Vordringen jener Enden
der Radialschläuche bis zum Scheitel hindert (Fig. 34 — 36). Dafür
wachsen diese Enden im Umkreise des Velum nach oben hervor und
stülpen entsprechende Überzüge des Ectoderms aus (Fig. 37). Diese
hohlen und dicken Randwülste hängen zwar an ihrer Basis mit ihren
äußeren Ecken zusammen, doch so, daß sie unmittelbar über dem
Velum einen kreuzförmigen Raum umschließen, der sich interradial
nach außen öffnet und die Wülste vollkommen voneinander trennt
(Fig. 53, 56). Durch die in diesen Raum einragenden Tentakel und
unter dem Druck der äußeren cuticularen Hülle wird er weiterhin sehr
stark verengt (Fig. 55). Längsdurchschnitte, die zwei einander gegen-
überstehende Wülste treffen, zeigen daher nur den centralen Teil des
prävelaren Raums, der dann wie eine Ectodermeinstülpung erscheint
(Fig. 37). Solch ein Bild bewog Weismann zu der irrigen Annahme,
daß eine »förmliche Einstülpung« des Scheitelectoderms gegen den
Glockenkern das Velum bilde (Nr. 70, S. 113, 260) i; tätsächlich besteht
aber seine Anlage schon an dem glatten Scheitel der Knospe, sobald
eine Decke der Glockenhöhle vorhanden ist, und die vermeintliche Ein-
stülpung ist, wie wir sahen, nur das Centrum des zwischen den Wülsten
befindlichen Raumes.
Der Durchbruch der noch geschlossenen Anlage des Velum beginnt
so, daß die Mitte der äußeren Ectodermschicht sich öffnet und die dem
Glockenkern angehörige tiefere Schicht sich in jene Öffnung bruchsack-
artig vordrängt (Fig. 54) ; und wenn man damit die analogen Erschei-
1 Merkwürdigerweise fehlt bei Weismann in dem Durchschnitt einer älteren
Medusenknospe von Podocoryne carnea das Velum ganz (Nr. 70, Taf. 19 Fig. 13).
16
nungen bei Clava und Gonothyraea vergleicht, wird es mehr als wahr-
scheinlich, daß das Vordringen der Glockenkerndecke die eigentliche
Ursache des Durchbruchs ist, worauf erst das Velum als ein platter
Ring fertig vorliegt (Fig. 55). Doch wird es sofort durch neue Bil-
dungen in die Glockenhöhle umgeschlagen.
Aus dem Scheitel der Randwülste wachsen nämlich die Tentakel
hervor, und da sie durch das Knospenperiderm verhindert werden,
nach außen hervorzutreten, durchsetzen sie bei ihrer fortdauernden
Ausdehnung die Öffnung des Velum oder den »Glockenmund«, schlagen
es dabei in die Glockenhöhle um und füllen die letztere mit ihren Schlin-
gen (Fig. 55, 58). Die axialen Entode rmzellen der Tentakelanlagen
rücken nicht gleich in einer Zeile in sie ein, sondern zu mehreren neben-
einander, um sich erst während der Verlängerung der Tentakel in der
bekannten Weise aneinander zu reihen. Mehr als die vier radialen
Tentakel habe ich bei Podocoryne carnea niemals angetroffen.
Bald nach dem Erscheinen der Randwülste beginnt im Niveau des
Velum die Bildung des Ringkanals. Die Radialschläuche rücken
dort niemals auseinander, sondern berühren sich stets mit ihren dicken
Rändern, bis diese endlich verschmelzen (Fig. 41). Darauf verteilt sich
die Masse der Schläuche in dieser Zone derart, daß nur radial unter
den Randwülsten eine weit offene, im Querdurchschnitt dreieckige
Lichtung zurückbleibt, die sich in den interradialen Verbindungs-
strecken zu einem dünnen Kanal zusammenzieht (Fig. 50). Der Ring-
kanal geht also unmittelbar aus den ursprünglichen Radialschläuchen
hervor, so daß selbst seine ganze Lichtung mit den ursprünglichen vier
Schlauchhöhlungen identisch ist. Die angegebene Verschiedenheit seiner
radialen und interradialen Abschnitte behält er aber dauernd : während
die letzteren sich immer mehr zu dünnen Röhren ausziehen, bleiben radial
die dickwandigen Erweiterungen als Wurzeln der Randwülste und als
Endpunkte der Radialkanäle bestehen. Die verbreitete Annahme, daß der
Ringkanal im oberen Rande einer die Radialkanäle verbindenden Ento-
dermlamelle entstehe, sei es, daß deren Spalthöhle sich dauernd erhalte
(Hertwig) oder von den Radialkanälen aus sich neu entwickle
(Agassiz, Claus), ist also nicht zutreffend und lediglich eine Schlußfolge-
rung aus der irrigen Vorstellung von der Existenz jener Entodermlamelle .
Zu der Zeit, wann die Radialschläuche im Bereich des Ringkanals
zu verschmelzen beginnen, fängt auch eine Veränderung ihrer darunter-
liegenden Abschnitte an. Mit der zunehmenden Erweiterung der Um-
brella dehnen sie sich ebenfalls in konzentrischer Richtung aus, doch
so, daß ihre Seitenkanten in dünne Platten ausgezogen werden, die
17
mit den interradialen Grenzlamellen in Verbindung bleiben (Fig. 42).
Diese Platten bestehen von Anfang an aus einer einzigen Zellenlage,
und nirgends fand ich eine Andeutung davon^ daß auch die angrenzen-
den Teile des die Lichtungen umschheßenden Epithels in jene Platten
so hineingezogen würden, daß diese aus einer Duplikatur des Entoderms
hervorgingen. Jeder Kadialschlauch sondert sich mithin in seiner Breite
in drei Abschnitte, einen mittleren (radialen), der die ursprüngliche
Höhlung enthält und zum definitiven Radialkanal wird, und zwei
seitliche solide und einschichtige Flügel, die als wirkliche Neubildungen
aufzufassen sind (Fig. 48). Während die Umbrella in die Länge und
Breite wächst, dehnen sich auch jene Flügel aus und werden anderseits
die Radialkanäle immer schmäler und flacher (Fig. 51). Sobald jeder
Flügel breiter geworden ist, als der ihn aussendende Radialkanal, ver-
schmelzen die zusammenstoßenden Ränder der Flügel (Fig. 52) ; die
vier Radialkanäle sind alsdann durch ebenso viele breite Entoderm-
streifen von der Form eines einfachen, dünnen Plattenepithels ver-
bunden, das kontinuierlich in das Kanalepithel übergeht. Dies ist nun
die vielgenannte »Entodermlamelle« (Hertwig) oder »Gefäßplatte«
(Claus) der fertigen Meduse, die also mit der angeblichen »primären«
oder »sekundären« Entodermlamelle jüngerer Medusenknospen (Weis-
mann) gar nichts zu tun hat. Denn die Annahme, daß der Glockenkern
die Kuppe des ursprünglichen Entodermschlauchs zu einem doppel-
wandigen Becher einstülpe (primäre Entodermlamelle), und dieser durch
interradiale Verschmelzungen beider Blätter die »sekundäre Entoderm-
lamelle« oder Gefäßplatte bilde, hat sich als eine vollständige Täuschung
herausgestellt; weder existiert jener Becher, noch überhaupt eine zwei-
blättrige oder kontinuierliche Anlage der einzelnen Gefäßplatte. Die
einzigen ursprünglichen Entodermteile der Umbrella sind vielmehr aus-
schließlich die vier getrennten Radialschläuche, die sowohl die defini-
tiven Radialkanäle, wie die sie verbindenden Platten, und die letzteren
zwar aus einer einschichtigen, aber in jedem Interradius zweihälftigen
Anlage hervorgehen lassen. Deshalb ist auch der gelegentlich ange-
stellte Vergleich dieser Verbindungsplatten mit der »Gefäßplatte« der
Scyphomedusen, die tatsächlich aus Verschmelzungen des Kranzdarmes
entsteht, ganz unzulässig. — Nachdem aber die fragliche Entodermhaut
der Medusen von Podocoryne und andern Hydromedusen (s. u.) nach
ihrer Entwicklung sich als etwas ganz andres herausgestellt hat, als
wofür sie bisher gehalten wurde, dürfte es angezeigt sein, um weiteren
Mißverständnissen vorzubeugen, sie mit einem neuen Namen zu be-
zeichnen. Ich werde sie »Umbrellarplatte« nennen.
2
18
Aus dem hohlen Hauptteil der vier Radialschläuche
gehen die vier Radialkanäle, aus ihren flügeiförmig und
einschichtig auswachsenden und paarweise verschmelzen-
den acht Kanten die Umbrellarplatten (Entodermlamelle,
Gefäßplatte aut.) hervor; der Ringkanal entsteht weder in
einer Entodermlamelle noch durch Seitenfortsätze der
Kanäle, sondern durch eine unmittelbare Verbindung der
zusammenstoßenden Radialschläuche. — Die Anlage des
Velum ist gleichzeitig mit der Herstellung einer deutlichen
Glockenhöhle in der Duplikatur des Scheitelectoderms und
der inneren Höhlendecke gegeben.
Solange die beiden Hälften jeder Umbrellarplatte noch nicht mit-
einander verschmolzen sind, stehen sie mit der sie trennenden Grenz-
lamelle und durch diese mit der Basalmembran des Außenectoderms
und des Subumbrellarepithels in Zusammenhang. Bei der Verschmel-
zung schwindet natürlich die zwischenliegende Lamelle, und gleich-
zeitig hebt sich das Außenektoderm vollständig von der Umbrellarplatte
ab, wogegen das Subumbrellarepithel ihr und den Radialkanälen eng
angeschlossen bleibt. An der fertigen Meduse zeigt sich alsdann sehr
deutlich, daß das Subumbrellarepithel, wie es F. E. Schulze von Syn-
coryne beschrieb, nur mit den Radialkanälen und den interradialen
Nähten der Umbrellarplatten fest verbunden ist, dazwischen aber sich
von den letzteren abheben kann, wodurch die acht, von Schulze als
»Cölom« gedeuteten Räume entstehen (Fig. 63). Warum die vier
radialen Verbindungen längs den Kanälen entstehen, ist nicht ohne
weiteres zu verstehen, wenn nicht etwa die radialen Muskeln (s. u.)
mit im Spiele sind; dagegen ist es höchst wahrscheinhch, daß die
interradialen Verbindungen des Subumbrellarepithels eine Fortsetzung
seiner ursprünglichen Zusammenhänge mit den interradialen Grenz -
lamellen und folglich mit den Nahtstellen der Umbrellarplatten sind.
Jene subepithelialen Räume der Subumbrella hören natürlich an der
Wurzel des Manubrium auf, da das Subumbrellarepithel dort sich auf
den Spadix umschlägt und mit ihm an der ganzen Fläche verbunden
bleibt.
Indem die Bildung der Umbrellarplatte abwärts fortschreitet, ge-
langt sie zuletzt bis zwischen die Basen der Radialkanäle, wo sie sich
merklich verschmälert, weil die letzteren gegen den Magen zusammen-
rücken und dort an ihrem Ursprung breiter sind als in der übrigen
Umbrella. An Querdurchschnitten, die auf einer Seite noch die Basen
der Kanäle, auf der andern Seite aber schon deren Fortsetzung, die
19
Täniolenfalten und Magenrinnen, getroffen haben, erkennt man ohne
weiteres, daß die Flügel der Radialschläuche oder eben die Anlagen der
Umbrellarplatten in entsprechende, aber noch auseinanderstehende
Kanten der Magenrinnen, und diese Kanten weiter abwärts samt den
verstreichenden Täniolen in das glatte Magenentoderm auslaufen
(Fig. 43 — 45). Bei der fortschreitenden Einbeziehung der Täniolen
und Rinnen in die Bildung der umbrellaren Entodermteile gelangt die
Umbrellarplatte schließlich auch bis zu jenem indifferenten Magenento-
derm und trennt dadurch die Subumbrellarzipfel, die vorher in den
Täniolenfalten noch das Außenectoderni berühren konnten, vollständig
von diesem letzteren. Damit hört, wie wir sehen werden, jede Bedeutung
dieser Zipfel auf. Bemerkenswerterweise ist aber diese völlige Ab-
drängung des Glockenkerns vom exumbrellaren Außenectoderm eine
relativ späte Erscheinung.
Sonstige Einzelheiten in der Ausbildung der Meduse sollen hier
nur kurz erwähnt werden. — Die Lichtung des Manubrium wird vier-
kantig, indem die Täniolenbildung des Magens sich auf dem beschrie-
benen, interradialen Wege auf den Spadix fortsetzt und allmählich bis
zur Spitze des Manubrium vorrückt (Fig. 52, 63). Den tiefen Buchten
zwischen den Täniolen entsprechen am oralen Ende des Manubrium
äußere, radiale Kanten, die noch vor dem Durchbruch des Mundes in
die vier ectodermalen sogenannten »Mundtentakel« auslaufen (Fig. 58).
-^ Bald nach der Fertigstellung des Velum verdickt sich das Ectoderm
jedes Randwulstes dicht über dem Velum zu einem vorspringenden
Polster, das den Ocellarbildungen andrer Medusen entspricht, aber,
wie schon die älteren Beobachter (Allman, Grobben) feststellten,
keine Ocellen entwickelt (Fig. 58). Das Gewebe dieser Polster scheint
sich von demjenigen der sich anschließenden Nervenringe wenig zu
unterscheiden.
Den histiologischen Bau der subumbrellaren Muskeln haben
0. und R. Hertwig eingehend beschrieben (Nr. 44, S. 7 — 10), aber über
die Entwicklung dieses Gewebes nichts angegeben; es sei daher hier
das mitgeteilt, was ich darüber zu beobachten Gelegenheit hatte. An
den älteren Medusenknospen von Podocoryne carnea trennen sich die
der Glockenhöhle zugewandten und kernhaltigen Zellenhälften des Sub-
umbrellarepithels so voneinander, daß sie als freie Zäpfchen oder Halb-
kugeln aus den miteinander zusammenhängenden Basalteilen vorragen
(Fig. 48, 51, 58). Nur längs der Radialkanäle erscheinen dieselben
Zellen voneinander völlig getrennt. Betrachtet man dieses Gewebe an
passenden Tangentialdurchschnitten älterer Knospen von der Fläche,
2*
20
so erscheint es zwischen den Radialkanälen aus queren Bändern zu-
sammengesetzt, von denen jedes eine größere Anzahl von Kernen, also
auch von den inneren kernhaltigen Zellenhälften, trägt und folglich
aus einer Verschmelzung der zugehörigen basalen Hälften entstanden
ist (Fig. 59). In den freien Medusen hegen diese Bänder dicht neben-
einander und enthalten eine gewisse Anzahl von parallel und längs ver-
laufenden Fibrillen, die natürhch nur Muskelfibrillen sein können, wenn-
gleich eine Querstreifung nicht deuthch hervortrat. Die kernhaltigen
Zellenhälften sind zu Plattenzellen geworden, die die Muskelbänder
bedecken. Jedes der letzteren ist also aus einer größeren Zahl von
basalen Zellenhälften entstanden und stellt eine Muskelfaser mit
zahlreichen Fibrillen in einer gemeinsamen Grundsubstanz
dar. Die den Radialkanälen ansitzenden Subumbrellarzellen bilden
keine Bänder, sondern verwandeln sich anscheinend in Spindelzellen,
deren Längsachse der Kanalachse parallel verläuft. Ihre Umbildung
in Muskelelemente dürfte ähnhch verlaufen wie am Ringmuskel.
Nachdem die reifende Medusenknospe ihr Periderm gesprengt hat,
entfaltet sie ihre am Rande zusammengedrückte Umbrella zur vollen
Glockenform und streckt die Tentakel aus. In diesem Zustande ver-
weilt sie noch einige Zeit an ihrem kurzen Stiel ; dann schwindet dessen
Entoderm und das Ectoderm schnürt sich in kurzem Abstand von der
Glocke tief ein und zuletzt ganz durch, so daß die eben freigewordene
Meduse einen spitzen, exumbrellaren Scheitelaufsatz trägt.
B. Die Entstehung und Wanderung der Eizellen.
Die Keimstätte der Eizellen. Nachdem Weismann in Über-
einstimmung mit andern Beobachtern festgestellt hatte (Nr. 68, 69),
daß bei den Hydropolypen die »Keimstätte«, d. h. die Stelle, wo
ihre Keimzellen sich zuerst differenzieren, häufig von der »Reifungs-
stätte« entfernt Hegt, so daß die Keimzellen, um zur letzteren zu ge-
langen, Wanderungen auszuführen hätten, fand de Varenne bei Podo-
coryne carnea die weibliche Keimstätte im Entoderm des Blastostyls,
von wo sie in den Spadix einwanderten, um dort ihre Reife zu erlangen
(Nr. 67, S. 648). Weismann erklärte dies für einen Irrtum, da bei
unserm Polyp Eizellen nur ausnahmsweise im Blastostyl anzutreffen
seien und ihre normale Keimstätte, vielmehr das Entoderm der Medusen-
knospe, die »Keimzone«, d. h. der die Keimstätte enthaltende Ab-
schnitt die proximale Hälfte der Knospe und die Reifungsstätte das
21
Ectoderm des Manubrium sei. Bunting schloß sich Weismann voll-
ständig an. Die Vermutung Weismanns, daß die Eizellen, obwohl sie
sich im Entoderm differenzierten, aus dorthin eingewanderten undiffe-
renzierten Ectodermzellen (Urkeimzellen) der Knospen hervorgingen,
wurde später von Ishikawa insofern bestätigt, als er im Ectoderm
der Knospe ausnahmsweise ganz unzweifelhafte Eizellen antraf,
woraus er schloß, daß die daneben sichtbaren kleinen dunklen Zellen
die undifferenzierten Urkeimzellen seien, die, abgesehen von den eben
angegebenen Ausnahmen, in der Regel in demselben indifferenten Zu-
stande in das Entoderm einwanderten, um erst dort zu wirklichen Ei-
zellen zu werden (Nr. 47).
Nach meinen Untersuchungen über die Keimstätte der weiblichen
Podocoryne carnea, die ich an Tausenden von Durchschnitten anstellte,
muß ich die genannten Angaben fast durchweg berichtigen. Eizellen
kommen außer im Entoderm der Knospe auch in deren Ectoderm vor,
aber nicht ausnahmsweise, sondern recht häufig, an den verschiedensten
Stellen und auf allen Entwicklungsstufen der Medusenknospe vor dem
Erscheinen der Tentakel. Ich kann ferner die Ansicht Ishikawas,
daß die kleinen, jedoch undifferenzierten Ectodermzellen der Knospen
Urkeimzellen seien, die sich erst im Knospenentoderm zu Eizellen dif-
ferenzierten, schon deshalb nicht bestätigen, weil ich die allerjüngsten
differenzierten Eizellen außerhalb der Knospen im Ecto-
derm des Blastostyls antraf, und zwar ebenfalls nicht als seltene
Ausnahmen, sondern ständig.
Innerhalb und außerhalb der Knospenzone junger Blastostyle, die
erst ganz kleine Knospen trugen, ist das Ectoderm in einem nicht ganz
schmalen, aber wohl nicht ganz ununterbrochenen Gürtel dadurch
verdickt, daß sich in seiner Tiefe rundliche, eckige Zellen angesammelt
haben, die durch ihr dunkleres Plasma und den vergrößerten hellen
Kern jungen Eizellen gleichen und tatsächlich durch alle Übergänge
mit unzweifelhaften größeren Eizellen in derselben Ectodermzone ver-
bunden sind (Fig. 5, 9). Solche jüngste Eizellen habe ich gelegentlich
auch in derselben Keimzone in das Entoderm einwandern sehen, wo
dann entweder größere Eizellen an verschiedenen Stellen, bis ziemlich
tief unterhalb der Knospungszone und anderseits bis in die jungen
Knospen anzutreffen sind. Anderseits finde ich ebenso auf dem ganzen
Wege von jener Ectodermzone des Blastostyls bis in das Ectoderm der
Knospen an Größe zunehmende Eizellen, die erst dort ins Entoderm
übertreten (Fig. 8 — 10). Bei der Leichtigkeit, mit der die Eizellen
aus dem Ectoderm ins Entoderm und umgekehrt hinüberwandern
22
(s. GoETTE, Nr. 28, S. 354 Anm., Kleinenberg, Nr. 48, S. 329), können
die bescliriebenen Bilder freilich nicht ohne weiteres so gedeutet werden,
daß die Eizellen bis zum Manubrium hin nur vom Ectoderm in das
Entoderm und nicht umgekehrt auswandern; die Tatsache jedoch, daß
mit der fortschreitenden Entwicklung der Blastostyle und der Knospen
die Eizellen im Ectoderm an Zahl abnehmen, dagegen im Entoderm
der Knospen und namentlich in deren Manubrium zunehmen, beweist,
daß die Einwanderung aus dem Ectoderm in das Entoderm zweifellos
die Regel ist, und das Veröden der Keimstätte in den älteren Blasto-
stylen beweist ferner, daß tatsächlich dort der Ausgangspunkt der
Bildung und Wanderung der Eizellen ist.
Aus diesen Tatsachen ergibt sich, 1) daß die Eizellen allerdings
im Ectoderm entstehen (Ishikawa), aber nicht in demjenigen der Me-
dusenknospe, sondern im Ectoderm des Blastostyls innerhalb und außer-
halb der Knospungszone, 2) daß sie sich schon an dieser Stelle differen-
zieren und ihre Entwicklung im Knospenectoderm fortsetzen. Mit
andern Worten: in den weiblichen Stöcken von Podocoryne
carnea befindet sich die Keimstätte nicht im Entoderm,
sondern im Ectoderm, und die Keimzone nicht in der Me-
dusenknospe, sondern im Blastostyl (Hydranth), und fällt
dort im allgemeinen mit der Knospungszone zusammen.
De Varenne hat also in der Bestimmung der Keimzone Recht, irrt
aber in der Annahme, daß das Entoderm die Keimstätte sei. Weis-
mann hat beides, Keimstätte und Keimzone unsrer Polypen unrichtig
bestimmt. Grobbens Ansicht, daß Keim- und Reifungsstätte der
Eizellen im Ectoderm des Manubrium vereinigt seien, war schon durch
die Beobachtungen von de Varenne und Weismann widerlegt.
Die Wanderung der Eizellen. Sobald es nun feststand, daß
die Keimstätte der weiblichen Podocoryne von deren altbekannter Rci-
fungsstätte im Ectoderm des Manubrium verschieden und entfernt ist,
konnte es scheinen, daß die Eizellen dieses Polypen nur durch eine
bestimmt vorgezeichnete Wanderung an ihr letztes Ziel zu gelangen
vermochten. So hat denn auch Weismann gerade für die weibhche
Podocoryne ganz bestimmte Angaben über diese Wanderung gemacht
(Nr. 70, S. 68). Bis zur Vorstülpung des Spadix lägen die Eizellen aus-
schHeßlich im Entoderm der Knospe, zuerst in der Seitenwand, von
wo aus sie aufwärts in die Basis der Radialkanäle einwanderten und
dies6 umkreisend in die Spadixplatten gelangten. Nach der Erhebung
dieser Platte zum Spadix durchsetzten die Eizellen die Grenzlamelle
und gelangten in das Ectoderm des Manubrium, in dess6n proximaler
23
Hälfte sie sich in vier interradialen Längsstreifen oder eben den Ovarien
anordneten (a. a. 0. S. 69).
Diese Wanderung vollzieht sich nach Weismann in einer ganz
bestimmten Ordnung (a. a. 0. S. 270 — 279). Erstens soll die Bewegung
in einem bestimmten Reifezustande der Eizellen beginnen. Dies wird
aber durch meine Beobachtungen widerlegt. Denn ich sah ebenso
kleinste, halbdifferenzierte, wie größere Eizellen aus der ectodermalen
Keimstätte in das Entoderm übertreten, und anderseits sehr viel
größere und reifere Eizellen noch in jener Keimstätte zurückbleiben.
Dies scheinen die größeren Eizellen zu bestätigen, die man an der
untersten Grenze der Keimzone, also offenbar unmittelbar neben ihrer
ectodermalen Ursprungsstätte im Entoderm antrifft. Denn entweder
haben sie die letztere eben erst, also ebenfalls auf einer vorgerückten
Entwicklungsstufe verlassen — was ich für das Wahrscheinliche halte —
oder sie taten es allerdings im jüngsten Alter, haben aber alsdann die
kaum begonnene Wanderung unterbrochen, um ruhend zu wachsen;
das eine wie das andre widerspricht aber der Annahme Weismanns.
Die Wanderung der Eizellen beginnt also nicht in einem
bestimmten Zeitpunkt ihrer Differenzierung, sondern es
setzen sich bald jüngere, bald ältere Eizellen in Bewegung.
Zweitens soll nach Weismann die »Marschroute« der Eizellen ganz
genau vorgeschrieben sein, wie es namentlich bei Podocoryne deutlich
hervortrete, wo alle Eizellen von demselben Ort, dem Magenentoderm
der Knospe, herkommen und nach demselben Punkt, dem Ectoderm
des Manubrium, hinwandern, keine von ihnen zurückbleibt oder einen
andern Weg einschlägt (Nr. 70, S. 270). Daher verläßt auch die Eizelle
die Körperschicht, in der sie wandert, nicht willkürlich hier und dort,
sondern nur an ganz bestimmten Stellen (a. a. 0. S. 275, 278). — Eine
solche bestimmte Marschroute der Eizellen bis zu ihrem
definitiven Ziel, dem ectodermalen Überzug des Manubrium,
existiert jedoch nach meinen Untersuchungen nicht; es
gibt vielmehr mehrere derartige Wege.
Vor allem beginnt die Marschroute, wie wir sahen, überhaupt nicht
im Magenentoderm der Knospe, sondern der Ausgangspunkt ist die
ectodermale Keimzone im Blastostyl, so daß der WEiSMANNschen Marsch-
route unter allen Umständen der Übergang der bereits im Ectoderm
differenzierten Eizellen in das Entoderm vorauszugehen hätte. Damit
beginnt aber schon eine erste Divergenz der verschiedenen Wege.
Denn jener Übergang der Eizellen aus einer Körperschicht
in die andre erfolgt nicht an ganz bestimmten, sondern an
24
den verschiedensten Stellen von der Keimzone iniBlastostyl
an bis zum Niveau des Spadix in der Knospe hinauf. Auf
dieser ganzen Strecke trifft man unverkennbare Eizellen in beiden
Schichten, dem Ectoderm und dem Entoderm, und gelegentlich den
Übergang selbst (Fig. 4—10, 15, 22).
Es ist nun allerdings eine Tatsache, daß die meisten Eizellen im
Magenentoderm der Knospe und später im Spadix anzutreffen sind
(Fig. 26, 28, 29, 34, 35, 39, 47), so daß naturgemäß die Strecke zwischen
diesen beiden Teilen zuerst zu untersuchen wäre. — Nach Weismann
geht der einzige auf dieser Strecke von den Eizellen benutzte Weg vom
Magenentoderm durch die Basen der Radialkanäle und ihre Lichtung
umkreisend in die Spadixplatte, so daß eine Einwanderung dorthin vor
der Bildung der Radialkanäle, also während der angeblichen Existenz
der primären Entodermlamelle überhaupt nicht stattfinde, und später
die Interradien vermieden würden. Diese Annahme war aber nur die
Folge der irrigen Vorstellung von der ersten Entwicklung der Medusen-
knospen. Wäre jene Entodermlamelle wirklich vorhanden, so fehlte
natürlich ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Magenento-
derm und der Spadixplatte, also auch die Möglichkeit eines direkten
Übergangs aus dem ersteren in diese Platte, und konnte scheinbar nur
durch die später entstehenden Radialkanäle hergestellt werden (S. 11).
Und wenn anderseits zugleich mit diesen Kanälen die die Interradien
verschließenden sekundären Entodermlamellen (Umbrellarplatten) ent-
ständen, in denen allerdings niemals Eizellen anzutreffen sind, so blieb
eben nichts andres übrig als jenen von Weismann angegebenen Weg
für den allein benutzten zu erklären. Mit den irrigen Voraussetzungen
dieser Vorstellung fallen aber natürlich auch die daran geknüpften
Schlußfolgerungen. Da vom ersten Anfang der Medusenbildung an
statt der legendären primären Entodermlamelle die vier Radial-
schläuche und zwischen und unter ihnen die beschriebenen direkten
Übergänge vom Magenentoderm zur Spadixplatte existieren (s. S. 12), so
stehen den im Magenentoderm befindlichen Eizellen diese
beiden Wege, durch die Radialschläuche und die inter-
radialen Brücken zu jeder Zeit offen und werden von ihnen
auch tatsächlich benutzt.
Prüfen wir zuerst den durch die Basen der Radialschläuche (Radial-
kanäle aut.) führenden Weg. Daß er häufig eingeschlagen wird, unter-
liegt keinem Zweifel, da die Eizellen dort leicht nachzuweisen sind
(Fig. 34, 40). Wenn aber Weismann weiter angibt, daß sie in den
Basen angelangt die Kanäle umkreisen, so kann dies wohl nur so ver-
25
standen werden, daß sie, wie es am Ende die von ihm bevorzugten
Längsdurclischnitte nahelegen, vorherrschend in der Außenwand der
Kanäle anlangen und dann sie umkreisend in deren Innenwand geraten.
Dem muß ich aber nach meinen Befunden widersprechen und zwar im
besonderen Hinblick auf die später ersichtliche grundsätzliche Bedeu-
tung dieser Frage. Tatsächlich habe ich in meinen zahlreichen Durch-
schnitten nur zweimal eine Eizelle mitten in der Außenwand eines
Radialschlauches gesehen, die also den letzteren hätte umkreisen
müssen, um ihr normales Ziel zu erreichen, während Eizellen in den
Rändern und der Innenwand der Schlauchbasen eine häufige Erschei-
nung sind (Fig. 31, 40, 47). Daß aber diese Eizellen nicht aus der
Außenwand, sondern von unten her an jene Plätze gelangten, und daß
folglich die zwei Eizellen in der Außenwand von Radialschläuchen
wirklich Ausnahmen sind, geht aus den folgenden Beobachtungen hervor.
In der proximalen Hälfte der Knospe bis zum Anfang der Täniolen
oder Falten trifft man die Eizellen in jedem beliebigen Meridian (Fig. 15) ;
von jenem Punkt an verteilen sie sich allmählich auf die soliden und
später faltenförmigen Täniolen, um in diesen aufwärts zu wandern
(Fig. 32, 44). Nun gehen diese Falten, wie ich schon beschrieb, so in
die Radialschläuche über, daß sie sich paarweise über einer Magenrinne
verbinden und dadurch die Innen wand des Schlauches herstellen, während
die zwischen je zwei solchen Schlußstellen befindlichen breiten Falten-
ränder interradial unmittelbar in den Spadix aufsteigen. So versteht
es sich, daß die Eizellen des Magenentoderms allerdings sehr häufig
in die Basen der Radialschläuche, aber regelmäßig ohne sie zu umkreisen
in deren Kanten oder deren Innenwand gelangen, die ja direkt in die
Spadixplatte oder den Spadix übergehen (Fig. 28, 39, 47).
Dies könnte auf den ersten Blick als eine recht unwesentliche Kor-
rektur des von Weismann angegebenen Weges erscheinen; bedeutsam
ist aber der Umstand, daß die oben beschriebene Bahn eigentlich eine
interradiale ist, und daß sie nicht nur durch die seitlichen Faltenblätter
der Täniolen in die Radialschläuche, sondern auch durch die Falten-
ränder unter Umgehung der Schläuche geradenwegs zur Spadixplatte
führt. Und tatsächlich benutzen, wie ich sehe, recht viele Eizellen des
Magenentoderms diesen zweiten Weg, so daß dabei von einer Ausnahme
gar nicht die Rede sein kann; um so weniger, als dies nicht die einzige
Abweichung von der WEiSMANNSchen Marschroute ist.
Von allen Eizellen, die von ihrer Keimstätte im Blastostyl an im
Ectoderm weiter wandern und so in die Knospen gelangen, treten an-
scheinend die meisten in der proximalen Hälfte der letzteren in das
26
platte Magenentoderm über, um dann einen der beschriebenen Wege
zu ihrer Reifungsstätte einzuschlagen. Ein Teil von ihnen verbleibt
aber noch weiter im Ectoderm und begibt sich dabei ebenso wie die
Gefährten im Entoderm in die Interradien, um sie nicht wieder zu ver-
lassen (Fig. 33, 44). Einige traf ich neben den offenen Faltenbuchten
und gegen sie vorspringend, so daß die Annahme nahe genug liegt, daß
sie dort das Ectoderm verlassen und in die Faltenbucht einrücken.
In der Tat finden sich auch verhältnismäßig oft Eizellen, die in jenen
Buchten ganz frei zwischen den beiden Faltenblättern aufwärts wandern,
also sich genau auf demselben Wege befinden, auf dem die ectodermalen
»Subumbrellarzipfel« hinabwachsen (Fig. 32, 40). Es ist daher auch
nicht wunderbar, daß beide Teile zusammenstoßen, und die Eizellen
dann unter Umgehung des Spadix direkt in die Zipfel und somit in das
sich in sie fortsetzende Ectoderm des Manubrium einrücken, wie ich
es mehrfach sah (Fig. 39, 46). Daneben dringen andre Eizellen in
der Innenwand der Radialschläuche bis über die Spadixplatte oder
die Basis des Spadix hinaus vor, um dann ebenfalls unter Umgehung
des Spadix in ihre definitive Reifungsstätte, den Boden des Glocken-
kerns oder den Überzug des Manubrium, überzutreten (Fig. 31).
Nach diesen Befunden würde also eine nicht geringe Anzahl von
Eizellen vom Außenectoderm der Knospe durch die interradialen Zwi-
schenräume der täniolaren Faltenblätter und der Radialschläuche ihre
ectodermale Reifungsstätte direkt erreichen, ohne das Entoderm
zu durchsetzen. Allerdings könnten manche Einwendungen dagegen
erhoben werden. Eine solche könnte einmal den folgenden von mir
gemachten Beobachtungen entnommen werden. Gelegentlich habe ich
einige Eizellen im Ectoderm der Knospe noch höher hinauf als in den
schon besprochenen Fällen und zwar wieder in den Interradien an-
getroffen, so in der mittleren Höhe der Glockenhöhle, ja selbst mehr
als einmal zwischen den Basen der Randwülste (Fig. 33, 57). Daß
diese »verirrten« Eizellen dennoch imstande gewesen wären, auf ge-
wissen Umwegen zu ihrem normalen Ziel zurückzukehren, an dem sie
dicht vorbei gewandert waren, halte ich für unwahrscheinlich und
glaube vielmehr, daß sie früher oder später in der Umbrella zugrunde
gehen. Daraus könnte man vielleicht schließen wollen, daß auch die
bis an die Faltenbuchten der Täniolen im Ectoderm vorgedrungenen
Eizellen demselben Schicksal entgegengingen und gar nicht zum Über-
tritt in das Manubrium bestimmt wären. Dagegen ist aber zu bemerken,
daß unter dieser Voraussetzung recht viele Eizellen in den distalen
Abschnitten der Umbrella angetroffen werden müßten, was jedoch
27
nicht der Fall ist ; wogegen der Übergang der fraglichen Eizellen aus dem
Außenectoderm in die Faltenbuchten teils direkt beobachtet werden
kann und anderseits durch die in den Buchten vorkommenden gleichen
Eizellen sehr wahrscheinlich wird.
Weiter könnte eingewendet werden, daß die zuletzt genannten
Eizellen, statt aus dem Ectoderm zu kommen, ebenso gut sich aus dem
Epithelverband des anliegenden Entoderms herausgelöst haben könnten.
Wenn ich aber auch diesen Einwand gelten lassen wollte, so wäre er
doch für die allgemeine Frage nach den Wanderungs wegen der Eizellen
von geringer Bedeutung, weil der nachweisbare Übertritt derselben aus
den Faltenbuchten in die Subumbrellarzipfel unter allen Umständen
einen neuen Weg bezeichnete. Auf der andern Seite kann ich als ein
schwer wiegendes Indicium gegen jenen Einwand und für meine erste
Darstellung hier schon anführen, daß bei den männlichen Medusen von
Podocoryne carnea der Weg der Keimzellen aus dem Außenectoderm in
das Manubrium ausschließlich durch die Subumbrellarzipfel führt (s. u.).
Es dürfte also dieser selbe Weg auch von den Eizellen häufiger benutzt
werden, als es gelingt, ihren Übertritt aus dem Außenectoderm in die
Subumbrellarzipfel unmittelbar zu beobachten.
So gelangen wir also zum Ergebnis, daß die in die Medusen -
knospe einwandernden Eizellen mindestens vier verschie-
deneWege einschlagen: Magenentoderm, Basen der Radialschläuche,
Spadix, Ectoderm des Manubrium — Magenentoderm, Spadix, Ecto-
derm des Manubrium — Magenentoderm, Radialschläuche, Ectoderm
des Manubrium — Außenectoderm, Ectoderm des Manubrium. Da-
neben kommen nicht selten verirrte Eizellen vor, die ihr Ziel überhaupt
nicht erreichen, wozu außer den im Außenectoderm verbleibenden noch
andre gehören mögen, die in den Radialschläuchen zu hoch hinauf-
steigen (Fig. 47), was ja schon de Varenne annahm.
Damit ist aber die Frage nach der Wanderung der Eizellen keines-
wegs erledigt. Da Weismann die ersten Eizellen in solchen Medusen-
knospen von Podocoryne &ntTSii, an denen die Bildung des Glockenkerns
bereits begonnen hatte (Nr. 70, S. 67), und folglich seine Vorstellung
von der Wanderung der Eizellen sich nur auf die Befunde an solchen
und älteren Knospen stützte, so beschränkte sich meine abweichende
Darstellung bisher auf dieselben Entwicklungsstufen. Nun kommt aber
hinzu, daß, wie ich nachgewiesen habe, die Keimzone der weiblichen
Podocoryne sich nicht in den Medusenknospen, sondern im Blastostyl
befindet, und daß daher Eizellen schon in die aller jüngsten Knospen
28
einwandern können, und zwar unter Umständen, die ein neues Moment
zu der ganzen Frage liefern.
Da die Keimzone in der Regel teilweise, oft aber auch ganz mit der
Knospungszone zusammenfällt, befinden sich deren Eizellen, ob sie
nun im Ectoderm oder im Entoderm liegen, meist schon an denselben
Stellen, wo erfahrungsmäßig Knospen hervorwachsen. Sobald letzteres
geschieht, gelangen die im Bereich der Ausstülpung gelegenen Eizellen
ganz passiv in die Knospe, teils sofort, teils im weiteren Verlauf des
Ausstülpungsvorgangs. Und die Erfahrung lehrt, daß dieser frühe
Import von Eizellen in die Knospen keine Ausnahme, sondern eine
häufige Erscheinung ist (Fig. 4, 6, 7). Natürlich hängt es vom Zufall
ab, an welche Stelle der Knospe die einzelne Eizelle durch jene passive
Einfuhr gerät. Sind es die Seitenteile der Knospe, so können sich die
schon beschriebenen verschiedenen Wege zur Reifungsstätte anschließen;
ist es aber der Scheitel der Knospe, so ist jede weitere Wanderung der
Eizelle ausgeschlossen. Denn der Scheitel des Entoderms wird ja durch
die weitere Entwicklung der Knospe zur Spadixplatte und zum Spadix,
von dem die Eizellen nur noch in das anliegende Ectoderm des Manu-
brium überzutreten haben; und der Scheitel des Ectoderms derselben
jüngsten Knospen enthält in seiner tieferen Schicht, wo die importierten
Eizellen normalerweise lagern, die Anlage des Glockenkerngrundes oder
des Manubriumectoderms selbst i. Kurz, neben den gewöhnlichen
Wanderungen derEizellen YonPodocoryne zu ihrer Reifungs-
stätte gibt es noch einen rein passiven Import derselben
bis an ihrletztesZiel, wobei alle beschriebenen Wege ausgeschlossen
sind, und als einziges Movens der Ortsveränderung bei völliger Ruhe
der Eizellen das Wachstum und die Entwicklungsvorgänge der Knospe
erscheinen. Dies lenkt aber unsere Aufmerksamkeit notwendig auf
Die Ursachen der Wanderung der Eizellen. Wir sahen,
daß Weismann gerade für Podocoryne eine völlig gebundene Marsch-
route für die zu ihrem Ziel hinwandernden Eizellen annahm (S. 23).
Zur Erklärung dieser merkwürdigen Erscheinung stützte er sich teil-
weise auf seine Theorie der Keimstätteverschiebung und teils auf die
analogen Erscheinungen bei den Wandervögeln und Wanderzellen.
Nach jener Theorie fiel ursprünglich bei allen vollkommenen Hydro-
medusen die Keimstätte mit der Reifungsstätte im Ectoderm des Manu-
brium zusammen; dort ordneten sich die Eizellen in den vier Interradien
1 Bei den später zu beschreibenden Medusen von Pennaria cavolinii ist diese
passive Verlagerung der Eizellen sogar meistens der einzige Weg zu ihrer Reifungs-
stättc.
29
an, nicht durch passive Wachstumsbewegungen, sondern vermittels
einer Eigenbewegung »als Reaktion auf feinste Druckempfindungen«
(Nr. 70 S. 278, 279), was an einer andern Stelle als »Willen oder Be-
wegungsinstinkt der Zellen« bezeichnet wird (S. 276). Dann begann aber
eine phyletische Verschiebung der Keimstätte rückwärts, bei Podocoryne
insbesondere in das Magenentoderm der Knospe, während die Reifungs-
stätte dieselbe blieb. Mit dieser Verschiebung entwickelte sich »die
Gewohnheit der Keimzellen^ gewisse Zeit nach ihrer Differenzierung
wieder nach der althergebrachten Reifungsstätte zurückzukehren und
diese Gewohnheit vererbte sich« (S. 272). Mit diesem vererbten Be-
wegungsinstinkt vermochten sie ihr Ziel, die Reifungsstätte, zu erreichen,
indem sie »die Direktion instinktiv in sich tragen« (S. 275).
Die Voraussetzung Weismanns, daß alle Eizellen von Podocoryne
durch aktive Wanderung von demselben Punkte und stets auf einem
einzigen Wege zur Reifungsstätte gelangen, hat sich allerdings als
irrig erwiesen, indem einige Eizellen dieses Ziel ganz passiv, ohne jede
Eigenbewegung, die Mehrzahl immerhin auf mehreren verschiedenen
Wegen erreichen. Dies macht aber die angegebene Hypothese noch
nicht von vornherein gegenstandslos, da eben für jene Mehrzahl von
Eizellen eine bestimmt gerichtete Eigenbewegung nicht schlechthin
in Abrede gestellt werden kann. Doch ist für eine vollständige Klärung
dieser Erscheinungen der Vergleich mit allen analogen Vorkommnissen
bei andern Hydropolypen unerläßlich; und daher beschränke ich mich
hier auf diejenigen Punkte, die sich aus der Entwicklungsgeschichte
der Medusen und den Schicksalen ihrer Eizellen bei Podocoryne carnea
erläutern lassen.
Über die passive Ortsveränderung derjenigen Eizellen, die
nach meinen Befunden von ihrer ectodermalen Keimstätte im Blasto-
styl unmittelbar zum Scheitel der Knospe emporgehoben werden, bleibt
hier nicht viel zu sagen übrig. Die Wachstumsbewegung des Ecto-
derms, die sie an jene Stelle bringt, verlagert sie auch weiterhin an das
letzte Ziel, das Ectoderm des Manubrium (S. 28); eine Eigenbewegung
derselben wäre dazu nicht nur überflüssig, sondern würde sie vermuthch
bloß von der normalen Bahn ablenken. Dasselbe gilt für die, wie es
scheint, noch häufigeren Fälle, in denen die Eizellen denselben Weg
im Entoderm zurücklegen, wobei nur der gleich näher zu beschreibende
Übergang aus einer Körperschicht des Blastostyls und der Knospe
in die andre Schicht am Anfang und Ende des Weges eine Ausnahme
von der passiven Ortsveränderung zu bilden scheint. Daß nun aber
bei allen diesen passiven Transporten der Eizellen nicht bloß die Wachs-
30
tumsbewegung der Knospe an sich wirksam ist, liegt auf der Hand;
denn das Einhalten des normalen Weges bis zu dem stets gleichen Ziel
ist ein Erfolg der richtenden Tätigkeit der bestimmten und stets
gleichen Entwicklungsvorgänge (Formbildung der Knospe, des Glocken-
kerns, des Manubrium), also derjenigen Bedingungen, die nicht nur die
Formbildung eines Körperteils, eines Organs, sondern auch den Trans-
port und die definitive Lagerung der einzelnen Zellen bestimmen. Ich
behalte dafür den schon vor Jahren von mir gebrauchten Ausdruck
»Formbedingungen«.
Für die aktive Ortsveränderung der Eizellen sprechen zunächst
ihre häufigen Übergänge aus einer Körperschicht in die andre. Nach-
dem ich selbst die Eizellen von Eudendrium in beiden Körperschichten
des Polypen angetroffen (Nr. 28) und Kleinenberg am lebenden
Objekt nachgewiesen hatte, daß sie aus dem Ectoderm ins Entoderm
und zurück wandern (Nr. 48), wird diese Tatsache überall dort aner-
kannt, wo die Eizellen in beiden Körperschichten angetroffen werden.
Aber gerade jene einzigen unmittelbaren Beobachtungen von Kleinen-
berg beweisen schon, daß jener aktive Wechsel der Lagerstätte der
Eizellen mit einer gebundenen Marschroute nichts zu tun hat, und meine
Beobachtungen an Podocoryne bestätigen dies auf das vollständigste,
da der Wechsel an verschiedenen Stellen erfolgen oder ganz unterbleiben
kann (S. 23, 26). Dagegen ist er zweifellos der sicherste Beweis für die
Fähigkeit wenigstens junger Eizellen zu aktiven Ortsveränderungen,
die denn auch während der eigentlichen Wanderungen der ersteren in
der Knospe ohne weiteres zugegeben werden müssen. Nur läßt sich eine
gleichzeitige Konkurrenz der passiven Ortsveränderung durch die wach-
senden Körperschichten und Teile der Knospe gar nicht in Abrede
stellen. Denn dieses Bewegungsmoment, das bei der Ortsveränderung
der ersten apicalen Eizellen sich als das ausschließliche ergab, bleibt
natürlich und nachweislich auch während der Wanderung der etwas
später in die Knospen eingetretenen Eizellen in Wirksamkeit und muß
daher notwendigerweise auch die Eigenbewegung der letzteren beein-
flussen. Da nun vollends die Wachstumsbewegung der jüngsten Knospen
tatsächlich distalwärts vom Blastostyl, also genau ebenso gerichtet ist,
wie die Wanderung jener Eizellen, so fehlt jede Nötigung, ihnen für
diese Richtung einen besonderen »Instinkt« zuzuschreiben, statt ein-
lach in der bestimmten Bewegung der Knospenmasse eine Direktion,
eine erste »Formbedingung« für die Selbstbewegung der einzelnen Ei-
zelle anzuerkennen.
Und nicht anders liegt die Sache während der weiteren Wanderung
31
derselben Zellen. Anfangs ist sie, wie ich hervorhob, einfach distal-
wärts gerichtet, ohne Bevorzugung einzelner Meridiane der Knospe
(S. 25). Weiter oben werden aber die im Entoderm befindlichen Eizellen
in die Täniolen abgelenkt, wofür mir der Grund sehr nahe zu liegen
scheint; denn die interradialen Täniolen bedeuten zweifellos Wachs-
tumsmaxima, gegen die ein Teil der Wachstumsbewegung der benach-
barten radialen Streifen abgelenkt sein muß, was wiederum eine neue
Formbedingung für die gleichsinnige Ablenkung der etwa in den Radien
aufsteigenden Eizellen darstellt. Allerdings kommen seltene Ausnahmen
vor, wo eine solche Ablenkung unterbleibt (S. 25) ; diese wie die übrigen
fehlgegangenen Eizellen beweisen aber nicht mehr als sonstige Aus-
nahmen, daß nämHch die Regel im organischen Geschehen eben kein
starres Prinzip ist. Einmal in den Täniolen angelangt, werden die
Eizellen in einfachster Weise dadurch in die Spadixplatte oder den
Spadix übergeführt, daß die Täniolen in diese letzteren Entodermteile
einbezogen werden und deren Wachstum unterhalten (S. 14).
So erklärt sich gerade die von Weismann allein angenommene
Marschroute der Eizellen im Entoderm der Knospe in einfachster und
natürlichster Weise: sie werden wesentlich passiv, also mechanisch vor-
geschoben und durch die gesetz- und regelmäßigen Formbedingungen
der Knospenentwicklung wiederum rein mechanisch in die bestimmte,
zum Manubrium führende Richtung gebracht und darin erhalten, ohne
daß irgendeine und gar jene Hypothese vom Instinkt der Eizellen sich
vernotwendigte. — Allerdings ist der letzte Schritt ihrer Wanderung,
der Übergang aus dem Spadix oder den Radialschläuchen in das Ecto-
derm des Manubrium noch unerwähnt geblieben. Eine mechanische
Erklärung für diesen Vorgang kann ich hier noch nicht geben, weil es
dazu umfassender Vergleiche mit analogen Erscheinungen bei andern
Hydropolypen bedarf, was erst am Schluß dieser Arbeit ausgeführt
werden kann. Es genügt aber auch vorläufig die Überlegung, daß,
wenn jene Hypothese vom Instinkt der Eizellen sich für ihre ganze
übrige Wanderung als völlig überflüssig erweist, es an jedem Motiv
fehlt, sie für jenen letzten Akt in Anspruch zu nehmen. Denn nicht
die Bewegung der Eizellen an sich verlangte eine Erklärung, sondern
ihr regelmäßiger Weg bis an das Manubrium-Ectoderm; und dafür liegt
nunmehr eine genügende sachliche Erklärung vor.
Vollends unzulässig erscheint endlich jene Hypothese durch den
Umstand, daß dabei überhaupt nur ein Teil aller in die Knospen ge-
langender Eizellen in Betracht kommt. Denn der Weismann allein
bekannt gewordene Weg derselben durch das Entoderm wird von allen
32
den Eizellen vermieden^ die entweder von der Keinizone aus in das
Scheitelectoderm der Knospe und von da in das Manubrium rein passiv
verlagert werden, oder aus dem Aui3enectoderm der Knospe direkt in
die ectodermalen Subumbrellarzipfel übertreten. Auch, ist es leicht
verständlich, daß diese letzteren Eizellen ebenso wie die im Entoderni
wandernden lediglich durch die Formbedingungen der wachsenden
Knospe dirigiert werden. Ihr Einrücken in die Interradien des Außen-
ectoderms wird dadurch bedingt, daß dieses den entodermalen Täniolen
entsprechend sich in mehr oder weniger vorspringenden interradiale
Leisten verdickt und die Eizellen daher ebenfalls dorthin ablenkt
(Fig. 32, 33); und dann bieten die offenen Täniolenfalten den ihnen
gegenüberliegenden Eizellen einen natürhchen locus minoris resistentiae,
in den sie hineinschlüpfen und dabei auch schon auf die Subumbrellar-
zipfel stoßen, in die sie alsdann auch wirklich eintreten.
Wie m.an sieht, findet sich unter den tatsächlich beobachteten
Vorgängen während der Wanderung der Eizellen kein Punkt, wo die
Hypothese Weismanns irgendwie notwendig erschiene. Ja, selbst wenn
eine natürliche und empirische Erklärung des einzelnen Vorgangs ganz
fehlte, bliebe jene Hypothese schon deshalb bedenkHch, weil der an-
gebliche Instinkt der Eizellen gar nicht als ein stets und gleich wirkender
gedacht werden könnte. Was veranlaßt ihn denn völlig zu ruhen, wenn
die Lage einer Eizelle in der Keimzone sie dazu bestimmt, an den Scheitel
einer Knospe gehoben zu werden, da er von diesen erst bevorstehenden
Lagebeziehungen doch nicht schon beeinflußt sein kann? Was veranlaßt
ihn in den übrigen Fällen unter den mehrfachen, gleichzeitig offen-
stehenden und auch wirklich benutzten Wegen einen zu wählen und
sich diesem besonders anzupassen?
Anderseits ist es leicht zu verstehen, warum Weismann das Be-
dürfnis empfand, seine Hypothese aufzustellen. Er kannte nur die
wirklich wandernden und sich scheinbar genau an einen einzigen Weg
haltenden Eizellen, deren Ziel ihm zudem ihre ursprüngliche Keimstätte
zu sein schien. Eine solche merkwürdig geregelte und deternünierte
Wanderung mochte ohne eine noch so gewagte Hypothese völlig un-
erklärlich erscheinen. Mit dem Bekanntwerden der tatsächlichen Vor-
gänge, der Passivität eines Teils der Eizellen, der verschiedenen W^ege
der übrigen wandernden Eizellen und der sie dabei leitenden Knospen-
entwicklung wird die Hypothese, wie so oft in ähnlichen Fällen, über-
flüssig und selbst unmöglich.
Trotz allem könnte es immer noch Avunderbar, d. h. erklärungs-
bedürftig erscheinen, daß die von mir angeführten Formbedingungen
33
des Wachstums und der Entwicklung der Medusenknospen von Podo-
coryne carnea sowohl bei der aktiven wie der passiven Ortsveränderung
der Eizellen und auf den verschiedensten von ihnen eingeschlagenen
Wegen stets denselben Erfolg erzielen. Ich glaube aber, daß dies nicht
wunderbarer ist als jede andre ständige Einrichtung eines Organismus
und sich wie überall dadurch erklärt, daß die Ursachen der fraglichen
Erscheinung, hier also die genannten Formbedingungen, stammes-
geschichtlich und allmählich fixiert sind. Diese Auskunft ist natüi'lich
erst dann wirklich befriedigend, wenn diese stammesgeschichtliche Ent-
wicklung veranschaulicht werden kann, wie es für die Hydromedusen
in einem späteren Abschnitt geschehen soll. Hier muß vorläufig die
Einsicht genügen, daß die Erklärung der einzelnen Ontogenese nicht
in ihr allein gesucht, sondern nur von einer vergleichenden Entwick-
lungsgeschichte aller verwandten Formen erwartet werden kann.
Die wandernden Eizellen von Poc?ocor?/we carwea bewegen
sich teils aktiv, teils werden sie durch das Wachstum der
sie enthaltenden Knospenteile passiv fortbewegt. Dabei
erreichen sie normalerweise auf den verschiedensten Wegen
dasselbe Ziel, das Ectoderm des Manubrium, nicht durch
irgendeinen Instinkt, sondern nur dadurch, daß die me-
chanischen Formbedingungen der Knospenentwicklung die
Bewegung überall auf jenes gemeinsame Ziel richten.
Auch für die interradiale Anordnung der Eizellen im Ectoderm
des Manubrium wollte Weismann den Instinkt verantwortlich machen
(S. 28, 29). Man wird aber über die wirklichen Ursachen dieser Anordnung
nicht im Zweifel sein, wenn man weiß, daß beinahe alle Eizellen in den
Interradien dahin gelangen und ebendort sich alsbald die interradialen
Täniolen des Manubrium entwickeln, deren richtende Tätigkeit nur
dieselbe sein kann wie im Magenentoderm (Fig. 48, 49, 52).
C. Die Entstehung der Hoden.
De Varenne hat die Keimstätte der männlichen Geschlechtszellen
von Podocoryne ebenso wie diejenige der Eizellen im Entoderm des
Blastostyls zu sehen geglaubt (Nr. 67, S. 674). Weismann bestritt dies
und gab an (Nr. 70, S. 70), daß die Samenzellen unsrer Medusen erst
im Ectoderm des Manubrium entstehen und zwar so, daß einzelne Zellen
dieses anfangs einschichtigen und indifferenten Epithels anschwellen und
einen vergrößerten Kern mit dunklerem Nucleolus bekommen; durch
3
34
die rasche Vermehrung dieser Zellen entstehen dann die mehrfach ge-
schichteten interradialen Hoden. Thallwitz glaubte Weismanx be-
stätigen zu können (Nr. 65, S. 424). — Nach meinen Befunden ist der
Widerspruch Weismanns gegen de Varenne durchaus berechtigt;
von einer Einwanderung der Samenzellen aus dem Spadix in dessen
ectodermalen Überzug habe ich nirgends eine Spur gesehen. Aber
auch Weismanns und Thallwitzs positive Angabe kann ich nicht
bestätigen.
Nachdem das Manubrium in den männüchen Medusenknospen an-
gelegt ist, bleibt sein ectodermaler Überzug noch einige Zeit einschichtig ;
doch platten sich seine Zellen so weit ab, daß ihre Kerne entsprechende
Vorragungen der freien Oberfläche verursachen (Fig. 61). Eine weitere
Veränderung erscheint erst bei solchen Knospen, die schon Randwülste
besitzen. Das Epithel hat sich in den Interradien etwas verdickt und
besteht aus einer dünneren, äußeren Lage, die noch mit dem ursprüng-
lichen Epithel übereinstimmt, und einer etwas unregelmäßigen, tiefen
Zellenlage, deren rundlicheckige und größere Zellen eine dunkle Plasma-
zone um den großen Kern besitzen (Fig. 62). Die äußeren Zellen keilen
sich teilweise zwischen die tieferen ein. Später vermehren sich die
letzteren sehr rasch und erheben dadurch das Epithel zu vier inter-
radialen Polstern oder eben den Hoden (Fig. 63). Die Hodenanlagen
von Podocoryne bestehen also nicht einfach aus Samenzellen, sondern
aus diesen und einem sie deckenden und stützenden Gewebe, worin sie
gewissermaßen eingebettet sind.
Diese von Weismann nicht hervorgehobene Sonderung spricht
natürlich für sich allein nicht dagegen, daß beide Zellenarten von dem
ursprünghch einfachen manubrialen Ectoderm herstammten. Ich ver-
misse aber erstens einen Übergang von dem einfachen Epithel zu dem
folgenden Zustand; die ersten Samenzellen erscheinen nicht als ver-
größerte Elemente innerhalb der einfachen Zellenlage, wie es Weis-
mann zeichnet (Nr. 70, Taf . XIX, Fig. 10), sondern, wie ich deutlich zu
erkennen glaube, gleich unter der bescliriebenen äußeren, dünnen Zellen-
decke, so daß ihre lokale Entstehung nach diesem Befunde mindestens
unsicher bleibt. Den Ausschlag geben aber folgende, mehrfach wieder-
holte Beobachtungen.
Kurz vor dem Erscheinen der ersten Spermatoblasten im Manu-
brium zeigen die Subumbrellarzipfel der männlichen Medusenknospen
von Podocoryne eine merkwürdige Verbindung mit dem Außenectöderm.
Ihre Enden liegen dem letzteren nicht bloß dicht an, sondern hängen
mit ihm kontinuierlich zusammen, und zwar durch eine kleine kom-
35
pakte Zellenniasse, deren Kerne durchaus denen der beschriebenen
Samenzellen gleichen (Fig. 61). Diese Zellenmasse liegt halb im Außen-
ectoderm, wo sie von der Umgebung bisweilen scharf abgegrenzt ist^
und halb im Subumbrellarzipfel selbst. Ist dieser Zusammenhang natur-
gemäß nur auf Längsdurchschnitten unzweideutig zu erkennen, so be-
weisen anderseits Querdurchschnitte, daß jene Samenzellenmasse tat-
sächlich in der Faltenbucht der Täniolen liegt (Fig. 60). — Da dies alles
mehrfach beobachtet wurde, so handelt es sich nicht um eine Abnormität
oder ein vereinzeltes täuschendes Bild, sondern um eine normale Er-
scheinung, die nur so gedeutet werden kann, daß in deninterradien
des Außenectoderms der männlichen Medusenknospen Sper-
matoblasten entstehen, die direkt in die Subumbrellar-
zipfel und das manubriale Ectoderm übertreten.
Nun wäre es ja immer noch möglich, daß die Samenzellen von
Podocoryne daneben noch an andern, von mir übersehenen Stellen,
z. B. im manubrialen Ectoderm selbst, entstehen (Weismann); ich kann
mich aber einstweilen nur an die mitgeteilten Beobachtimgen halten,
wonach die männlichen Podocorynen allerdings eine ectodermale Keim-
stätte besitzen, die aber nicht auf das Manubrium beschränkt ist, son-
dern sich im Außenectoderm der Knospe befindet.
Der unmittelbare Übergang der Samenzellen aus diesem Außen-
ectoderm in die Subumbrellarzipfel bestätigt in erfreulicher Weise, dali
die analoge Erscheinung in den weiblichen Medusenknospen (S. 26, 27)
keine Anomalie darstellt. — Über die »Wanderung« der Samenzellen
von ihrer Keimstätte bis zu ihrer Reif ungsstätte ist kaum etwas zu sagen,
da sie nur in einer einzigen, ununterbrochenen Zellenschicht erfolgt und
eine so kurze Strecke umfaßt, daß sie eigentlich nur in einer Verschie-
bung der Keimzellenmasse über die Grenze des Außenectoderms besteht.
Ich habe die Entwicklung der Hydromedusen noch an mehreren
andern Arten der Athecata verfolgt und gefunden, daß sie im ganzen
mit derjenigen von Podocoryne carnea übereinstimmt. Es wird daher
genügen, wenn ich über diese weiteren Befunde in abgekürzter Form
berichte und hauptsächüch nur die Besonderheiten oder Abweichungen
der einzelnen Arten hervorhebe.
2. Syncoryne sarsi (Taf. IV).
Die grundlegende Darstellung von der Entwicklung der Hydro-
medusen, die wir L. Agassiz verdanken, bezieht sich, wie bereits
3*
36
angegeben wurde (S. 2), auf eine Syncoryne, die entweder mit der von
F. E. Schulze untersuchten Syncoryne sarsi identisch ist oder ihr sehr
nahe steht. Trotzdem weichen die Angaben von Agassiz, dem sich
Weismann für Syncoryne sarsi anschheßt, von denen Schulzes merk-
Hch ab (s. S. 4). — Nach meiner eignen Untersuchung kann ich aber
keine dieser Darstellungen ganz bestätigen; denn die Medusen von
Syncoryne sarsi entwickeln sich in der Tat genau ebenso wie diejenigen
von Podocoryne.
Die dicht an der Basis des Hydranthenköpfchens hervorsprossenden
Knospen sind kugelig und von ihm durch eine Einschnürung abgesetzt
(Fig. 64). Ihre innere Entwicklung beginnt weder mit dem Glockenkern,
noch mit einer primären Entodermlamelle, sondern mit den zipf ei-
förmigen ersten Anlagen der vier Radialschläuche. Man kann ihre
getrennten Kuppen deutlich erkennen, bevor eine Spur von einem
Glockenkern zu finden ist, so daß an der selbständigen und namentlich
vom Glockenkern unabhängigen Bildung der Radialschläuche und an
der Abwesenheit eines zweischichtigen Entodermbechers nicht ge-
zweifelt werden kann. Sobald der Glockenkern sich zwischen die weiter
auswachsenden Schläuche eingesenkt hat, erscheinen seine Zellen sehr
deutlich radiär gestellt (Fig. 65). Auch an diesen jungen Knospen,
die kaum größer sind als die zuerst beschriebenen, kann ein mittlerer
Längsdurchschnitt, der den Glockenkern und zwei einander gegenüber-
liegende Radialschläuche getroffen hat, eine zweischichtige, primäre
Entodermlamelle vortäuschen, bis die Durchsicht der ganzen Serie die
Diskontinuität der Lichtung des vermeintlichen Bechers aufdeckt. Noch
besser zeigen sich die getrennten Radialschläuche in Serien mit inter-
radialer Schnittrichtung (Fig. 66).
Wie bei Podocoryne ist der Glocken kern vierkantig; doch stehen
die Schläuche nicht selten so weit auseinander, daß die dazwischen-
liegenden Kanten des Glockenkerns sich merklich abstumpfen (vgl.
Tubularia, Ohelia, Clytia). Eine Verbindung zwischen ihnen und dem
ihnen anliegenden Außenectoderm findet niemals statt, wogegen ihre
unmittelbaren Fortsetzungen, die vier Subumbrellarzipfel, eine solche
Verbindung in gewissen Fällen allerdings eingehen (s. u.). — Der Spadix
stülpt sich früher aus als bei Podocoryne und ebenso erreicht der sub-
umbrellare Sack sehr bald den Grund der Knospe, so daß deren Stiel
aufs äußerste verkürzt ist. Die Bildung der Umbrellarplatten und
des Ringkanals, des Velum und der Organe des Glockenrandes
geht im allgemeinen ebenso vor sich wie bei Podocoryne. Die Fig. 68
zeigt noch deutlicher als die entsprechenden Durchschnitte von Podo
37
coryne (Fig. 53), daß der über der Velumanlage befindliche Raum keine
von einem ununterbrochenen Rande umschlossene Einstülpung ist;
denn da der Schnitt nur links durch einen Randwulst, rechts aber
interradial zwischen zwei solchen Wülsten hindurchgeht, fehlt dort eine
seitliche Begrenzung der vermeintlichen Einstülpung vollständig. End-
lich wäre noch zu bemerken, daß die Tentakel der Medusenknospen
von Syncoryne von Anfang an hohl sind.
Abgesehen von der merkwürdigen Beobachtung von Agassiz, daß
seine Syncoryne mirahilis im Anfange des Jahres frei werdende Medusen,
zum Ende der Brutzeit jedoch unvollkommene Medusenknospen er-
zeugt, die während ihres sessilen Lebens geschlechtsreif werden (Nr. 1,
S. 189, 203)1, wird wenigstens für Syncoryne sarsi übereinstimmend an-
gegeben, daß ihre Medusen erst lange nach ihrer Ablösung geschlechts-
reif werden und daß die beiderlei Geschlechtsprodukte im ectodermalen
Überzug des Manubrium entstehen. Weismann fügt hinzu, daß dieser
Überzug auch bei den ältesten Knospen einschichtig sei. — Danach
wäre es aussichtslos, in den Medusenknospen von Syncoryne sarsi nach
irgendwelchen Keimzellen oder Anlagen der Gonaden zu suchen. Dies
trifft aber nicht zu.
Der Epithelüberzug des Manubrium verhält sich bei allen Knospen
von Syncoryne sarsi im allgemeinen ebenso wäe bei den männlichen
Medusenknospen von Podocoryne. Anfangs ist er eine einfache Zellen-
lage; dann wird er vacuolisiert und aufgelockert, und in den vier Inter-
radien mehr oder weniger verdickt. Dort sieht man auch über und
zwischen den tieferliegenden, etwas größeren Zellen das zellige Zwischen-
gewebe, das ich bereits von Podocoryne beschrieb, so daß man in jenen
neu auftretenden größeren Zellen ebenfalls Keimzellen erblicken darf.
Bei genauerer Untersuchung lassen sich aber doch zwei Typen dieser
Sonderung unterscheiden. 1 ) In der Mehrzahl der von mir untersuchten
Syncoryne-^töckchen zeigte sich die fragliche Sonderung erst bei den
ältesten Medusenknospen, deren Tentakel schon in die Subumbrellar-
höhle vorgedrungen sind, und ferner in geringerem Grade entwickelt 2;
weiterhin verwischen sich die interradialen Verdickungen und in den
ältesten Medusen mit fertiger, gallerthaltiger Umbrella ist das Epithel
ganz gleichmäßig und im Bereich der größten Erweiterung des birn-
förmigen Manubrium deutlich mehrschichtig. Die Zellen sind aber
1 Nach HiNCKS (Nr. 45, S. 55) ist die von Wright beschriebene ebenfalls
sessile Medusen tragende Syncoryne gravata mit der ÄGASSizschen Form identisch.
2 Vielleicht hatte Weismann gerade ein solches Stöckchen vor sich, dessen
größte Medusenknospen aber noch nicht so alt waren wie die hier beschriebenen.
38
kleiner als früher. 2) In den übrigen Stock chen hatte die Sonderung
viel früher begonnen, nämlich vor dem Auftreten der Randwülste; die
tieferliegenden Keimzellen sind größer als in den vorher beschriebenen
Fällen und behalten diese Größe auch in älteren^ mit Tentakeln ver-
sehenen Knospen (Fig. 70)^ während gleichzeitig die interradialen Ver-
dickungen desselben Epithels deutlicher hervortreten.
Diese Verschiedenheit der Sonderung des äußeren Manubrium-
epithels würde kaum eine besondere Beachtung beanspruchen können,
wenn nicht die beiden von mir unterschiedenen Typen nicht noch mit
andern Merkmalen ausgestattet wären. Bei den unter 1) beschriebenen
Medusenknospen, deren Manubriumüberzug am längsten indifferent
bleibt, sind die Subumbrellarzipfel mit dem Außenectoderm verlötet,
und in dem letzteren liegt an derselben Stelle, gerade so wie bei der männ-
lichen Podocoryne, ein Haufen von zusammengedrängten und etwas
dunkleren kleinen Zellen (Fig. 71), deren Einwanderung in die Zipfel
und mithin in jenen Überzug des Manubrium wahrscheinlich ist und
nur infolge der geringen Sonderung der Zellen und ihrer Kleinheit nicht
verfolgt werden kann. Diese Übereinstimmung mit der männlichen
Podocoryne macht es schon mehr als wahrscheinlich, daß die Medusen-
knospen 1 von Syncoryne sarsi ebenfalls männhche und ihre aus dem
Außenectoderm in das Manubrium einwandernden Keimzellen Samen-
zellen sind. Zur Gewißheit wird dies aber durch eine nähere Unter-
suchung der andern Knospen erhoben.
In den Knospen 2 ist die Verbindung der Subumbrellarzipfel mit
dem Außenectoderm kaum angedeutet, und in den letzteren fehlen die
als Samenzellen angesprochenen dichten Zellengruppen vollständig.
Dagegen fand ich solche Zellen, wie sie im Grunde des Manubriuni-
überzugs vorkommen, auch im interradialen Entoderm unter dem
Spadix und in diesem selbst (Fig. 67), und habe sogar den übertritt
derselben aus dem Spadix in das Außenepithel des Manubrium direkt
beobachtet (Fig. 69). Dies charakterisiert sie hinlänglich als Keimzellen;
und nachdem ich in den schon beschriebenen jungen Medusenknospen
unsrer Syncoryne zwei ganz unzweideutige Eizellen innerhalb des Magen-
entoderms angetroffen habe (Fig. 65, 66), halte ich es für sicher, daß
auch die vorher beschriebenen entodermalen Keimzellen jüngste Ei-
zellen sind. Dies bestätigt aber den männlichen Charakter der Kno-
spen 1.
Bei Syncoryne sarsi wandern also Samenzellen aus dem
Außenectoderm der Medusenknospen in die Subumbrellar-
zipfel ein, während Eizellen aus dem Magenentoderm in
39
den Spadix und durch diesen erst in dessen ectodermalen
Überzug gelangen.
3. Bougainvillea fruticosa (Taf. IV).
Sowie Agassiz die Entwicklung der Medusen von Bougainvillea
swperciliaris mit derjenigen von Syncoryne mirabilis übereinstimmend
fand (Nr. 1, S. 290), so verläuft nach Weismann auch die Medusen-
bildung von Bougainvillea ramosa ganz ähnhch wie bei Podocoryne carnea
(Nr. 70, S. 113). Wenn ich nun dasselbe für Bougainvillea fruticosa^
wiederhole, so bedeutet es natürlich etwas ganz andres, da ich auf Grund
meiner Untersuchungen von Podocoryne und Syncoryne die Existenz
der primären Entodermlamelle, die bisher für alle Hydromedusen an-
genommen wurde, und die ganze von ihr abgeleitete Entwicklung der
Radialkanäle, der Umbrellarplatten und des Ringkanals durchaus be-
streite. Die Medusen von Bougainvillea fruticosa entwickeln sich also
nach meinen Befunden im allgemeinen ebenso, wie ich es für die letzt-
genannten Arten angegeben habe, so daß ich außer der Gonadenbildung
nur wenige Besonderheiten hervorheben werde.
Die zipfelförmigen Ausläufer der Magenrinnen habe ich sehr deut-
lich an ganz jungen Medusenknospen von Bougainvillea fruticosa ge-
sehen, deren ectodermaler Scheitel allerdings schon verdickt, aber noch
nicht als Glockenkern zwischen jene Zipfel eingesenkt war, sondern
noch glatt über die sie trennende Kerbe hinwegzog (Eig. 72) — ein
evidentes Zeugnis dafür, daß die Radialschläuche ganz unabhängig von
der Bildung des Glockenkerns entstehen. — Die Aushöhlung des letzteren,
die, wie schon Weismann bemerkte, frühe beginnt, geht unregelmäßig
vor sich, so daß gelegentlich noch in nicht mehr ganz jungen Knospen
zarte Zellennetze den Raum der Glockenhöhle durchziehen (Fig. 73).
Die Radialschläuche sind oft durch merkliche Zwischenräume von-
einander getrennt, so daß das Außenectoderm und das Subumbrellar-
epithel sich interradial berühren. Das Außenectoderm ist in den frü-
heren Entwicklungsperioden namentlich interradial, wo es sich in die
Furchen zwischen den Radialschläuchen einsenkt, stark verdickt und
mehrschichtig, was sich erst in den älteren Medusenknospen, wahr-
scheinlich infolge des Wachstums der Umbrella wieder verliert. — Das
Manubrium erhebt sich zeitig, wächst aber ungleich in die Höhe. Seine
1 Ich erhielt diese Form unter dem angegebenen Namen aus Neapel, vermag
aber ihren Unterschied von Bougainvillea ramosa nicht sicher zu bestimmen.
Haeckel führt beide Namen als Synonyma auf (Nr. 35, S. 80).
40
Lichtung wird namentlich in der proximalen Hälfte durch vier inter-
radiale Täniolen^ Fortsetzungen der Täniolen des Magenentoderms kreuz-
förmig verengt (Fig. 76); und so lange beide bestehen^ kann auch der
Centralmagen auf Längsdurchschnitten unkenntlich werden. — Die
acht Tentakel der Medusenknospen von Bougainvillea fruticosa ent-
stehen paarweise an jedem der vier Randwülste^ indem er an der Spitze
gabelig auswächst (Fig. 74).
Gerade bei Bougainvillea glaubte Weismann gesehen zu haben, daß
das Velum durch eine Einstülpung des apicalen Außenectoderms gegen
den Glockenkern entstehe, indem der Boden der Einstülpung und die
Decke des Glockenkerns zu einer, später central durchbrechenden Schluß -
platte der Glockenhöhle zusammenstießen (Nr. 70, S. 113, 114). Diese
Auffassung ist, wie ich es schon für Podocoryne und Syncoryne ausführte
(S. 15, 36, 37), nicht zutreffend. Die Scheitelfläche des Glockenkerns
und das darüber liegende apicale Außenectoderm bleiben von Anfang
an aneinandergepreßt und bilden daher zur selben Zeit, wann die Glocken-
höhle entsteht, deren obere Schlußplatte oder eben die Anlage des Velum.
Es könnte sich also nur darum handeln, ob diese Platte sich später von
der Oberfläche in die Tiefe einsenkt. Eine solche Annahme beruht aber,
wie bei Podocoryne und Syncory7ie, so auch bei Bougainvillea auf einer
Täuschung, indem die einander gegenüberliegenden Randwülste auf
radialen Längsdurchschnitten wie die Wand einer Einsenkung aussehen.
Jeder interradiale Längsdurchschnitt zeigt dagegen bei Bougainvillea,
ebenso wie bei andern Hydromedusen, daß die vermeintliche Wand
viermal unterbrochen ist, d. h. aus getrennten Teilen oder eben den
Randwülsten besteht. Mit jener Täuschung hängt es denn auch zu-
sammen, daß die Randwülste als solche bisher ganz übersehen
wurden.
Über die Entstehung der Gonaden von Bougainvillea finden sich
bei Weismann folgende Angaben (Nr. 70, S. 114). Noch vor dem Er-
scheinen der Tentakel beginne eine Wucherung der Ectodermzellen des
Manubrium; sie werden größer, plasmareicher und ordnen sich in zwei
Schichten an, ohne jedoch — nach Weismanns Abbildung Taf. XIII,
Fig. 13 — unter sich verschieden zu sein. Diese »Keimzellen« zeigten
sich in allen größeren Knospen in der gleichen Form, so daß nach Weis-
manns Ansicht beiderlei Geschlechtszellen aus gleichen Urkeimzellen
hervorgehen und ihre divergente Ausbildung erst nach der Ablösung
der Meduse vom Stock eintreten kann. Jedenfalls sei es Tatsache, daß
die Geschlechtszellen nicht schon in der ersten Anlage der Medusenknospe
vorgebildet sind wie bei Podocoryne, sondern daß sie sich erst später
41
bilden, und zwar »aus jungen Ectodermzellen des Manubrium der nahezu
zur Loslösung reifen Meduse«.
Ich kann diese Angaben nicht bestätigen. Erstens finde ich ver-
schiedene Anlagen für die Eierstöcke und die Hoden, so daß Weismanns
Befund sich nur auf eine Art von Gonaden beziehen kann. Ferner bleibt
die erste Anlage beider Gonaden während der ganzen Medusenentwick-
'lung keineswegs unverändert, sondern unterliegt einer gewissen fort-
schreitenden Ausbildung; und endlich entsteht wenigstens ein Teil der
Keimzellen ganz bestimmt außerhalb des Ectodermüberzugs des Ma-
nubrium.
In freien weiblichen Medusen von Bougainvillea fand ich am Ma-
nubrium vier interradiale polsterförmige Ovarien, die im Querdurch-
schnitt nur wenige größere und kleinere Eizellen zeigten, vollständig in
ein kleinzelliges Gewebe eingebettet, das in jedem Interradium in ein
einfaches CyUnderepithel übergeht (Fig. 76). In vielen von den ältesten
Medusenknospen des Stockes war das Außenepithel des Manubrium
ähnlich gebildet, aber insofern viel weniger deutlich, als die größeren
Zellen mit hellem großen Kern und dunkler Plasmazone sich nur teil-
weise gut von den übrigen sie einschließenden, kleineren und indifferen-
teren Zellen unterscheiden ließen. Der Vergleich mit den beschriebenen
älteren Ovarien läßt aber keinen Zweifel zu, daß jene größeren Elemente
wirklich sehr junge Eizellen sind. Ihrer geringeren Größe entsprechend
liegen sie oft in bedeutenden Abständen voneinander; aber sie sind,
wie mir schien, ebenso zahlreich wie die Eier der freien Medusen. Je
jünger die weiblichen Medusenknospen sind, desto spärlicher sind die
Eizellen in ihrem Manubrium vorhanden, während die Zellen, die sich
später in das Zwischengewebe verwandeln, ein einfaches Außenepithel
des Manubrium darstellen. Die ersten dieser Eizellen des Außenepithels
fand ich jedoch schon an Medusenknospen, deren Randwülste noch keine
Tentakel gebildet hatten. Sie zeigen sich also früher als die Differen-
zierung der von Weismann beobachteten Keimzellen beginnt.
Die Eizellen von Bougainvillea fruticosa entstehen jedoch
nicht im Außenepithel des Manubrium, sondern wandern
aus demEntoderm dorthin ein. Ich habe sie nicht nur im Spadix
und den unmittelbar angrenzenden Entodermabschnitten angetroffen,
sondern ihren Übertritt ins Manubrium-Ectoderm mehrfach gesehen
(Fig. 75). An welcher Stelle des Entoderms sie entstehen, konnte ich
nicht feststellen; ähnliche Bilder wie bei Syncoryne (S. 38) habe ich
allerdings gesehen, doch war die Eizellenbildung nicht gerade evident.
Ganz anders verläuft die Bildung der Spermarien, von denen
42
ich übrigens nur zwei Stadien beobachten konnte. Diejenigen tentakel-
losen Medusenknospen, die keine Eizellen enthalten, haben ein ganz
einfaches, gleichmäßiges Außenepithel am Manubrium. Nachdem die
Tentakel hervorgewachsen sind, fand ich jenes Epithel immer fest zu-
sammengeschlossen, aber seine Zellen waren in der proximalen Hälfte
des Manubrium bedeutend größer als in der distalen Hälfte. In noch
älteren Knospen waren nun diese größeren proximalen Zellen zu einem
unregelmäßigen, vorspringenden Wulst zusammengedrängt, der von einer
Fortsetzung des kleinzelligen distalen Epithels bedeckt war (Fig. 77). Daß
es sich dabei wirklich um eine Hodenbildung handelte, kann nach den
Beobachtungen über die Entwicklung der Ovarien wohl kaum in Zweifel
gezogen werden. Daraus folgt aber, daß die Samenzellen von
Bougainvillea in der Tat im Außenepithel des Manubrium
entstehen, wie es Weismann für beiderlei Keimzellen annahm.
4. Lendroclava dohrni (Taf. IV).
Der von mir untersuchte Stock stammt ebenso wie die von Weis-
mann beschriebene Dendroclava dohrni aus Neapel und gehört wahr-
scheinlich dieser selben Art an, obgleich ich an meinem Stück einige
Abweichungen von der WsiSMANNschen Diagnose feststellen konnte.
So ist, was Weismann nicht erwähnt, der ganze Stock fascicuHert,
indem alle Haupt- und Seitenstiele eine Strecke weit miteinander ver-
bunden bleiben. Ferner knospen die Medusen nicht nur einzeln (Weis-
mann), sondern oft gruppenweise an den Seitenästen, besitzen stets
mehr als acht Tentakel usw.
Über die Entwicklung der Medusenknospen von Dendroclava dohrni
macht Weismann nur wenige Angaben. »Zuerst wächst der Glocken-
kern als ein hohler hügliger Sack dem Entoderm entgegen, dieses aber
erhebt sich zunächst nur in seiner Peripherie teils passiv, teils aktiv,
d. h. durch Wachstum zur Entodermlamelle mit den vier Radialkanälen,
und die schon geräumige Glocke schließt einen leeren Raum ein. Erst
jetzt wächst dann vom Boden desselben der Magenstiel als flacher
konischer Hügel empor.« »Bevor er sich erhebt, ist von Sexualzellen
durchaus nichts zu sehen, auch so lange er noch niedrig ist, liegen
weder in seinem Entoderm noch im Ectoderm irgendwie ausgezeichnete
Zellen« (Nr. 70, S. 27). Nachher zeigten sich aber die ersten Keimzellen
als größere und granuUerte Elemente im Ectoderm des Manubrium,
die die übrigen zwischen ihnen befindlichen und unveränderten Epithel-
43
Zellen teils in die Tiefe, und teils an die Oberfläche verdrängen. Diese
wegen ihrer Größe als Eizellen anzusprechenden Elemente ordnen sich
in vier Längswülsten an, die die vier Seitenflächen des vierkantigen
Manubrium bedecken (Nr. 70, S. 28).
Jene Beschreibung der ersten Anlagen in den Medusenl^nospen von
Dendrodava ist insofern unvollständig, als weder die becherförmige Ein-
buchtung des Entcderms durch den Glockenkern, noch die Entstehung
der Radialkanäle durch die interradialen Verschmelzungen der beiden
Entodermblätter ausdrückUch erwähnt sind. Nachdem aber Weis-
mann in einem einleitenden Kapitel es schlechthin als Tatsache hin-
gestellt hat, daß alle wirklichen Hydromtedusen jene schon mehrfach
beschriebene Entwicklung durchlaufen (N. 70, S. 17), muß dies auch für
Dendrodava gelten. Dies trifft aber natürlich nicht zu; die Medusen-
bildung von Dendrodava vollzieht sich vielmehr genau so,
wie ich es für Podocoryne, Syncoryne und Bougainvillea
schon angegeben habe. Es fehlt also bei Dendrodava ebenfalls ein
doppelwandiger, vom Glockenkern eingestülpter und erst sekundär vier-
geteilter Entodermbecher, und die Medusenbildung wird dort wiederum
durch vier von Anfang an getrennte, aus Täniolen und Magenrinnen
hervorwachsende Radialschläuche eingeleitet, zwischen die sich der
anfangs solide Glockenkern einsenkt.
Die Fig. 78 — 80 zeigen einige für die Bildung der Radialschläuche
bezeichnende Durchschnitte. In dem Längsdurchschnitt Fig. 78 er-
scheinen die Anlagen der Schläuche unter und neben dem noch ganz
flachen Glockenkern erst zipf elf örmig ; dafür sind aber unter ihnen die
brückenförmigen schrägen Anschnitte zweier Täniolen und Magenrinnen
zu sehen, woraus also hervorgeht, daß diese Teile unabhängig vom
Glockenkern entstehen und anderseits unmittelbar in die Radial-
schläuche auslaufen. Von den Querdurchschnitten einer nur wenig
älteren Medusenknospe (Fig. 79, 80) zeigt der erste die außerordenthch
weiten und beinahe cylindrischen, einander nur teilweise berührenden
Radialschläuche nebst dem in dünne Kanten ausgezogenen Glockenkern,
der andre, tiefere Durchschnitt die schon faltenf örmig gewordenen
Täniolen und in einem Quadranten den äußersten Anschnitt der Spadix-
platte, woran man deutlich sieht, wie die Täniolen sich paarweise zu
einem Radialschlauch zusammenschließen und zugleich in die Spadix-
platte übergehen. — Der Glockenkern höhlt sich allerdings frühzeitig
aus, ist aber niemals ein kugeliger Sack, wie es die Längsdurchschnitte
vortäuschen, sondern, wie wir schon sahen (Fig. 79), von Anfang an
scharf vierkantig, infolge seiner Anpassung an die stark gewölbten
44
Badialschläuche. Die im Entstehen begriffene Glockenhöhle zeigt ebenso
wie bei Boucjainvillea (S. 39) nicht sofort glatte Wände, sondern ist von
lockeren Zellensträngen durchzogen, so daß der Glockenkern den Zustand
eines aufgelockerten Füllgewebes durchläuft, ehe eine vollkommene
Glockenhöhle erscheint.
Die weitere Umbildung der Radialschläuche zu den Radial-
kanälen und den Umbrellarplatten, die Entstehung des Ringkanals, der
Subumbrellarzipfel u. s. f. erfolgt ebenso, wie es für Podocoryne aus-
führlich beschrieben wurde. Fig. 82 zeigt den weiten Ringkanal mit
den Erweiterungen in den Radien, wo die Radialkanäle einmünden und
die Randwülste entspringen (s. S. 16). — Wie schon bemerkt, zeichnen
sich unsre Medusen durch die größere Zahl ihrer Tentakel aus. Sie
entstehen jedoch nicht alle gleichzeitig, sondern anfangs treten wie bei
Podocoryne und Syncoryyie in der Fortsetzung der vier Radialschläuche
nur vier Randwülste hervor, aus deren Scheiteln je ein Tentakel hervor-
zuwachsen beginnt. In der Regel geht nun die Vermehrung der Tentakel
so vor sich, daß in den allmählich erweiterten Abständen zwischen den
vier ersten Randwülsten sich ebenso viele neue dreieckige Anlagen von
Wülsten und Tentakeln entwickeln, so daß vier stärkere und vier
schwächere Tentakelanlagen miteinander abwechseln (Fig. 83). Diese
Achtzahl mag oft die dauernde bleiben, doch kann dies nach meinen
Beobachtungen nicht die Regel sein; denn meist fanden sich noch ein
bis drei weitere Tentakelanlagen zwischen den acht ersten eingekeilt.
Diese Vermehrung geschah aber nicht nur durch Interpolation, sondern
auch durch eine Spaltung der ersten Randwülste, wie sie bei Bougain-
villea ganz regelmäßig eintritt. Man kann daher sagen, daß bei allen
bisher besprochenen Medusen die typische Grundzahl der Randwülste
und Tentakel vier ist, die entweder erhalten bleibt {Podocoryne'^ , Syn-
coryne) oder durch Spaltung und Interpolation der Wülste auf acht
{Bougainvillea) und mehr {Dendroclava) vermehrt wird.
Bezüglich der Keimzellen und Gonaden von Dendroclava sei
vorweg bemerkt, daß ich Weismanns Angabe bestätigen kann, daß sie
in den Knospen und in der Anlage ihrer definitiven Reifungsstätte ent-
stehen. In andern Einzelheiten weiche ich von ihm ab. Vor allem sei
hervorgehoben, daß die Differenzierung der Keimzellen nicht erst an
dem bis zu einer gewissen Höhe hervorgewachsenen Manubrium beginnt,
sondern schon an dessen Anlage in dem noch ebenen Boden der jungen
1 Grobben bekundet die Vierzahl der Tentakel für Podocoryne, während
Allman und Hincks die Achtzahl als die regelmäßige angeben.
45
Glockenhöhle, der nur interradial sich in die Subunibrellarzipfel hinab-
senkt (Fig. 81). Eben dort, in den Interradien jenes ectodermalen
Bodens, erhebt sich das Epithel zu vier kurzen, aber stark gewölbten
Wülsten, die bis in die Zipfel hinabreichen, die Mitte des Bodens aber
nicht erreichen. Sie bestehen aus vergrößerten, namenthch verlängerten
Zellen mit etwas dunklerem Protoplasma und großen hellen Kernen.
Der gewölbten Oberfläche des Wulstes entsprechend ist ihre Form etwas
keilförmig; dabei können sie sich so aneinander verschieben, daß sie
zwei unregelmäßige Schichten zu bilden scheinen. Dies ist aber weder
die Regel noch dauernd; denn sobald der Glockenhöhlenboden sich zum
Manubrium hervorzuwölben beginnt und die xier Gonadenwülste sich
in dessen proximaler Hälfte strecken, bestehen sie nur aus einer einzigen
geschlossenen Lage ganz gleicher Zellen (Fig. 84). Erst an älteren
Medusenknospen, deren Keimzellen kugelig geworden und grob granuliert
sind, habe ich einige Zellen der zwischen den Gonaden liegenden ein-
fachen Epithelstreifen teils über, teils zwischen die Keimzellen vor-
rücken sehen, und zweifle daher nicht, daß diese zuletzt ebenso wie bei
Podocorytie und Syncoryne von einem Zwischengewebe umgeben werden.
— Ich habe ebenso wie Weismann bei Dendroclava nur einerlei Keim-
zellen gesehen, die ich schon nach ihrem zuletzt beschriebenen Aussehen
ebenfalls für Eizellen halte.
Die Eizellen von Dendroclava zeigen sich zuerst in dem
ebenen Glockenhöhlenboden, der später zum Außenepithel
desManubrium wird, und zwar in vier interradialen Wülsten,
die bis in die Subunibrellarzipfel reichen. Trotzdem habe ich
ihre Einwanderung an diesen Stellen, also auf dem bei Podocoryne und
teilweise auch bei Syncoryne benutzten Wege, von andern Knospen-
teilen her nicht nachweisen können und halte sie daher für Erzeugnisse
ihrer späteren Reifungsstätte, wenngleich ihre Entstehung der Bildung
des Manubrmm zeitlich vorausgeht.
5. Perigonimus repens {?).
Das mir vorliegende, aus der Nordsee stammende Stöckchen von
Perigonimus habe ich nicht ganz sicher als Perigonimus re'pens bestimmen
können. Dadurch wird aber das Ergebnis meiner Untersuchungen an
den Medusenknospen dieses Hydropolypen kaum berührt ; denn es läuft
im wesentlichen darauf hinaus, daß diese Medusen in keinem Punkte
ihrer Entwicklung eine nennenswerte Abweichung von den bisher be-
46
sprochenen Medusen der Athecata zeigen. Deshalb habe ich auch nicht
die Absicht^ jene Entwicklung, obgleich ich sie ausreichend verfolgt
habe, näher zu beschreiben. So sei denn auch nur betont, daß die
Grundlagen des Medusenbaues auch bei Perigonimus neben dem Glocken-
kern die von vornherein getrennten, aus den Magenrinnen und Täniolen
der jungen Knospen hervorwachsenden Radialschläuche sind. — In den
jüngeren Knospen werden die Entodermhöhlungen meist dadurch ver-
schlossen, daß die distalen Hälften der Entodermzellen in jene Räume
weit vorragen, dann sich teilweise ablösen, miteinander mehr oder
weniger verbacken und die Lichtung des Magens und des Spadix wie mit
einem Brei ausfüllen. Ähnliches sah ich auch in den Keimträgern andrer
Hydropolypen.
Die Keimbildung beginnt, sowie es schon Weismann beschreibt
(Nr. 70, S. 117, 118), sehr spät, in den beinahe fertigen Medusen; wenig-
stens glaube ich ebenso wie Weismann, daß die Zellenanhäufungen,
die sich stellenweise im Grunde des manubrialen Ectoderms zeigen, auf
noch wenig differenzierte, aber w^ahrscheinhch männliche Keimzellen
zu beziehen sind. Danach wären die Medusenknospen von Peri-
gonimus die einzigen unter den von mir untersuchten Athe-
cata, deren Keimzellen ohne jede Einschränkung an ihrer
definitiven Reifungsstätte entständen.
6. Pennaria cavolinii (Taf. IV, V).
Pennaria cavolinii erzeugt bekanntlich an ihren Hydranthenköpfchen
Geschlechtsindividuen, die in ihrem Bau im allgemeinen mit Hydro-
medusen übereinstimmen, aber dauernd sessil bleiben und auf den
späteren Entwicklungsstufen gewisse Rückbildungen erfahren. Auch
die Entwicklung dieser »Medusoide« soll nach Weismann sich derjenigen
anschließen, die er für die vollkommenen Hydromedusen geschildert
hat (Nr. 70, S. 123—126). Durch die Einsenkung des Glockenkerns in
den Entodermsack wird ein doppelwandiger Becher des letzteren ge-
bildet, der durch vier interradiale Verwachsungen in vier Radialkanäle
und die einschichtigen Entodermlamellen übergeht. Der Glockenkern,
dessen Zellen frühzeitig eine chemische Verschiedenheit vom Außen-
ectoderm erkennen lassen, spaltet sich in ein Subumbrellarepithel und
den mehrschichtigen Überzug des Manubrium, worauf dieser sich in
den weiblichen Tieren in die Eizellen nebst Nährzellen und ein dünnes
Deckepithel sondert. Ein Ringkanal und vier Tentakel-Bulbi werden
47
ebenfalls gebildet. — In der Folge schließen sich die Radialkanäle und
verdünnen sich die Epithelschichten des Glockenkerns; die Nährzellen
schwinden durch Atrophie. — Die männlichen Medusoide und nament-
lich ihre Gonaden sind anfangs von den weiblichen nicht zu unter-
scheiden. —
Thallwitz bestätigte Weismann ohne Einschränkung (Nr. 65,
S.409). Cerfontaine wiederholte und ergänzte jene Angaben (Nr. 11,
S. 295 — 298). Auch der Ringkanal schwinde bald, während in den
Lichtungen der Tentakel-Bulbi sich geschichtete Concretionen einfinden.
Später entwickle sich eine wirkliche Subumbrellarhöhle, deren Decke
(Velum) eine Öffnung erhält. Endlich beschreibt Cerfontaine an den
Medusoiden von Pennaria dieselben radialen und interradialen Ver-
lötungen des Subumbrellarepithels mit dem umbrellaren Entoderm, die
Schulze bei Syncoryne auffand, so daß dadurch die Übereinstimmung
der Medusoide von Pennaria mit vollkommenen Medusen verstärkt wird.
Nach meinen Untersuchungen verläuft die Entwicklung der Medu-
soide von Pennaria allerdings ebenso, wie die von mir geschilderte Ent-
wicklung der sich ablösenden und freilebenden Hydromedusen; ebendes-
halb kann ich die grundsätzlich abweichenden Angaben Weismanns
und Cerfontaines über eine zweischichtige Entodermlamelle als Grund-
lage der umbrellaren Entodermteile nicht bestätigen.
Die kleinsten, aus dem Hydranthenköpfchen noch wenig hervor-
ragenden weiblichen Medusoidknospen erscheinen im ganzen noch
als halbkughge Ausstülpungen, zeigen aber bei genauerer Untersuchung
doch schon gewisse bemerkenswerte Ansätze zur weiteren Entwicklung
(Fig. 85). Der verdickte Scheitel des Ectoderms ist durch rege Zell-
teilung mehrschichtig geworden und die tieferen Schichten haben sich
durch die Beschaffenheit ihrer Zellen von der äußeren Schicht, einer
unveränderten Fortsetzung des übrigen Ectoderms, gesondert. Die
meisten jener tief erliegenden Zellen sind größer als die übrigen Ecto-
dermzellen, kuglig und mit einem großen Kern versehen, der meist von
einer dunklen Plasmazone umgeben ist; sie sind also eigen tUch schon
so beschaffen wie die jungen Keimzellen im künftigen Manubrium (s. u.).
Ich sehe daher in dieser tieferen Ectodermschicht des Scheitels nicht
schlechtweg die Anlage eines Glockenkerns (Weismann), sondern
zugleich ein Keimzellenlager. Da es die aller jüngsten Eizellen ent-
hält und ihre Zahl später im Manubrium ansehnlich wächst, ohne daß
man zugleich eine Einwanderung derselben von außen wahrnehmen
kann, muß man annehmen, daß sie an Ort und Stelle, im Glockenkern
und im Manubriumectoderm. entstehen und sich vermehren und teils
48
gar keiner, teils nur einer ganz geringen passiven Ortsveränderimg
unterliegen.
Außerdem finden sich solche jungen Eizellen einzeln, aber größer
und charakteristischer entwickelt und früher als im Glockenkern im
seitlichen Ectoderm der Knospen und darüber hinaus im angrenzenden
Ectoderm des Hydranthenköpfchens (Fig. 86 — 89, 91). Nach ihrer Lage
in und zwischen den Ectodermzellen können sie nur aus den letzteren
entstanden sein; und gegen eine etwaige Verwechslung mit andern Ele-
menten, z. B. Zellenparasiten, spricht außer ihrer Bildung besonders
der Umstand, daß sie nur an den Knospen und in der Knospungszone
des Hydranthenköpfchens vorkommen. Daraus ergibt sich aber der
Schluß, daß die ectodermale Keimstätte der weiblichen Pen-
naria sich vom Hydranthenköpfchen bis in das Manubrium
der Medusoidknospen erstreckt.
Damit ist aber die Bedeutung der voranstehenden Beobachtungen
nicht erschöpft. Die nicht geringe Zahl der im Außenectoderm der
Knospe und im Ectoderm des Hydranthenköpfchens vorkommenden
Eizellen verbietet es, sie einfach als zufällige und gelegentliche Aus-
nahmen zu betrachten; anderseits ist es nicht wahrscheinhch, daß sie
insgesamt oder nur größtenteils in den Giockenkern einwandern, da so
große Eizellen dort noch lange nicht anzutreffen sind. Es bleibt daher
nur die Annahme übrig, daß sie im ganzen abortive Keimzellen
und folglich einen abortiven Teil der weiteren Keimzone darstellen. Ob
dies eine beginnende Erweiterung der ursprünglichen, auf den Glocken-
kern beschränkten Keimzone bedeutet in dem Sinne, daß ihr neuerwor-
bener äußerer Abschnitt noch unvollkommen entwickelt ist, oder eine
beginnende Zusammenziehung einer msprünglich weiteren und ent-
fernteren Keimzone auf den centralen Glockenkern, wobei dann die
ältere äußere Zone abortiv wird, — das wird sich erst später, im ver-
gleichenden Teil dieser Arbeit, völlig entscheiden lassen. Immerhin läßt
sich schon jetzt sagen, daß nach den vorliegenden Tatsachen die zweite
Möglichkeit wahrscheinlicher ist; denn einmal ist nach allgemeiner ent-
wicklungsgeschichtlicher Erfahrung eine ontogenetisch frühere Anlage,
lüer also die äußere Keimzone, auch stammesgeschichtHch älter, und
zweitens ist Rückbildung nicht gerade ein Merkmal einer Neubildurg
und eines Fortschritts.
In den jungen männlichen Medusoidknospen von Pennaria
cavolinii habe ich Keimzellen nur im Scheitelectoderm gefunden
und zwar nur in sehr schwacher Differenzierung (Fig. 92). Ihre weitere
Ausbildung und Vermehrung durch Neubildung oder Teilung erfolgt
49
im Manubrium, so daß von einer eigentliclien Wanderung dieser Keim-
zellen nicht die Rede sein kann.
Die morphologisclie Entwicklung der Medusoidknospen von Pen-
naria erfolgt in beiden Geschlechtern ganz gleich. Schon an den jüngsten
Knospen findet man die ersten Anlagen der Radialschläuche in den
uns schon bekannten Zipfeln (Fig. 85, 86). Da diese schon dort vor-
kommen, wo die distale Fläche der Entodermkuppe noch konvex ist
(Fig. 92), können sie nicht von einer durch den Glogkenkern herbei-
geführten Einbuchtung des Entoderms herrühren. Nach der Einsenkung
des Glockenkerns sind die vier Radialschläuche vollends deutlich; auf
den Querdurchschnitten erscheinen sie anfangs abgeplattet, dann cy-
lindrisch und in Berührung miteinander (Fig. 89, 90). — Eine Eigen-
tümlichkeit von Pennaria besteht darin, daß aus der Spadixplatte
frühzeitig ein dicker, spitz auslaufender Zapfen abwärts bis in den Stiel
hinein wächst, der auch nach der Entstehung der Spadixhöhle erhalten
bleibt (Fig. 88, 93); denn der Spadix entsteht nicht durch eine Aus-
stülpung der Spadixplatte und nicht gleich hohl, sondern in Form eines
soliden konischen Auswuchses, der erst, nachdem er kolbig geworden
ist, samt dem ihn verlängernden Zapfen von einem dünnen Kanal
durchzogen wird.
Die Abspaltung des Subumbrellarepithels geschieht in der ge-
wöhnlichen Weise; es bildet zuletzt einen vollständigen, deutlich ab-
stehenden Mantel über dem haarzwiebelförmigen dicken Überzug des
Manubrium (Ovarium, Spermarium) und verdünnt sich bedeutend. Sein
Scheitel springt ziemlich frühe zwischen den Enden der Radialschläuche
als hohler Zapfen in das Ectoderm vor (Fig. 93). Eine Muskelbildung
habe ich an diesem Subumbrellarepithel nicht direkt nachweisen können ;
doch fand ich seine Zellen an älteren Medusoiden etwas quer gestreckt
und ebenso gegen die Glockenhöhle vorspringend wie bei Podocoryne
(Fig. 95).
Die Radialschläuche werden platt und breit, rücken zeitweise aus-
einander (Fig. 94) und nähern sich dann wieder bis zur Berührung mit
ihren scharf auslaufenden Rändern. Ihre Lichtung wird dabei spalt-
förmig, reicht aber durch die ganze Breite des Schlauches. Dann schheßt
sie sich vollständig, indem die umgebenden Entodermzellen sich auf-
lösen und zu einer breiigen, von glänzenden Körnchen durchsetzten
Masse verschmelzen, die den Spalt verdrängt; nur an den Rändern der
Schläuche scheinen ganze Zellen übrig zu bleiben. Etwas später ziehen
sich die von jener Detritusmasse gebildeten Hauptteile der Radial-
schläuche zu schmalen, platten Streifen zusammen (Fig. 95), und in den
4
50
breiten Zwischenräumen zwischen ihnen zeigen sich spärUche, platte
Zellen, deren Zusammenhang stellenweise fraglich bleibt. Diese Streifen
und die sie verbindenden Plattenzellenlagen entsprechen im allgemeinen
den Kadialkanälen und den Umbrellarplatten der vollkommenen
Hydromedusen, obwohl sie, wie man sieht, auf eine etwas andre Art ent-
stehen. Die oberen Enden der Radialschläuche bleiben bis zuletzt hohl
und wachsen wie ge wöhnhch in vier getrennte, aber niedrige Randwülste
hinein, deren Höhlung regelmäßig von einer der von Cerfontaine be-
schriebenen, mir völhg unklaren Concretionen eingenommen wird
(Fig. 96). Einen Ringkanal habe ich stets vermißt.
Sobald das Manubrium der weiblichen Medusoidknospen von Pen-
naria hergestellt und in seinem mehrschichtigen Überzug das Ova-
rium etabhert ist, geht dessen weitere Entwicklung so vor sich, wie es
Weismann beschrieb. Die Eizellen vermehren sich außerordentüch
und bilden die Hauptmasse des Ovarium, an dessen Oberfläche sich
ein zartes, epithelartiges Häutchen differenziert. Ob auch zwischen
den Eizellen indifferente Interstitialzellen vorkommen, habe ich nicht
feststellen können. Nach längerer Zeit vergrößern sich einige wenige
der jungen Eizellen, um zu den definitiven Eiern auszuwachsen,
während die übrigen als Nährzellen fungieren. In demselben Maße als
die ersteren wachsen, nimmt die Zahl der Nährzellen ab, wie ich aber
glaube, nicht bloß durch Atrophie ; denn in noch nicht ganz reifen Eiern
traf ich einzelne, von ihnen aufgenommene Nährzellen an. Immerhin
scheint bei Pennaria nicht die einfache Verschmelzung der Eizellen und
der Nährzellen stattzufinden, wie sie bei Tubularia Regel ist (s. u.).
Das Spermarium ist, abgesehen von seinenSamenzellen, dadurch
vom Ovarium verschieden, daß es von einem Füllgewebe durchsetzt ist,
das mit der oberflächlichen Zellendecke zusammenhängt. — Vor der
Eröffnung der engen Glockenhöhle dringt die Spitze des Spadix aus der
Gonade hervor, durchsetzt das Subumbrellarepithel und hebt das api-
cale Außenectoderm hügelförmig empor. Die Eröffnung selbst habe
ich nicht gesehen; es scheint mir aber keine Veranlassung vorzuUegen,
sie mit einer wirklichen Velumbildung zu identifizieren.
Die genetische Bedeutung der Medusoide von Pennaria cavolinii
kann nicht zweifelhaft sein. Es sind Abkömmhnge von Medusen, die,
indem sie dauernd sessil wurden, zugleich eine Rückbildung erfuhren.
Diese zeigt sich unverkennbar im ganzen Entwicklungsverlauf. Die
Grundlagen einer echten Meduse, Radialschläuche und Glockenkern,
Umbrella und Manubrium werden ganz vollkommen angelegt und erst
sekundär bleiben sie in der weiteren Entwicklung stehen und bilden
51
sich zurück; die normale Entstehung der Umbrellarplatten und der
Radialkanäle wird durch Rückbildung abgeändert, Ringkanal, Tentakel
fehlen ganz, die spaltfönnige Glockenhöhle bleibt bis zuletzt geschlossen,
wobei auch das Velum entfällt, und zu einer Ablösung des ganzen Medu-
soids kommt es jedenfalls regelmäßig nicht, obgleich eine solche von
einer P ennaria-^ jyecies angegeben wird (Sigerfoos, Nr. 64).
7. Tubularia mesembryanthemum (Taf. V).
Die Tubularien tragen ähnliche Medusoide wie die Pennarien;
nur sitzen ihre Medusoide nicht unmittelbar am Hydranthenköpfchen,
sondern traubenförmig an längeren verzweigten Stielen. Das erste
Medusoid einer Traube entsteht allerdings unmittelbar am Hydranthen-
köpfchen, aber alle folgenden an seinem sich verlängernden Stiel je
unter der vorausgegangenen Knospe. Wegen ihrer Häufigkeit und des
günstigen Umstandes, daß in der Regel an den Trauben eines Hy-
dranthenköpfchens alle Entwicklungsstufen der Medusoide neben-
einander anzutreffen sind, waren die Tubularien schon seit langer Zeit
der Gegenstand zahlreicher Untersuchungen.
L. Agassiz hat die Entwicklung dieser Medusoide außer bei Tubu-
laria couthouyi noch bei zwei nächstverwandten Formen beobachtet,
Pari/pha crocea und Thamnocnidia spectabilis (Nr. 1, S. 257 — 259, 268
bis 270, 273 — 275), die Allman jedoch, und wie es scheint mit Recht,
ebenfalls iüv Tubularia- Arten erklärt (Nr. 3, S. 399 ff.). Die von Agassiz
hervorgehobenen Unterschiede der Tentakel in den drei genannten
Arten kommen hier nicht weiter in Betracht; und che Angabe, daß
T. crocea und T. spectabilis im Gegensatz zu T. couthouyi nur eine ein-
fache primäre Entodermlamelle, also auch keine Radialkanäle ent-
wickelten, beruht nach Allman auf einer Täuschung. Daher können
alle übrigen Angaben über die Entwicklung der drei Arten gemeinsam
abgehandelt werden.
Nach Agassiz stülpt die »Keimmasse« (Glockenkern) am Scheitel
der Knospe das Entoderm zu einem zweischichtigen Becher ein, worauf
der Becherrand bis zum Scheitel aufwächst und der Glockenkern ganz
vom Entoderm umhüllt ward (a. a. 0., S. 258, 274). Die Radialkanäle
entständen wie bei Syncoryne durch interradiale Verschmelzungen
der beiden Blätter des Entodermbechers (S. 270), die Tentakel (Rand-
wülste) durch Ausstülpungen der gesamten Glockenwand, so daß ihre
Höhlungen mit der Glockenhöhle kommunizierten (S. 259), — eine
4*
52
Angabe, die einer besonderen Widerlegung nicht bedarf. — Der Spadix
wächst bis zum Scheitel und durchbricht ihn zuletzt.
Der folgende Beobachter, Ciamician, wiederholt für Tuhularia
mesembryanthemum jene sattsam bekannten Angaben vom Entoderm-
becher, seinen Verschmelzungen usw. (Nr. 14, S. 503 ff., Nr. 15, S. 328 ff.).
Niemals verwachse jedoch der Becherrand vollständig über dem Glocken-
kern, dessen Außenschicht (Subumbrellarepithel) daher direkt an das
Außenectoderm anstößt. Nur bei den weiblichen Individuen breche
der Spadix durch, wobei das Außenectoderm über ihm sich eröffnet und
er nur mit einem Überzug des Glockenkernepithels nach außen hervor-
tritt. Die vom Subumbrellarepithel bedeckte Masse des Glockenkerns,
die wie eine Kappe dem Spadix aufsitzt, verwandelt sich in die Keim-
zellen.
Über Bau und Entwicklung der Medusoide verschiedener Tubu-
larien brachten Hamann, Weismann, Thallwitz, Tichomiroff und
Brauer nichts Neues; nur wurde die Kückbildung der Radialkanäle
und des Ringkanals von Hamann (Nr. 36, S. 27, 28) und Weismann
(Nr. 70, S. 128) angemerkt. Erst Schneider verdanken wir einige von
der früheren Darstellung abweichende Notizen über die Entwicklung
der Medusoide von Tuhularia mesembryanthemum (Nr. 60, S. 610 — 613).
Um den sich einsenkenden Glockenkern wüchsen vier an der Basis hohle
Entodermzapfen empor, zwischen denen alsdann in nicht näher be-
zeichneter Weise eine dünne zweischichtige Entodermlamelle entstünde,
den ganzen Glockenkern umhüllte und durch Auseinandertreten ihrer
beiden Blätter den Ringkanal bildete, wälirend die solid gewordenen
Rudimente der vier Entodermzapfen oder Radialkanäle an der Basis
der Entodermlamelle zurückblieben.
Die merkwürdig auseinandergehenden Befunde der verschiedenen
Forscher über die Keimstätte bei den Tubularien sollen erst später ange-
führt werden.
An den jüngsten Medusoidknospen von Tuhularia mesembryanthe-
mum tritt sehr bald eine Verdickung des apicalen Ectoderms hervor,
die mehr nach außen als nach innen vorspringt und daher an der Knospe
eine stumpfe Spitze hervorruft, die Entodermkuppe aber nur kaum
merklich abflacht (Fig. 97). Die tiefer liegenden Zellen jener Verdickung
sind rundUch und enger zusammengedrängt, aber sonst völlig indifferent.
Die Entodermkuppe ist ebenfalls verdickt und ihre Verdickung gegen
die Lichtung auf manchen Längsdurchschnitten jederseits von einem
53
der uns schon bekannten Zipfel der Lichtung flankiert, die in den
folgenden Schnitten verschwinden, worauf zuletzt ein mittlerer Zipfel
erscheint. Dies sind also die Ausgangspunkte der späteren Radial-
schläuche, die ähnlich wie bei Pennaria, Bougainvillea, Syncoryne und
Podocoryne schon vor der Einsenkung eines Glockenkerns auftreten.
Im Anschluß an diese Zipfel der Entodermkuppe habe ich statt regel-
mäßiger Täniolen nur unregelmäßige Wucherungen des Magenentoderms
angetroffen, die weiter abwärts besonders auffälHg hervortreten, von
dem übrigen einfachen Entoderm mehr oder weniger abgesetzt und nur
in seltenen FäUen in vier radiale Streifen gesondert sind (Fig. 97, 106).
Ich halte daher diese Entodermwucherungen für Rudimente wirk-
licher Täniolen, die unter den Medusen und Medusoiden der Hydro-
polypen nur denen von Tubularia fehlen, weil sie wie so viele andre
Organe derselben Medusoide (s. u.) der allgemeinen Rückbildung unter-
lagen^.
Auf den nächsten Entwicklungsstufen vergrößert sich die Ver-
dickung des Scheitelectoderms und senkt sich zum Glockenkern ein,
in dessen Umfange die vier zunächst nur an der Basis hohlen Radial-
schläuche aufwachsen. Schon an Längsdurchschnitten kann man
feststellen, daß mit den radialen Schläuchen interradiale Zwischen-
räume abwechseln, die die Annahme einer kontinuierhchen Entoderm-
lamelle ausschKeßen (Fig. 98) ; und die Querdurchschnitte gleich alter
Knospen mit einem soliden Glockenkern beweisen vollends, daß Tubu-
laria in der ersten Anlage der umbrellaren Entodermteile keine Aus-
nahme von der Regel macht (Fig. 99). Nur sind die mehr oder weniger
voneinander abstehenden Radialschläuche frühzeitig abgeplattet. —
Sobald der Glockenkern in der Seitenansicht etwa birnförmig erscheint,
hebt sich die peripherische Schicht seiner oberen Hälfte als ein kappen-
förmiges Epithel von dem tieferen massigen Kern ab, indem eine deut-
liche Spalte zwischen ihnen sichtbar wird (Fig. 100). Jene Epithelkappe
ist das zukünftige Subumbrellarepithel, der Kern die Anlage der den
Spadix später überziehenden Gonade und die Spalte zwischen ihnen das
Homologon einer Glockenhöhle. Erst nach dieser Sonderung erhebt
sich die Spadixplatte zu einem erst konischen, dann fingerförmigen
Spadix (Fig. 103), dessen Basis übrigens nicht selten ebenso wie bei
Pennaria zapfenförmig in den Magen hinabwächst. Gleichzeitig beginnt
auch die Differenzierung der Gonadenanlage in die Keimzellen und die
sie umhüllenden Gewebszellen.
Die Täniolen der Hydranthenköpfchen sind dagegen normal.
54
Die Radialschläuche höhlen sich in der wachsenden Knospe voll-
ständig aus und rücken zunächst ziemlich weit auseinander (Fig. 101).
Dann verbreitern sie sich bis zu gegenseitiger Berührung und beginnen
sich zurückzubilden, indem sie miteinander zu einer zusammenhängen-
den Schicht verschmelzen^ in der die früheren Lichtungen bis auf
einzelne Reste verschwinden (Fig. 104, 105). Dies geschieht sehr un-
regelmäßig, indem die Verschmelzung z. B. in einer gewissen Höhe der
Glocke nur zwei Radialschläuche umfaßt und etwas tiefer sich umgekehrt
auf die zwei andern Schläuche beschränkt. Wirkliche ümbreUar-
platten kommen dabei nicht zustande, da gerade die Lichtungen
der verschmelzenden Schläuche zu weiten Lacunen zusammenfließen,
die auf Querdurchschnitten den Eindruck eines unvollkommenen und
um'egelmäßigen Ringkanals machen können. Ist die Verschmelzung
vollendet, so fällt das ganze umbrellare Entoderm zu einer dünnen
Lamelle zusammen, in der nur dürftige Reste der früheren Lichtungen
übrig bleiben können; zuletzt ist nicht einmal die Kontinuität dieser
Lamelle nachweisbar.
Dies alles stimmt mit keiner der früheren Darstellungen überein.
Die umbrellaren Endotermteile beginnen auch bei Tubularia wie in
allen Hydromedusen statt mit einer zweischichtigen Entodermlamelle
mit vier Radialschläuchen; darin hat Schneider gegenüber seinen
Vorgängern Recht. Seine zweischichtige Entodermlamelle ist aber
keine besondere Bildung über den Radialschläuchen, sondern ist identisch
mit den verschmolzenen Radialschläuchen. — Wenn ferner Allman
für Tubularia indivisa und einige andre Arten die Anwesenheit von
Radialkanälen und eines Ringkanals in älteren Geschlechtsknospen
angibt (Nr. 3, S. 400), so fragt es sich immer noch, ob dies wirkliche
Hohlgebilde oder solche Rudimente sind, wie ich sie für Pennaria
beschrieb.
Die Radialschläuche von Tubularia enden im Umkreise des Scheitels
mit vier blasigen Anschwellungen, die miteinander ebenso zusammen-
hängen wie die übrigen Strecken der Schläuche, aber keinen voll-
kommenen Ringkanal bilden, da zwischen ihrer Innen- und Außen-
wand zahlreiche Verbindungsbrücken übrig bleiben (Fig. 107). In den
weiblichen Medusoidknospen von Tubidaria mesembryanthemum kann-
das Ectoderm durch jene vier Entodermansch wellungen zu flachen
Erhebungen vorgewölbt werden, worin man eine Wiederholung der
vier Rand Wülste der normalen Medusen zu erblicken hat (Fig. 102,
110). Darauf wachsen oben an jedem Randwulst zwei von den durch
Allman beschriebenen meridionalen und leistenförraigen Erhebungen
55
hervor (Nr. 3, S. 419), die an der Exumbrella ziemlich weit abwärts
reichen; das Ectoderm dieser Lappen lockert sich auf und im Innern
erhalten sie strangartige Fortsätze des Entoderms (Fig. 107). Das
Innenblatt des letzteren verwandelt sich später durch VacuoHsierung
in ein radiär strukturiertes Netzwerk, das einen ziemlich regelmäßigen
Ring um die unterdes schon entstandene apicale Glockenöffnung bildet
(Fig. 108).
Die Randwülste der männlichen Medusoide unsrer Tubularia ent-
stehen später als die weiblichen und bleiben meist unverändert, ohne
in die acht meridionalen Lappen auszuwachsen; doch kommen solche
auch an männlichen bisweilen vor, obgleich sie angeblich ein besonderes
Merkmal der weiblichen Medusoide sein sollen. Natürlich können diese
Lappen oder Leisten nicht schlechtweg »Tentakel« genannt werden;
doch sind sie vielleicht aus einer sehr weitgehenden Rückbildung von
echten Tentakeln hervorgegangen.
Auch im Innern der Glocke greift eine Rückbildung Platz. Am
Manubrium wachsen der Spadix und die ihn mantelförnüg umgebende
Gonade in der Regel so stark an, daß sie die Glockenhöhle ganz aus-
füllen; nur ausnahmsweise bleibt die letztere infolge einer schwachen
Entwicklung der Gonade gegen den Scheitel hin weit offen (Fig. 102).
Ihr regelmäßiger Schwund ist aber nicht nur ein virtueller, sondern
die Oberfläche der Gonade verwächst in weitem Umfange mit dem
Subumbrellarepithel zu einem lockeren Füllgewebe, wodurch der
Medusenbau ganz wesentlich verwischt wird (Fig. 104, 105). — Anfangs
ist der Spadix auch an seiner Spitze von der Gonade bedeckt; später
weichen aber die Keimzellen von jener Spitze zurück und lassen nur
ein einfaches Epithel an ihr zurück, das an die Schlußplatte der Glocke
anstößt 1. An dieser Stelle bleibt zwischen den sich erhebenden Rand-
wülsten eine Vertiefung zurück, deren Grund oder eben die genannte
Schlußplatte der Glocke sich auflöst, worauf im Umkreise der so ent-
standenen Öffnung der Glocke das dicke Außenectoderm und das
dünne Subumbrellarepithel sich miteinander verbinden, und die zapfen-
förmige Spitze des Manubrium in die Öffnung vordringt (Fig. 102,
109, 110). Für ein Velum bleibt nichts übrig. — Dieser Vorgang voll-
zieht sich nicht immer zu der gleichen Zeit, an den weiblichen Medu-
soiden aber immer früher als an den männlichen (vgl. Ciamician) ;
auch steht der Zapfen des Manubrium bei den weiblichen Medusoiden
weiter vor.
In Fig. 110 ist die Spitze des Manubrium außerhalb des Schnittes geblieben.
56
Nachdem das Sperma reif geworden ist und die Embryonalentwick-
lung in den weiblichen Medusoiden begonnen hat, lösen sich die Reste
des Glockenkerns auf und der Spadix zieht sich in den Grund der Glocke
zurück, die selbst einer gewissen Atrophie anheimfällt.
Über den Ursprung der Keimzellen der Tubularien, insbeson-
dere der zumeist untersuchten T. mesemhryanthemum liegen recht
widersprechende Angaben vor. Agassiz bezeichnete schon den soliden
Glockenkern als Keimmasse (S. 51), Ciamician (Nr. 14, S. 503) und
Weismann (Nr. 70, S. 127), sowie Thallwitz (Nr. 65, S. 417), hielten
das Manubrium-Ectoderm für die Keimstätte, während Tichomiroff,
Brauer und Schneider die Keimzellen weiter rückwärts entstehen
und erst sekundär in das Manubrium einrücken lassen. Nach Ticho-
miroff (Nr. 66, S. 2 — 7) sondert sich der Entodermschlauch der jüngsten
Knospe in eine obere und eine untere Hälfte, jene aus kubischen, diese
aus Cylinderzellen bestehend. Die obere Hälfte oder die »Keimzone«
verdickt sich sodann im Bereich des Entodermbechers und etwas
darunter zu Wülsten, die in die Magenhöhle vorspringen, aber allmählich
ganz in den Entoclermbecher vorrücken. Die Zellen dieser Wülste,
die sich von den übrigen kubischen Entodermzellen nicht unterscheiden,
nehmen darauf an Zahl ab, während im Glockenkern eine Zellenver-
mehrung stattfindet; daraus schließt Tichomiroff, daß jene Zellen in
den Glockenkern einwanderten und folglich die Keimzellen entodermalen
Ursprungs seien. — Brauer (Nr. 8, S. 553 — 556) bestätigt jene Ein-
wanderung der Keimzellen in den Glockenkern, verlegt aber ihren
Ursprung in das Ectoderm der Stiele, wo die indifferenten Urkeimzellen
ins Entoderm übertreten und bis zum Spadix hinaufwanderten. Ein-
zelne von jenen ectodermalen Urkeimzellen sollen im Ectoderm weiter
wandern und bis zum Scheitel der Knospe gelangen, von wo sie direkt
in den Glockenkern einrückten. Schneider (a. a. 0.) schließt sich
Brauer vollständig an.
Auf Grund meiner Beobachtungen kann ich nur die ältere Ansicht
von dem Ursprung der Keimzellen von Tuhularia bestätigen, daß sie
nämlich im Glockenkern und Manubrium-Ectoderm entstehen. Und
zwar beginnt diese Entwicklung oft schon im Boden des Glockenkerns,
bevor der Spadix sich erhoben bat (Agassiz); denn in solchen Knospen,
namentlich weiblichen Geschlechts, treten in dem mehrschichtigen
Glockenkernboden einzelne Zellen mit größerem und hellerem Kern
hervor, die später um diesen Kern eine einseitig überwiegende, also
halbmondförmige dunkle Plasmazone erhalten (Fig. 100) — ein un-
zweideutiges Merkmal der Keimzellen. Im Manubrium vermehren sie
57
sich ganz bedeutend und offenbar durch Neubildung aus den indiffe-
renten Zellen, die stets zwischen den Keimzellen beiderlei Geschlechts
anzutreffen sind und allmählich an Zahl abzunehmen scheinen (Fig. 103).
Am deutlichsten bleiben diese Gewebszellen an der Oberfläche der
Gonaden, wo sie aber kein besonderes Epithel bilden, da sie, abgesehen
von der schon beschriebenen Verbindung mit dem Subumbrellarepithel,
mit dem inneren Zwischengewebe der Gonade netzförmig zusammen-
hängen. Während jenes Erscheinens der Keimzellen im Glockenkern-
boden habe ich eben solche Elemente weder aus der Umgebung in den
Glockenkern und das Manubrium eintreten sehen, noch überhaupt in
andern Teilen des Medusoids oder in seinem Stiel angetroffen. Ich
bin daher überzeugt, daß die Keimstätte von Tuhularia
mesemhryanthemum sich nur im Boden des Glockenkerns
und im Ectoderm des jungen Manubrium befindet.
Die durchaus abweichenden Ansichten von Tichomiroff und
Brauer halte ich für Folgen von Verwechslungen. Tichomiroff hat
weder wirkliche Keimzellen im Entoderm, noch ihre Einwanderung
in den Glockenkern gesehen, sondern stützt seine Annahme nur darauf,
daß die von ihm so genannten entodermalen »Keimpolster« während
des Wachstums des Glockenkerns an Masse abnehmen. Diese Polster
sind aber teils die von mir beschriebenen rudimentären Täniolen (S. 53),
teils Anschnitte der Radialschläuche ; die ersteren bestehen aber
noch unverändert, nachdem das Manubrium bereits recht umfänglich
geworden ist (Fig. 103) und die Radialschläuche sind, was freilich nur
die so häufig vernachlässigten Querdurchschnitte und nicht die täu-
schenden interradialen Längsdurchschnitte beweisen können, stets und
ausnahmslos zweischichtig (Fig. 104, 105). Die einzigen greifbaren Dinge
in Tichomiroff s Darstellung, die Täniolen, verschwinden also überhaupt
nicht während des ersten Wachstums des Manubrium, und noch weniger
kann eine Einwanderung ihrer Zellen in das Manubrium und ihre
Identität mit Keimzellen in Frage kommen.
Brauer glaubt nun das, was bei Tichomiroff fehlt, ergänzen zu
können, da er differenzierte Keimzellen sowohl im Entoderm wie im
Ectoderm gefunden haben will. Aber gerade seine Beschreibung dieser
Keimzellen widerspricht seiner Deutung. Denn die fraglichen Zellen
mit umfänglichem dichtem Plasma um den stark färbbaren Kern, die
allerdings überall leicht aufzufinden sind, sind alles andre, nur keine
Keimzellen, deren Differenzierung bei Tuhularia ebenso wie bei allen
andern Hydropolypen mit einer Vergrößerung und Aufhellung des
Kerns beginnt, worauf die Verdichtung des Plasma in einer halbmond-
58
förmigen, ganz dünnen Zone um den Kern einsetzt (Fig. 101, 103, 107).
Natürlicli liegt es nahe, die von mir beschriebene erweiterte Keimzone
von Fennaria zur Bestätigung der BRAUERschen Auffassung heran-
zuziehen; und es wäre mir eine solche Bestätigung aus später ersicht-
lichen Gründen nur erwünscht. Angesichts der mir vorliegenden Be-
funde kann ich aber die Existenz einer außerhalb des Glockenkerns
befindlichen Keimzone bei Tuhularia mesenihrijanthemum nicht zugeben
und muß mich der älteren Ansicht anschließen, daß die Keimzellen
dieses Polypen nur im Glockenkern und im Ectoderm des Manubrium
entstehen. — Von den weiblichen Keimzellen der Tubularien verwandeln
sich bekanntlich nur wenige in Eier, die übrigen werden als Nährzellen
verbraucht; das Nähere dieses Vorgangs schilderten bereits Tichomi-
ROFF, DoFLEiN (Nr. 20), Schneider.
Die Medusoide von Tuhularia mesembryanthemum sind gleich denen
von Pennaria cavolinii zurückgebildete Medusen, deren normale
Anlagen noch weiter reduziert werden als bei Pennaria, was gerade zu
manchen Mißverständnissen Veranlassung gegeben haben mag.
8. Corydendrium parasiticum (Taf. V).
Mit Corydendrium beginne ich die Reihe derjenigen von mir unter-
suchten Athecata, deren Geschlechtsindividuen keine Medusen, sondern
sogenannte »Gonophoren« sind. Nachdem es sich aber bei meinen
Untersuchungen der ThecapJiora herausgestellt hat, daß unter jenem
Namen durchaus heterologe Gebilde zusammengefaßt werden, sehe
ich mich veranlaßt, zur Vermeidung von Mißverständnissen die Be-
zeichnung » Gonophoren « ganz aufzugeben und zunächst die Keimträger
der Athecata »Gonanthen« zu nennen.
Die Architektonik des Stockes hat Weismann zutreffend be-
schrieben (Nr. 70, S. 36); ich beschränke mich daher auf die Beschreibung
der Knospen. Diese entspringen unterhalb der sich an das Hydranthen-
köpfchen anschließenden »Cambium-Zone«, im Bereich des Keimzellen
produzierenden Stielabschnitts und sind zweierlei Art. Solange dort
in jungen Hydranthen noch keine oder nur ganz wenige Keimzellen
vorhanden sind, kann die hervorwachsende Hohlknospe keimfrei bleiben
und verwandelt sich dann in einen sterilen Hydranthen (Fig. 111).
Ist die Bildung von Eizellen — mir standen nur weibliche Stöcke zur
Verfügung — vor dem Beginn der Knospung weit vorgeschritten,
so treten mit der ersten Ausstülpung der Knospe gleich Eizellen in sie
59
ein und vermeliren sich durch steten Nachschub aus dem Hydranthen-
stiel (Fig. 112, 113). Diese Gonanthen sind also nichts andres
als Hydranthenknospen, deren normale Entwicklung zu
Hydranthen durch die Einwanderung von Keimzellen mehr
oder weniger abgeändert wird.
Die Keimstätte von Corydendrium ist, wie Weismann zeigte,
das Entoderm des Hydranthenstiels ; und da die Keimzellen dort stets
in der Tiefe des Epithels, unter den bloß in einer Lage vorhandenen
gewöhnlichen Epithelzellen entstehen, so hielt es W. für möglich, daß
sie im indifferenten Zustande junger Epithelzellen aus dem Ectoderm
ins Entoderm einwandern, um sich erst dort zu differenzieren (Nr. 70,
S. 41, 42). Nun habe ich aber Bilder vor Augen, die denentodermalen
Ursprung der Eizellen von Corydendrium ganz sicher beweisen.
Es ist klar, daß wenn die noch undifferenzierten Eizellen, also die
sogenannten Urkeimzellen, vom Ectoderm her ins Entoderm ein-
rückten und von den ihnen gerade anliegenden Entodermzellen bedeckt
blieben, diese entweder gehoben oder abgeplattet und verbreitert werden
müßten. Nach meinen Befunden zeigen sich aber die jüngsten Eizellen
in den Hydranthenstielen von Corydendrium unter durchaus andern
Begleiterscheinungen. An solchen Stellen sieht man, daß zwischen
den gewöhnlichen Epithelzellen des Entoderms hier und dort der Raum
einer solchen Zelle von zweien eingenommen wird, von denen die
basale durch ihren größeren hellen Kern und die ihn umkreisende
dunkle Plasmazone als Eizelle gekennzeichnet, die andre, sie gegen
die Lichtung des Entodermschlauchs deckende aber eine einfache
Epithelzelle ist (Fig. 115 a). Diese letztere ist nun weder abgeplattet
noch gehoben und nur halb so hoch und so groß wie die benachbarten
Epithelzellen, während die darunterliegende Eizelle allerdings sehr bald
zu wachsen beginnt. Es gibt dafür nur die eine Erklärung, daß eine
normale Epithelzelle durch Querteilung in jene beiden Elemente, die
tiefere Eizelle und ihre Deckzelle zerfiel, was um so sicherer erscheint,
als eine scharfe Trennungsgrenze bisweilen noch fehlt (Fig. 116).
Diese an allen jüngsten Eizellen wiederkehrende Erscheinung beweist
also, daß jede Eizelle ein Teilungsprodukt einer Entoderm-
zelle ist. Sobald sich die junge Eizelle durch Wachstum ausdehnt,
hebt und plattet sie natürhch die Deckzelle ab, diese teilt sich oder es
schließen sich ihr benachbarte Epithelzellen an, so daß sie zusammen
ein Gewölbe über der vergrößerten Eizelle bilden (Fig. 114, 115&).
Mit dem Nachweise des entodermalen Ursprungs der Eizellen ist
aber die Bedeutung der beschriebenen Befunde nicht erschöpft. Da
60
die junge Eizelle ganz unverkennbar differenziert erscheint, bevor ihre
Deckzelle Form, Größe und Lage einer halben Epithelzelle irgendwie
verändert hat, ja sogar bevor die Grenzlinie zwischen ihnen deutlich
hervortritt, so folgt daraus, daß jene Differenzierung mit der Teilung
der ursprünglichen Epithelzelle Hand in Hand geht, und daß der Zustand
einer völlig indifferenten » Urkeimzelle « bei Corydendrium gar nicht
vorkommt. Genau dasselbe habe ich auch bei andern Hydropolypen,
deren große Entodermzellen günstige Bedingungen einer einwandfreien
Beobachtung bieten, namentlich bei Clava, Sertidaria und SertidareUa
wiedergefunden (s. u.), so daß eine solche Entstehung von entodermalen
Keimzellen bereits in erheblichem Umfange festgestellt ist. Da ein
solcher Ursprung von entodermalen Keimzellen bisher noch niemals
nachgewiesen war, so bestand nicht nur für Corydendrium, sondern
für alle Hydropolypen mit entodermaler Keimstätte die Möghchkeit,
daß ihre Keimzellen in dem unkenntlichen Zustande von »Urkeim-
zellen« vom Ectoderm eingewandert seien. Die angeführten Beobach-
tungen sichern aber den Analogieschluß, daß, sobald die Keim statte,
d.h. die Schicht, in der allein die jüngsten kenntlichen Ei-
zellen vorkommen, das Entoderm ist, dieses auch deren
Ursprungsstätte ist, selbst wenn dies noch nicht in der
angegebenen Weise unwiderleglich nachgewiesen wurde.
Denn gegenüber einer solchen natürHchen Analogie kann die erwähnte,
empirisch durch nichts gestützte bloße Möglichkeit kaum in Betracht
kommen. Ob die letztere trotzdem durch allgemeine Gründe Bedeutung
gewinnen kann, wdrd im vergleichenden Teil zur Sprache kommen.
Nach Weismann verhält sich das Sperma von Corydendrium
genetisch ebenso wie die Eizellen. Die männlichen Keimzellen werden
erst im Entoderm sichtbar; die bloße Möglichkeit ihrer Einwanderung
aus dem Ectoderm in einem völlig indifferenten Zustande braucht nach
den obigen Bemerkungen jetzt noch nicht erörtert zu werden. Das
sich entwickelnde Sperma bleibt auch im Gonanthen einfach unter dem
Entodermepithel liegen und veranlaßt keine besonderen Metamorphosen
in seiner Umgebung, so daß uns nur noch die Veränderungen der weib-
lichen Gonanthen zu beschäftigen haben, die bereits Weismann aus-
führlich und zutreffend beschrieben hat.
Die jüngsten Gonanthen unterscheiden sich anfangs nur durch den
Besitz von Keimzellen von den sterilen Hydranthenknospen desselben
Polypen; später steigert sich der Unterschied dadurch, daß die sterilen
Hydranthenknospen einen Mund und Tentakel erhalten, die bei den
Gonanthen nicht zur Entwicklung kommen, so daß sie bis zur Reifezeit
61
geschlossene, lang keulenförmige Schläuche bleiben. In diesem Zustande
verharren die männlichen Gonanthen, die weiblichen werden gerade
durch die Eizellen im Innern weiter umgebildet.
Da die weiblichen Gonanthen, wie schon erwähnt, in derKeim-
zone des Hydranthenstiels hervorwachsen, geschieht die Einwanderung
der dort vorhandenen Eizellen vornehmlich passiv, durch die Wachs-
tumsbewegung des Entoderms, ohne daß man eine Beteiligung von
Eigenbewegungen der Eizellen an jener Wanderung auszuschließen
braucht (Fig. 112, 113). Da jedoch in jener ihrer passiven Orts-
veränderung auch schon die bestimmte Richtung von der Basis des
Gonanthen aufwärts enthalten ist, fehlt der etwaigen Eigenbewegung
der Eizellen jede grundsätzliche Bedeutung. — Während die Eizellen
in den Gonanthen ansehnlich wachsen, stülpen sie das Entoderm immer
stärker gegen die Höhlung vor ; dieses zieht sich wiederum mit scharfem
Rand unter jeder Eizelle zusammen und drängt sie auf diese Weise
vom Ectoderm ab, bis sie endlich vom Entoderm allseitig wie von einem
FolHkelepithel umschlossen ist ^ . Diese Folhkel füllen zuletzt den größten
Teil der Höhlung des Gonanthen aus ; und zwar habe ich aus den Quer-
schnittserien von sechs Gonanthen verschiedenen Alters feststellen
können, daß ihre Eifolhkel stets in zwei einander gegenüberliegenden
Reihen angeordnet sind und dabei ziemlich regelmäßig alternieren.
Natürhch kann diese Anordnung nicht von den Eizellen spontan ver-
anlaßt sein, sondern nur so, daß sie als passive Massen die Anpassung
des wachsenden Entoderms an den gegebenen Raum beeinflußten.
Hinsichtlich des Austritts der Eier habe ich dasselbe beobachtet,
wie Weismann (Nr. 70, S. 44). Die Follikel strecken sich aufwärts,
bis sie die verdickte Spitze des Gonanthen erreichen und mit deren
Entoderm verschmelzen; über dieser Stelle öffnet sich der Gonanth,
worauf das nächste Ei austritt. Nachdem alle Eier den Gonanthen
verlassen haben, um sich auf dem Periderm anzuheften, schrumpfen
die am Scheitel des Gonanthen befestigten Folhkel und beginnen zu
zerfallen, worauf auch der ganze Gonanth sich gegen seine Wurzel zu-
sammenzieht und allmählich resorbiert wird.
Nach der voranstehenden Beschreibung bedarf es keiner weiteren
Erörterung, daß in den Gonanthen von Corydendrium parasiticum
jede Spur einer medusoiden Bildung fehlt. Wenn ich trotzdem schon
hier, d. h. bevor die Entwicklung der Medusen und sonstigen Keim-
träger der verschiedensten Hydropolypen vergleichend geprüft werden
1 Dieser Vorgang kann übrigens schon im Hydranthenstiel beginnen (Fig. 113).
62
kann, auf die Frage eingehe, ob in den Gonanthen von Corijdendrium
vollständig zurückgebildete Medusen erblickt werden könnten, so ge-
schieht es, weil Weismann als Hauptargument für diese Ansicht den
bereits erörterten Ursprung der Keimzellen desselben Polypen anführt.
Ohne Rücksicht darauf erschien auch Weismann der medusoide Ursprung
jener Gonanthen zweifelhaft (Nr. 70, S. 252); später (S.289, 291) machte
er die Entscheidung davon abhängig, daß der entodermale Ursprung
der Keimzellen bei Corydendrium so wenig wie bei irgend einem andern
Hydropolypen nachgewiesen ist und vielmehr aus mehreren allgemeinen
Gründen ihre »ectodermale Abkunft kaum in Abrede zu stellen ist«.
Dies bedeute aber eine Verlegung der ursprünglich ectodermalen Keim-
stätte in das Entoderm, wo sie sich gegenwärtig befindet; und eine
solche Verlegung der Keimstätte ließe sich nur verstehen unter der
Annahme einer medusoiden Abstammung der Gonanthen.
Die wichtigste Voraussetzung dieser ganzen Schlußfolge ist also
der ectodermale Ursprung der Keimzellen von Corydendrium ; und gerade
diese Prämisse ist durch meine direkten Beobachtungen über die Ent-
stehung dieser Keimzellen aus dem Entoderm widerlegt, worauf denn
auch alle weiteren Schlüsse hinfälhg werden.
Die Gonanthen von Corydendrium farasiticum zeigen keine
Spur einer medusoiden Bildung oder eines medusoiden
Ursprungs; sie erscheinen vielmehr durchaus als Hydran-
thenknospen, deren normale Ausbildung infolge der Auf-
nahme von Keimzellen unterbrochen und wenigstens in
weiblichen Stöcken durch Neubildungen (Follikel) ersetzt
wird.
9. Eudendrium racemosum und E. rameum (Taf. VI).
Der im allgemeinen einfache Bau der Gonanthen der Gattung
Eudendrium wurde bisher ziemlich übereinstimmend beschrieben; da-
gegen widersprechen einander die Angaben der verschiedenen Beobach-
terüber den Ursprung der Keimzellen und insbesondereder Eizellen.
Kleinenbekg wies zuerst nach (Nr. 48), daß die jungen Eizellen in
den Stämmen von Eudendrium mit größter Leichtigkeit aus einer
Körperschicht in die andre, aus dem Ectoderm in das Entoderm und
zurück übertreten, weshalb nur der Fundort der allerjüngsten Eizellen
als Ursprungsstätte gelten könne. Als solche erkannte dann Kleinen-
berg das Ectoderm einer Eudendrium- Kit, wahrscheinlich des Euden-
drium racemosum. Weismann (Nr. 70, S. 98) und Ishikawa (Nr. 46)
63
bestätigten dies für die letztgenannte Art ; dagegen gelang es "Weismann
aiicli nach wiederholten Untersuchungen nicht, bei Eudendrium capülare
Eizellen außerhalb des Entoderms zu finden (a. a. 0., S. 110). Nach
TiCHOMiROFF stammen die Samenzellen von Eudendrium armatum aus
dem Entoderm (Nr. 66, S. 36), und neuerdings behauptete Haegitt
dasselbe von den Eizellen des Eudendrium racemosum, dispar^ tenue,
ramosum und capillare (Nr. 37).
Ich selbst habe in den beiden von mir untersuchten Arten, Euden-
drium racemosum und rameum, die kleinsten männlichen und weib-
hchen Keimzellen im Ectoderm angetroffen. Angesichts der wider-
sprechenden Angaben der andern Beobachter halte ich mich aber nicht
für berechtigt, über den Ursprung der Keimzellen irgend eines Euden-
drium ein bestimmtes Urteil zu fällen. Hält man sich streng an die
Tatsachen, so muß man es trotz allem für das Wahrscheinlichste er-
klären, daß die Keimstätte in den verschiedenen Arten von
Eudendriu7n, vielleicht sogar in einer und derselben Art
wechselt, und es wird sich zeigen, daß auch allgemeine Erwägungen
eher für als gegen eine solche Annahme sprechen. — Wo aber auch die
Keimzellen von Eudendrium entstehen mögen, so finden sie sich regel-
mäßig zuletzt im Entoderm des Blastostyls, um von dort aus in die Go-
nanthen einzuwandern. Ausnahmsweise kommen, wie schon Weis-
mann bemerkte (Nr. 70, S. 105) und ich bestätigen kann, fehlgegangene
Eizellen im Ectoderm des Blastostyls und der Gonanthen vor.
Auch die Bildung der Blastostyle ist bei Eudendrium recht ver-
schieden. Die Rückbildung der Gonanthen tragenden Hydranthen zu
Blastostylen ist allerdings längst bekannt ; doch wird schon von Hincks
angegeben (Nr. 45, S. 81), daß die männlichen Blastostyle von Euden-
drium rameum ihren Polypenbau erst spät einbüßen , und Allman
beschreibt dasselbe von Eudendrium ramosum, dessen weibliche Blasto-
style übrigens stets weniger reduziert erscheinen, während Eudendrium
racemosum vollkommene Blastostyle beiderlei Geschlechts erzeuge
(Nr. 3, S. 333, 341). Weismann hält dagegen das Vorkommen von
Gonanthen tragenden Hydranthen nur für eine Ausnahme (Nr. 70,
S. 107), während Seeliger (Nr. 63) die Blastostylbildung allerdings
auch schon in der ersten Knospenanlage antrifft, aber doch von den
bereits eingewanderten Eizellen abhängig sein läßt, wie schon vorher
TiCHOMiROFF behauptet hatte (Nr. 66, S. 33). Im besonderen sollen
die männhchen Blastostyle von Eudendrium racemosmn nach Weis-
mann Rüssel, Mund und Tentakel entbehren, die weiblichen dagegen
einen doppelten Tentakelkranz und vorübergehend einen Mund besitzen.
64
Nun habe ich jene Ausnahmen von Weismann bei Eudendrium
rameuni ganz ständig gesehen, und zwar sind die männhchen Gonanthen-
träger wenigstens anfangs vollkommene Hydranthen, während im weib-
lichen Geschlecht der Mund durch ein dünnes Häutchen verschlossen
ist. Bei Eudendrium racetnosum fand ich neben ebensolchen weiblichen
Gonanthenträgern andre ohne einen Rüssel, und die männlichen Gonan-
thenträger durchweg mit einem dichten Tentakelkranz. Aus allem scheint
mir also hervorzugehen, daß dieBlastostylbildung bei Eudendrium
nicht sowohl nur durch einige Ausnahmen, sondern durch
eine weitgehende Variabilität ausgezeichnet ist, die von voll-
kommenen Hydranthen bis zu ganz rudimentären Formen führt.
Gegen das Ende der Reifezeit tritt allerdings stets eine Rückbildung
der Gonanthenträger ein, was zweifellos nur auf den direkten Einfluß
der Gonanthenentwicklung zurückgeführt werden kann.
Die Gonanthen von Eudendrium entstehen bekanntlich kranz-
förmig um die Basis ihres Trägers, aus dessen Entoderm die Keimzellen
in die ersteren einwandern^ wo sie nach Weismann alsbald die Grenz-
lamelle durchbrechen und so ins Ectoderm gelangen (Nr. 70, S. 98, 108).
Die in den weiblichen Gonanthen eingewanderte Eizelle — sie
bleibt die einzige — soll nach demselben Beobachter anfangs an der
Spitze des Gonanthen auf dem etwas abgestumpften Ende des Ento-
dermschlauchs und noch innerhalb der Grenzlamelle liegen; sobald
aber der wachsende Entodermschlauch sich auf einer Seite an der
Eizelle vorbei zu schieben und sie hakenförmig zu umgreifen beginnt,
soll sie sich außerhalb der Grenzlamelle befinden und durch keine solche
Lamelle vom Ectoderm getrennt sein (Nr. 70, S. 104, 105). Ich kann
dies nicht bestätigen; denn ich sehe die Eizelle jederzeit durch die
ursprüngliche Grenzlamelle vom Ectoderm getrennt bleiben, wozu sich
sehr bald eine zweite Grenzlamelle zwischen Eizelle und Entoderm
gesellt (Fig. 117). Die Eizellen von Eudendrium liegen also in der Tat
zwischen Ecto- und Entoderm (Ciamician). — Bei Eudendrium rameum
bleibt der gekrümmte Entodermschlauch einfach, bis er zur Reifezeit
atrophiert; bei Eudendrium racemosum spaltet er sich, wie Weismann
fand, an der Spitze in zwei Arme, die die Eizelle von zwei Seiten her
widderhornartig umgreifen.
Von den männlichen Gonanthen wird eine wesentlich andre
Entwicklung angegeben. Nach Ciamician (Nr. 14, S. 50G) entständen
in dem Entodermschlauch paarweise einander gegenüberliegende Sper-
matoblasten, deren Kerne sich alsbald vermehren; durch Wachstum
breiten sie sich im queren Umfange des Gonanthen so weit aus, daß
65
sie zuletzt ringförmig und an seiner Spitze kappenförmig zusamnaen-
fließen. Auch scheinen nach Ciamicians Abbildungen (Fig. 18, 19, 22)
die distalen Hoden später zu entstehen als die proximalen. Weismann
läßt dagegen die aus dem Blastostyl eingewanderten Spermatoblasten
sich zuerst an der Spitze des Gonanthen ansammeln, so daß dieser erste
Hoden über der Entodermkuppe undurchbohrt bleibt, während alle
folgenden Hoden gleich ringförmig angelegt werden. Sie verlassen
das Entoderm wie die Eizellen nach Durchbruch der ursprünglichen
Grenzlamelle und sind vom Ectoderm durch keine Lamelle getrennt.
Ich bestätige die Einwanderung der kleinen aber kenntlichen
Spermatoblasten aus dem Blastostyl in den Gonanthen und ihre erste
Ansammlung an dessen Spitze ; alles übrige finde ich aber nach genauer
Prüfung anders. Allerdings verlassen sie das Entoderm, aber ohne die
alte Grenzlamelle zu durchbrechen ; nachdem sie sich an der Außenseite
des Entodermepithels angesammelt haben und dabei das Ectoderm
vorwölben, ist die frühere Grenzlamelle noch vollkommen deutlich,
während eine neue Lamelle zwischen Hodenmasse und Entoderm in
der Bildung begriffen ist (Fig. 118 — 120). Dies kann man freihch
nur an jungen Hodenanlagen erkennen; denn die weiter vorgeschrittenen
haben das ihnen eng anliegende Ectoderm außerordentlich ausgedehnt
und verdünnt, so daß dort eine Grenzlamelle kaum zu unterscheiden
ist (Fig. 121). — Wichtiger scheint mir die eigentliche Formentwicklung
der Hoden. Keiner von ihnen wird aus zwei Hälften oder gleich ring-
förmig, und der erste auch nicht kappenförmig gebildet. Die erste
Hodenmasse liegt freilich zuerst gleich einer Eizelle auf der Kuppe
des Entodermschlauchs (Fig. 118); bevor aber beide durch die sekun-
däre Grenzlamelle getrennt sind, wächst das Entoderm genau so wie
im weiblichen Gonanthen an jener Masse seitlich vorbei, sie ebenfalls
etwas umgreifend (Fig. 119, 120). Dann erst beginnt die Hodenmasse
mit zwei Zipfeln sich quer um das Entoderm auszudehnen und umwächst
ihn schließlich ringförmig, so daß seine Kuppe aus dem Einge frei hervor-
tritt und dann mit dem Ectoderm des Gonanthenscheitels bisweilen zu
einem unregelmäßigen Zipfel vorwächst (Fig. 121). Auch die folgenden
Hoden beginnen stets einseitig und werden erst allmählich ringförmig.
Die Entwicklung des ersten und unzweifelhaft phyletisch ältesten
Hodens ist deshalb bemerkenswert, weil sie wenigstens anfangs der
Entwicklung des weibhchen Gonanthen folgt; die beiderlei Keimträger
differieren also im Grunde genommen nicht so sehr, wie es nach ihrer
Fertigstellung erscheint.
Daß die Gonanthen von Eudendrium keinerlei Merkmale von
5
66
Medusen haben, liegt ebenso auf der Hand wie bei Corydendrium.
Dann scheint es mir auch nicht zulässig, den Entodermschlauch jener
Gonanthen ebenso »Spadix« zu neimen, wie die entodermale Ausklei-
dung des Manubrium einer Meduse. Allman führte diese schon früher
benutzte Terminologie ganz allgemein ein (Nr. 3, S. 32, 39, 43, 45),
indem er sich auf die äußerliche Ähnhchkeit und einen vermuteten
genetischen Zusammenhang der beiden Teile stützte. Weismann
scheint dies nicht für ganz passend zu halten, will aber den Ausdruck
»Spadix« für den Entodermschlauch der Gonanthen von Eudendrium
beibehalten, weil er »eine gewisse Selbständigkeit besitzt« (Nr. 70, S.16).
Dieser Gebrauch ist aber irreführend, da derselbe Name innerhalb
einer relativ engen Gruppe naturgemäß eine Homologie der so bezeich-
neten Teile voraussetzt, und diese Homologie in unserm Fall unter
keinen Umständen zutrifft, selbst nicht, wenn man in den Gonanthen
von Eudendrium rückgebildete Nachkommen von Medusen zu sehen
meint.
Homologa wären auch in diesem Fall nur die einfachen, ungeson-
derten Entodermschläuche der Gonanthen und der jüngsten Medusen-
knospen; sobald nun ein solcher Schlauch in der Medusenknospe sich
in die Kadialschläuche, den Centralmagen und die Entodermauskleidung
des Manubrium gesondert hat, so kann dieser letztere neugebildete Teil
nicht dem ganzen ursprünglichen Entodermschlauch der Medusenknospe
oder des Gonanthen homolog sein, und dürfen daher diese heterologen
Teile nicht denselben Namen führen. Wem von ihnen der Name
»Spadix« ausschließlich belassen werden soll, ist nach praktischen
Eücksichten zu entscheiden. Soll der ganze einfache Entodermschlauch
der Gonanthen so heißen, so müßte es auch der gleiche Entoderm-
schlauch der jüngsten Medusenknospen, während die weiter entwickelten
Knospen keinen »Spadix« mehr besäßen — was notwendig zu Miß-
verständnissen führte. Beläßt man dagegen den Namen »Spadix«
allein der Innenschicht des Manubrium der Medusen, so fällt er für
die Gonanthen von Eudendnum und, wie wir sehen werden, aller andern
Hydropolypen einfach fort, ohne daß Mißverständnisse zu besorgen
wären. Ich werde mich daher nach wie vor an die letztere Terminologie
halten.
10. Dicoryne conferta (Taf. VI).
Das von mir untersuchte, aus der Nordsee stammende Stöckchen
zeigt nüt einer gleich zu erwähnenden scheinbaren Ausnahme alle
ö7
Merkmale der genannten Species, sowohl im Bau und der Verzweigung
des Stammes und der Hydrantlien, wie in der Bildung der Blastostyle
und ihrer Gonanthen (s. Allman, Nr. 3, S. 226, 293). Die schlauch-
förmigen und tentakellosen Blastostyle laufen distal in einen langen
dünnen Rüssel aus, sind darunter mit den ei- und birnförmigen, von
einem Periderm umhüllten Gonanthen besetzt und sitzen auf relativ
langen Stielen. Sobald die Gonanthen einigermaßen ausgewachsen sind,
enthalten sie innerhalb des Ectoderms einen einfachen Entodermschlauch
und meist zwei große Eizellen, die an zwei einander entgegengesetzten
Seiten zwischen den beiden Körperschichten liegen. Männliche Blasto-
style und Gonanthen wurden nicht bebachtet, obwohl sie nach Allman
in demselben Stöckchen mit weiblichen gemischt vorkommen.
Nun fehlten aber an den von mir untersuchten Gonanthen die
beiden von Allman beschriebenen basalen Tentakel, die nach dem
Freiwerden des Gonanthen sich rückwärts umschlagen. Dies kann
jedoch kein Grund sein, die Bezeichnung Dicoryne conferta für dasselbe
Stöckchen zu beanstanden; denn die ältesten von mir gefundenen
Gonanthen waren, nach der Größe der Eizellen zu urteilen, noch nicht
ausgewachsen, und es ist ziemlich sicher, daß die Tentakel sich erst
an den reifenden Gonanthen entwickeln.
Die Entwicklung der Gonanthen ist so einfach wie möglich.
Wo das Ectoderm des Blastostyls in geringem Umfange verdickt und
etwas vorgewölbt erscheint, wächst eine kleine Ausstülpung des dicken
Entoderms mit enger Lichtung in jene Ectodermverdickung hinein,
worauf die ganze junge Knospe an ihrer Basis eingeschnürt, gestielt
wird (Fig. 122, 123). Ihre weitere Ausbildung hängt mit dem Auf-
treten der Eizellen zusammen. Diese entstehen im Ectoderm des
Blastostyls und können dort bereits eine ansehnliche Größe erreichen;
jenseits der Gonanthen habe ich keine Eizellen im Blastostyl angetroffen.
Sie liegen einzeln oder zu zwei und drei gruppiert in wenig vorstehenden
Verdickungen des Ectoderms und rücken scheinbar passiv in die an
derselben Stelle hervorwachsenden Knospen hinein, wo sie bald am
Scheitel, bald seitlich zu sehen sind. Doch fand ich zahlreiche junge
Knospen, die keine Eizellen enthielten und deren Blastostyl ebenfalls
keine oder etwa nur eine Eizelle zeigte. Angesichts der so außerordent-
lich frühe auftretenden Bildung des dünnen Knospenstiels ist es nicht
recht wahrscheinlich, daß Eizellen, die etwa später im Blastostyl ent-
stehen, durch jene Stücke aktiv in die Knospen einwandern sollten;
anderseits sehe ich in einigen dieser Knospen hier und dort eine Ecto-
dermzelle mit dunklerem Protoplasma, die ganz wohl zu einer Eizelle
68
auswachsen könnte. Es ist also nicht ausgeschlossen, daß die Keim-
zone von Dicoryne sich vom Blastostyl bis in die Gonanthen ausdehnt.
In den Gonanthen bleiben die Eizellen im Ectoderm, unmittelbar
an der Grenzlamelle liegen; bei einer gewissen Größe werden sie aber
auch außen von einer neuentstandenen Grenzlamelle überzogen und
so vom Ectodermepithel getrennt. Die reifenden Eier befinden sich
also zwischen dem Ectoderm und dem Entoderm. — In der Regel sind
sie in der Zweizahl vorhanden und einander gegenüber gelagert (Fig. 126) ;
doch kommen auch drei und vier oder nur eine Eizelle in einem Gonan-
then vor (Fig. 123 — 125). Sobald sie größer werden, platten sie sich
gegen den Entodermschlauch ab und drücken ihn etwas zusammen,
während sie das Ectoderm stark ausbuchten und verdünnen. Dagegen
bleibt das letztere in der Zone zwischen den beiden Eizellen, sowohl
seitlich wie am Scheitel dick und mit dem Entoderm fest verbunden.
Die Gonanthen von Dicoryne gehören zu den einfachsten, die bei
den Hydropolypen gefunden werden. Die einzige Veränderung, die die
jüngsten zweischichtigen Hohlknospen erfahren, besteht in der Ab-
drängung des Entodermschlauchs vom Ectoderm durch die Eizellen.
Dadurch gleichen sie den Gonanthen von Heterocotyle coyiyhearei und
den weiblichen Gonanthen von Eudendrium. Selbst nachdem die basalen
Tentakel in der Hauptebene des Entodermschlauchs entstanden sind, ist
an ihnen keinerlei Medusenähnlichkeit erreicht, wie Allman meint (Nr. 3,
S. 227). Diese seine Ansicht hängt natürlich aufs engste mit seiner
Hypothese von dem Ursprung der Medusen zusammen, wonach hohle
Tentakel, die von der Basis des Hypostoms eines Hydranthen aufwüchsen
und eine sie verbindende Membran mit sich zögen, die Grundlage der
Umbrella mit den Radialkanälen bildeten, worauf das Hypostom direkt
in das Manubrium überging. Davon ausgehend hält er die Gonanthen
von Dicoryne gewissermaßen für die polypoide Vorstufe einer Meduse,
deren Bau erreicht wäre, sobald die Glocke mit allen ihren Teilen um
den Gonanthen aufwüchse. Nun zeigt aber die Entwicklungsgeschichte
der Medusen, daß deren ganze Organisation innerhalb der Knospe
und nicht außerhalb derselben entsteht, und zwar durch vier in ihrer
Wand eingeschlossene Radialschläuche und einen inneren Glockenkern,
in dem sich das Manubrium erst als Neubildung entwickelt. Von einer
medusoiden Bildung kann also bei den Gonanthen von Dicoryne gar
rächt die Rede sein; und mit viel größerem Recht kann man be-
haupten, daß die basalen Tentakel dieser Gonanthen deren Polypen-
ähnlichkeit unzweideutig hervortreten lassen; es fehlt nur noch der
Mund, um ein Hydranthenköpfchen vollständig zu machen.
69
11. Hydractinia echinata (Taf. VI).
Bekanntlich rührt die erste genaue Untersuchung der Gonanthen
von Hydractinia echinata von E. van Beneden her (Nr. 6, S. 38 — 61).
Nach ihm sind sie anfangs einfache Ausstülpungen der zweischichtigen
Wand des Blastostyls^ an deren Scheitel alsbald eine Verdickung des
Ectodernis entsteht und einwärts gegen das Entoderm vordringt, um
sich dann in eine flache, zweischichtige Kalotte zu verwandeln, die
sich über die Kuppe des Entodermschlauchs oder den »Spadix« aus-
breitet. Diese Kalotte (Glockenkern — Weismann) kann aber auch
durch eine Einstülpung des Ectoderms entstehen. Während ihrer
Abplattung und Ausbreitung dringt der Rand der Entodermkuppe
zwischen die Kalotte und das Außenectoderm ein und überzieht die
erstere als dünne und einschichtige » Medusoidlamelle « (Entodermla-
melle) bis zum Scheitel; dort verwächst die halbkuglige Lamelle, wo-
gegen ihr unterer Rand sich vom Spadix ablöst.
Die Eizellen entstehen nach L. van Beneden im Entoderm des
Blastostyls und wandern in die Gonanthen ein; indem sie dort beträcht-
lich wachsen, drängen sie die Entodermzellen in zwei Lagen auseinander,
eine äußere, die der Ectodermkalotte anhegt, und eine innere, die die
Entodermhöhle begrenzt. — Die Spermatoblasten entständen dagegen
aus der dicken tieferen Schicht der Ectodermkalotte, während die
Außenschicht dünn bleibt; daher bezeichnet van Beneden die Kalotte
schlechtweg als Hodenanlage, die bei den weibhchen Individuen indiffe-
rent bleibt, aber immerhin auf einen hermaphroditischen Ursprung
der Gonanthen hinweist. Anderseits erkennt van Beneden in der-
selben zweischichtigen Hodenanlage die Vorstufe des später soge-
nannten Glockenkerns, d. h. des Subumbrellarepithels und des ecto-
dermalen Überzugs des Manubrium der Medusen.
Weismänn (Nr. 70, S. 78 ff.) bestätigt die Beobachtungen van Bene-
dens bis auf zwei Punkte, den Ursprung der männüchen Keimzellen
und die Deutung der Gonanthen. Die Spermatoblasten entständen
nicht im Glockenkern, vielmehr ebenso wie die Eizellen im Entoderm
des Blastostyls; nach ihrer Einwanderung in die am Köpfchen des
Blastostyls sprossenden Gonanthen durchsetzen sie in der Kuppe des
Entodermschlauchs die siebförmig durchbrochene Grenzlamelle, um
sich in der tieferen Schicht des Glockenkerns anzusammeln. Ebenso
befinden sich auch die in den Gonanthen eingewanderten Eizellen
sehr bald außerhalb der Grenzlamelle, also im Ectoderm, wenngleich
sie noch in großen Gonanthen an drei Seiten von Entodermzellen
70
umgeben würden. — Daß die beiderlei Urkeimzellen, obgleich sie sich
im Entoderm differenzieren, dennoch aus dem Ectoderm stammen,
lasse sich zwar nicht direkt beweisen, aber durch den Vergleich mit
andern Formen, wo dieser Ursprung zweifellos sei, sicherstellen. Im
übrigen betont Weismann, daß durch van Beneden der medusoice
Bau der Gonanthen von Hydractinia nachgewiesen sei, daß diese Über-
einstimmung jedoch nur darauf zurückzuführen sei, daß sie von voll-
kommenen Medusen abstammten, rückgebildete Medusen seien.
Endlich hat Bunting (Nr. 10, S. 208—211) Hydractinia einer
erneuten Untersuchung unterzogen und ist dabei zu teilweise andern
Ergebnissen gelangt. Der Glockenkern der Gonanthen entsteht wahr-
scheinlich aus einzelnen aus dem Ectoderm ins Innere vorrückenden
Zellen, die nach ihrer Vermehrung zwei Schichten bilden, von denen
die innere in den weiblichen Gonanthen die aus dem Entoderm hervor-
tretenden Eizellen überzieht, in den männlichen Individuen aber die
Spermatoblasten erzeugt. An den älteren Spermarien lassen sich bis-
weilen zwei deckende Schichten unterscheiden, doch wird eine Ento-
dermlamelle überhaupt nicht erwähnt und findet sich auch in den
Abbildungen nicht vor.
Die Gonanthen von Hydractinia echinata sitzen an dem Blastostyl
unterhalb der von van Beneden zuerst beschriebenen Cambiumzone,
also genau an derselben Stelle wie die Gonanthen von Corydendrium.
Wie Weismann mit Kecht hervorhob (Nr. 70, S. 40) gehören die Cam-
bium- und die Knospungszone von Corydendrium zum Stiel; denn wollte
man diese Zonen zum Köpfchen des Hydranthen rechnen, so entständen
nicht nur die Gonanthen, sondern auch die neuen Hydranthen am
Köpfchen, was sonst nirgends vorkommt. Wegen der genannten über-
einstimmenden Lagebeziehungen bei Corydendrium und Hydractinia
muß also auch für die letztere Art angenommen werden, daß ihre
Gonanthen am Stiel des Blastostyls knospen. Es ist mir daher nicht
recht verständlich, warum Weismann bei Hydractinia nicht nur die
Cambiumzone, sondern auch die Knospungszone zum Köpfchen des
Blastostyls rechnet und daher die Gonanthen als Knospen des Köpfchens
ansieht.
Die männlichen Gonanthen. Ich stelle sie voran, weil ich
gerade unter ihnen die frühesten Entwicklungsstufen antraf. Die
Spermatoblasten zeigen sich schon im Entoderm des Blastostyls, wo
sie durch ihre starke Färbbarkeit und ihre unregelmäßigen, eckigen
71
Formen kenntlich sind. Ich sehe sie ungefähr ebenso entstehen wie
die Eizellen von CorydeHdrium, Clava u. a. (S. 59, 60) : nachdem der Kern
einer Entodermzelle sich verdoppelt hat, sammelt sich um einen der-
selben, ohne daß er sich vergrößerte und aufhellte wie an einer Eizelle,
eine ziemlich breite dunkle Plasmazone, die nun als junger Sper-
matoblast in der Mutterzelle liegen bleibt (Fig. 128—130). Dasselbe
kann aber auch um den ungeteilten Kern oder um beide Kernhälften
der Bildungszelle geschehen. Ich muß also Weismann gegen van Bene-
den und BuNTiNG bestätigen, daß die Spermatoblasten von Hydractinia
echinata sich im Entoderm und nicht im Ectoderm differenzieren.
Dagegen widerlegt diese Entstehung der Spermatoblasten die Vermutung
Weismanns, daß sie aus dem Ectoderm einwanderten, schon deshalb,
weil ihre Differenzierung nicht an ganzen Zellen, sondern innerhalb
der Epithelzellen des Entoderms beginnt. Auch ist es klar, daß die in
ihren Mutterzellen liegenden jungen Spermatoblasten nicht selbständig
in die Gonanthenknospen einwandern, sondern nur passiv mit ihren
Mutterzellen, d. h. mit dem wachsenden Entoderm dorthin gelangen
können. EndUch bliebe noch zu erwähnen, daß die beschriebene
Differenzierung von Spermatoblasten vom ersten Stadium an auch inner-
halb der Gonanthenknospen anzutreffen ist.
Aus allen diesen Befunden ergibt sich daher, daß die Spermato-
blasten von Hydractinia in und aus den Entodermzellen
entstehen und nur einer passiven Ortsveränderung unter-
liegen, daß zweitens die Keimzone dieser Polypen sich vom
Blastostyl bis in die Gonanthen hinein erstreckt.
Nachdem die Gonanthen als indifferente Hohlknospen hervor-
gewachsen sind, findet ihre erste wesentliche Veränderung an ihrem
Scheitel statt, wo sich das Ectoderm durch Zellteilungen verdickt und
infolgedessen einen knopfförmigen Vorsprung gegen das Entoderm
bildet (Fig. 131). Eine vorausgehende »Einstülpung« des Ectoderms
(van Beneden) habe ich nicht gesehen; da sie auch in den homologen
Scheitelplatten andrer Gonanthen fehlt und auch bei den allgemeinen
Vergleichen aller Geschlechtsindividuen keinerlei Bedeutung gewinnt,
kann sie, falls sie gelegentlich wirklich vorkommt, nur als eine zufälHge
Variante bei der Wucherung des apicalen Ectoderms angesehen werden.
Die knopfförmige Gestalt dieser Wucherung, die das Entoderm
entsprechend eindrückt, dauert jedoch nur eine kurze Zeit; während
sich die kompakte Masse vom übrigen Ectoderm (Außenectoderm)
ablöst, plattet sie sich an der Unterseite ab und ruht dann in Gestalt
einer plan-konvexen Linse auf der wieder eben gewordenen Entoderm-
72
kuppe (Fig. 130). Durch weiteres Wachstum breitet sie sich über den
Entodermschlauch abwärts aus und gewinnt dadurch die von van Bene-
den gut gekennzeichnete Form einer in einen scharfen Rand aus-
laufenden Kalotte (Fig. 132). Währenddessen spaltet sich eine obere
dünne Zellenlage von ihr ab, doch bleibt sie ein Ganzes, da beide Schich-
ten am Rande zusammenhängen.
Soweit stimme ich mit van Beneden überein. Dagegen muß ich
seiner weiteren, von Weismann wiederholten Angabe, daß zwischen
die abwärts wachsende Kalotte und das Außenectoderm sich eine
dünne Entodermlamelle vorschiebt, um so eine der vermeintlichen
Entodermlamelle der Medusen homologe Bildung herzustellen, auf das
bestimmteste widersprechen. Eine solche Lamelle kommt in den
Gonanthen von Hydractinia niemals vor; denn mag auch die Außen -
Schicht der Kalotte gelegentlich und stellenweise zweischichtig erschei-
nen, so bleibt die letztere doch stets eine einheitliche ectodermale
Bildung und dem Außenectoderm unmittelbar angelagert und nur durch
eine Grenzlamelle von ihr geschieden. Eine ebensolche Grenzlamelle
ist stellenweise auch zwischen der Kalotte und dem Entoderm wahr-
zunehmen ; es ist mir aber nicht möglich gewesen festzustellen, welches
die ursprüngliche Grenzlamelle ist und welche neu entsteht.
Während der Ausbreitung der zweischichtigen Kalotte vermehren
sich die Spermatoblasten durch häufige Teilungen und sammeln sich
an der äußeren Peripherie des Entoderms an, um darauf in die dickere
Innenschicht der Kalotte überzutreten. Dies vollzieht sich aber nach
meinen Beobachtungen nicht zu der Zeit, wann die Anlage der Kalotte
noch als ein indifferenter Zellenballen nur über der Entodermkuppe
ruht, sondern nachdem sie ungefähr die Hälfte des Entodermschlauchs
überzogen hat. Auch konnte ich mich nicht davon überzeugen, daß
die Spermatoblasten einzeln durch Löcher der Grenzlamelle lündurch-
treten; meine Befunde sprechen vielmehr für eine ganz andre Art der
»Auswanderung« der Samenzellen aus dem Entoderm.
Nachdem sie sich in der Tiefe des Entoderms angesammelt haben,
sind sie zunächst noch durch die Grenzlamelle von der Ectodermkalotte
getrennt, hängen aber mit dem übrigen Entoderm mehr oder weniger
kontinuierlich zusammen, obgleich sie als zwei gesonderte Schichten
imponieren. Etwas später schwindet jene Grenzlamelle völlig, so daß
Samenzellen und Kalotte zu einer einzigen Schicht zusammentreten.
Dies kann aber nicht die Folge einer Einwanderung der Samenzellen
durch die Grenzlamelle in die Kalotte sein ; denn wie die größere untere
Hälfte des Querdurchschnitts Fig. 133 zeigt, besteht der frühere Zu-
73
sammenhang der Samenzellen mit dem übrigen Entoderm noch unver-
ändert. Nur in einem kleineren (oberen) Abschnitt des Durchschnitts
zeigt sich bereits eine Trennung beider Teile, die sich weiterhin über
deren ganzen Umfang ausbreitet. Dabei handelt es sich, wie der Ver-
gleich mit dem früheren Zustande beweist, keineswegs um eine Lage-
veränderung der Samenzellenschicht, sondern nur darum, daß die mit
ihr zusammenhängenden Entodermteile sich ablösen und zu einem
glatt begrenzten Epithel werden, ähnlich wie die oben erwähnten
jungen Eizellen von Corydendrium sich von ihren Deckzellen trennen.
Zwischen den auf diese Weise getrennten beiden Schichten derGonanthen
Aron Hydractinia, dem Spermarium und dem Entoderm, scheint sich
zuletzt eine neue Grenzlamelle zu bilden (Fig. 134).
Das Ergebnis dieser Befunde würde also lauten: nachdem die
Samenzellen sich an der äußeren Peripherie des Entoderms
angesammelt haben, schwindet die sie deckende Grenz-
lamelle, und vereinigen sie sich mit der Ectodermkalotte
zu einer Schicht; darauf trennen sie sich ohne jede Orts-
veränderung von dem übrigen Entoderm, das sich zu einem
gegen sie scharf abgegrenzten Epithel ordnet.
Die Außenschicht oder »Deckschicht« der Kalotte ist anfangs
nicht nur scharf von der Innenschicht getrennt, sondern durch eine
bedeutende Abplattung von ihr unterschieden. Ihre Zellen erscheinen
auf Durchschnitten in der Spindelform, wie sie von jedem Platten-
epithel bekannt ist (Fig. 132). Sehr bald verliert sich aber die bestimmte
Abgrenzung dieser Schicht, so daß man nur stellenweise einige ihrer
Plattenzellen erkennt (Fig. 133, 134). — über die Schicksale der
Innenschicht finde ich keine Angaben. Nach ihrer Vereinigung mit den
Samenzellen zu der eigentlichen Hodenanlage sind ihre Zellen zwischen
den letzteren noch einigermaßen zu unterscheiden (Fig. 134); sobald
aber der Zerfall der Samenzellen in immer kleinere Elemente fort-
geschritten ist, fehlt in den mittelgroßen Spermarien, die den sich
allmählich zusammenziehenden Entodermschlauch wie ein dicker Mantel
umschließen, jedes Unterscheidungsmerkmal zwischen den Sexualzellen
und dem interstitiellen ectodermalen Gewebe. Erst später, wann die
Lichtung des Entodermschlauchs zu schwinden beginnt, und seine
Zellen der Auflösung entgegengehen, zeigen sich in der kompakten
dunklen und kleinzelligen Samenmasse unregelmäßige oder kughge
helle Lacunen, in denen ein Zellengerüst mit helleren und größeren
Kernen als diejenigen des Sperma liegt (Fig. 135). Dieses Zwischen-
gewebe, das uns noch in andern Spermarien {Cordylojjhora, Theca-
74
fhora) begegnen wird, ist natürlich der Rest der früheren Innenschicht
der Kalotte, der wahrscheinlich an halbentleerten Gonanthen noch
deutlicher als richtiges bindege websartiges Füllgewebe hervortreten
würde, wie es sich auch in den weiblichen Gonanthen unverkennbar
zeigt.
In den reifenden männlichen Gonanthen ist das Außenectoderm
namentlich in der distalen Hälfte außerordentlich verdünnt. Dies
nimmt an den Vollreifen Gonanthen so zu, daß sie wie dünne mit Sperma
gefüllte Blasen erscheinen, in deren Mitte die undeutlichen Reste des
Entodermschlauchs liegen.
Die weiblichen Gonanthen durchlaufen im allgemeinen dieselbe
Entwicklung wie die männlichen. Die aus dem Blastostyl eingewander-
ten Eizellen liegen an der äußeren Peripherie des Entoderms; sie sind
dann schon so groß, daß unter ihrem Druck die sie bedeckenden Entc-
dermzellen abgeplattet werden, während die sie seitlich einfassenden
Zellen cyhndrisch bleiben (Fig. 136). Auch nach außen wirken die
größeren Eizellen in ähnlicher Weise; denn die doppelschichtige ecto-
dermale Kalotte wird durch die nach außen vorspringenden Eizellen
stellenweise bis zur Unkenntlichkeit zusammengedrückt (Fig. 137).
Eine Grenzlamelle ist zwischen dem Entoderm und der Kalotte zunächst
weniger sicher nachzuweisen als zwischen der letzteren und dem Außen-
ectoderm.
Wie Weismann richtig angibt, bleiben die Eizellen nicht im Ento-
derm, sondern verlassen es und gelangen ins Ectoderm. Den Vorgang
selbst hat er nicht verfolgen können, ihn aber aus den Beobachtungen
an älteren Gonanthen erschlossen. Da die Eizellen dort außerhalb der
das Entoderm überziehenden Grenzlamelle, also innerhalb der ecto-
dermalen Kalotte liegen, müßten sie nach seiner Ansicht durch die
Grenzlamelle hindurch aus dem Entoderm ausgewandert sein. »Wäh-
rend sie (die Grenzlamelle) aber vorher glatt unter diesen (Eizellen)
weg lief, sendet sie jetzt spitze Ausläufer in die Lücken zwischen den
rundlichen Eizellen hinein, welche natürlich von Entodermzellen ge-
tragen werden. So liegen dann also die Eizellen zwar außerhalb der
Stützlamelle, werden aber trotzdem von drei Seiten her vom Entoderm
umfaßt« (Nr. 70, S. 78). Nur außen liegen Reste des »Glockenkerns«
(Kalotte) in den Furchen zwischen den Eizellen.
Diese Darstellung und Deutung ist nach meinen Beobachtungen
nicht richtig. Die wachsenden Eizellen wölben sich, wie schon bemerkt
wurde, schon während der Ausbreitung der Kalotte über das Niveau
des Entoderms nach außen hervor, oft mit ihrer ganzen äußeren Hälfte;
75
dabei verlassen sie aber keineswegs ihren Platz, da gerade die größeren
unter ihnen nach wie vor bis dicht an die freie Innenfläche des Ento-
derms reichen (Fig. 137, 138). Jene Vorwölbung beruht also nur auf
dem ansehnlichen Wachstum der Eizellen. Daher ist auch das Ento-
derm trotz seiner Dicke zwischen den äußeren Vorwölbungen der Ei-
zellen eingesenkt, und diese Einsenkungen werden von Zellen der Kalotte
ausgefüllt. Eine das Entoderm und die Eizellen überziehende Grenz-
lamelle ist dann noch weniger kenntlich als vorher (S. 74), also offen-
bar wie in den männlichen Gonanthen im Schwunde begriffen. In dem
Maße als die Eizellen sich vergrößern und dichter zusammenrücken,
werden auch die zwischen sie eingesenkten Kalottenteile ebenso zu-
sammengepreßt wie zwischen den Eizellen und dem Außenectoderm.
Unterdessen geraten alle EntodermzeUen an die Innenseite der Eizellen
und ordnen sich dort zu einem gleichmäßigen, glatten Epithel an
(Fig. 138, 139).
Diese Erscheinung könnte natürlich am einfachsten im Sinne
Weismanns als eine Folge eines aktiven Austritts der Eizellen aus
dem Entoderm aufgefaßt werden. Da jedoch der Entodermschlauch
während dieser Veränderung merklich enger wird, so ist es ausgeschlossen,
daß das Entodermepithel an seiner alten Stelle liegen bleibt und nur die
Eizellen aus ihm heraustreten; es muß vielmehr angenommen werden,
daß es sich unter dem Druck der Eizellen nach innen zusammenzieht.
Die Eizellen werden also passiv an die Außenseite des Ento-
dermepithels verlagert, ohne eine Grenzlamelle zu durch-
brechen ; denn die angebliche Grenzlamelle, die nach Weismann
unter den Eizellen glatt hinweglaufen und dann Ausläufer zwischen sie
entsenden soll, ist etwas ganz andres.
Während der beschriebenen Entoderm Verschiebung rücken nämlich
die zwischen die Eizellen vorgedrungenen Teile der Kalotte an die Stelle
des zurückweichenden Entoderms vor und umwachsen die Eizellen sehr
bald allseitig. Allerdings sind die Zellkerne dieses Füllgewebes infolge
des von den Eizellen ausgeübten Druckes in der Regel, aber nicht ohne
Ausnahmen, auf die Zwickelräume beschränkt; doch bleiben die sie
verbindenden, auf die Stärke von Cuticularmembranen reduzierten
Zellenleiber stets ebenso deutlich wie die kernhaltigen Strecken (Fig. 139).
Und daran ändert sich nichts, wenn später die noch weiter vergrößerten
Eizellen den Entodermschlauch so zusammendrücken, daß er mit
scharfen Kanten zwischen ihre konvexen Innenflächen vorspringt:
ihre eigentliche und vollständige Umhüllung nach der Art von Ei-
follikeln liefert die ectodermale Kalotte, und sie sind durch dieses Ge-
76
webe von dem Entoderm völlig geschieden (Fig. 140). Die Einlagerung
der Eizellen in eine ectodermale Schicht ist also viel vollständiger, als
es Weismann infolge einer nicht zutreffenden Deutung annahm.
Nur an einer Stelle, am Scheitel, wird der Entodermschlauch nicht
von Eizellen überlagert, sondern nur durch eine dünne Kalottenschicht
vom Außenectoderm getrennt. Die Deckschicht der Kalotte bleibt in
den weiblichen Gonanthen so wenig wie in den männlichen deutlich
gesondert ; auf den späteren Entwicklungsstufen ist sie selbst auf kurze
Strecken nur schwer und selten nachweisbar. — Das Außenectoderm
verdünnt sich über den Ovarien ebenso wie über den Spermarien.
Wie wir sahen, halten van Beneden und Weismann die ursprüng-
lich zweischichtige innere Ectodermkalotte in den Gonanthen von
Hydractinia echmata für einen echten Glockenkern und glauben ferner
eine zwischen ihm und dem Außenectoderm hegende »Entodermlamelle«
zu erkennen, so daß die Hauptgrundlagen der Medusenbildung in jenen
Keimbehältern nachweisbar seien. Natürlich ist damit die Frage, ob
die letzteren als Vorstufe einer Medusenbildung (van Beneden) oder
als rückgebildete Medusen aufzufassen seien (Weismann), nicht ent-
schieden, sondern erst gestellt. Doch braucht auf deren Diskussion
hier gar nicht eingegangen zu werden, da, wie gesagt, die Befunde und
Annahmen beider Forscher nicht zutreffen. Selbst wenn die Gonanthen
von Hydractinia ecJiinata wirklich die fragliche Entodermlamelle be-
säßen, so wäre dies für den Vergleich mit echten Hydromedusen ziemlich
gleichgültig, nachdem es sich herausgestellt hat, daß eine solche Lamelle
in jenen Medusen überhaupt nicht vorkommt, wie meine voranstehenden
Untersuchungen an sieben verschiedenen Gattungen — wozu noch
Ohelia und Clytia kommen (s. u.) — beweisen. Nun beruht aber des
weiteren die Annahme jener Entodermlamelle bei Hydractinia, wie
ich zeigte, auf einem Irrtum, und so entfällt dieses das Entoderm
betreffende Moment überhaupt gänzlich für den Vergleich mit Hydro-
medusen. DieGonanthen von iy?/(Zrac^ü^^a echinata enthalten zu
keiner Zeit eine andre Entodermbildung als den ursprüng-
lichen ungeteilten Entodermschlauch, der folglich ebenso- .
wenig wie derjenige in den Gonanthen von Eudendrium und
Dicoryne (S. 66) u. a. Hydropolypen als »Spadix« bezeichnet
werden kann.
Folglich bliebe für den Vergleich unsrer Gonanthen mit echten
Hydromedusen nur die ectodermale innere Kalotte der ersteren übrig.
77
Nach ihrer Entstehung aus einer apicalen Verdickung und Einwuche-
rung des Knospenectoderms, die alsdann sich vom letzteren ablöst,
um als zweischichtige Kappe die Keimzellen zu umhüllen und in sich
aufzunehmen, kann sie allerdings bis zu einem gewissen Grade mit dem
Glockenkern einer Medusenknospe verglichen werden. Dies genügt
aber noch keineswegs zur Lösung der oben ausgesprochenen Frage,
in welchem besonderen Zusammenhang die Gonanthen von Hydractinia
mit wirklichen Hydromedusen stehen.
Da der Glockenkern nur eine von den integrierenden Grundlagen
des Medusenbaues ist, und die andern mindestens ebenso wichtigen
Grundlagen, nämlich die Radialschläuche, in den fraglichen Keim-
trägern vollständig fehlen, kann von einer medusoiden Bildung
dei Gona.nth.enYon Hydractinia echinata nicht wohl die Rede
sein. Nun kann man ja allerdings bis auf weiteres die Möglichkeit
zugeben, daß dieser Zustand derselben Gonanthen durch eine voll-
ständige Rückbildung der einst vorhanden gewesenen Radialschläuche
und aller daraus entwickelten Gebilde herbeigeführt worden sei. Diese
vage Möglichkeit könnte aber für die Geschichte der Gonanthen nur
dann in Frage kommen, wenn sie von andern tatsächhchen Befunden
genügend unterstützt würde. Solche fehlen aber nicht nur in den bis-
her erörterten Erscheinungen, sondern auch, wie wir sehen werden,
in der Entwicklungsgeschichte der Gonanthen überhaupt.
Anderseits ist aber auch die entgegengesetzte Ansicht von der
stammesgeschichtlichen Bedeutung der Gonanthen von Hydractinia,
daß sie nämlich eine Vorstufe der Medusenbildung darstellten, nicht
weniger hypothetisch als die zuerst erörterte Möglichkeit. Wenn diese
letztere mit der Rückbildung der Radialschläuche rechnet, würde die
zweite Hypothese so lauten, daß die Medusenbildung mit einem glocken-
kernartigen Organ begann, neben dem die Radialschläuche noch fehlten,
um erst auf einer weiteren Stufe hinzuzukommen. Aber auch in diesem
Fall kann ein irgendwie beachtenswertes Urteil erst nach einer Prüfung
möglichst zahlreicher andrer Gonanthen gefällt werden. Vorläufig
muß ich mich daher auf die Erörterung beschränken, ob die innere
Ectodermkalotte von Hydractinia nach ihren jetzt festgestellten Lage-
beziehungen einem echten Glockenkern vollständig homolog ist.
In ihrer ersten Anlage entspricht diese Kalotte im allgemeinen
allerdings einem sich einsenkenden und aushöhlenden Glockenkern;
darauf divergieren-aber die beiden Entwicklungsverläufe sehr wesentHch.
Der echte Glockenkern paßt sich dem von den peripherischen Radial-
schläuchen abgesteckten Binnenraume an, liegt also innerhalb der
78
entodermalen Teile der Umbrella, wobei die Erhebung des Manubrium
nur eine sekundäre Erscheinung ist, die, wie sich zeigen wird, auch
ausbleiben kann, ohne den Medusenbau aufzuheben {Eucofella, Cam-
fanularia calyculata). Die Ectodermkalotte von Hydractinia um-
schließt dagegen den ganzen Entodermschlauch, der in der fertigen
Meduse überhaupt kein Homologon mehr hat, namentlich nicht im Spa-
dix (S. 76). Würde sich also diese zweischichtige Kalotte selbst ähnlich
einer Glockenhöhle aufblähen, so würde der von der Gonade überdeckte
Entodermschlauch bloß eine täuschende Ähnlichkeit mit einem Manu-
brium haben, im Grunde aber jede Homologie mit einem Medusen-
innern aufheben. Die Übereinstimmung zwischen einem Glockenkern
und der Kalotte bliebe also auf die schon bezeichneten Punkte, den
ectodermalen Ursprung und die Beziehung zu den Gonaden, beschränkt,
und folglich nur eine ganz allgemeine Homologie. Nimmt man dazu,
daß dieselben Homologa andrer Gonanthen {Cordylophora, viele Theca-
'phora) sogar die äußere Formähnlichkeit der ersten Kalottenanlage
mit einem Glockenkern vollständig vermissen lassen, so wird man jener
allgemeinen Homologie keinen höheren Wert beimessen als derjenigen
einzelner Embryonalschichten, z. B. des Mesoderms in verschiedenen
Tierstämmen. — Ich werde daher alle jene vom ursprünglichen Ecto-
derm sich ablösenden und nach innen zur Aufnahme der Keimzellen
einwuchernden Teile ganz allgemein als Parectoderm oder Innen -
ectoderm bezeichnen. Das außen zurückbleibende Ectoderm behält
dann den schon gebrauchten Namen »Außenectoderm«.
12. Clava multicornis (Taf. VII j.
Bisher wurden nur die Gonanthen von Clava squamata untersucht,
der aber die Clava multicornis, die zu meinen Beobachtungen diente,
sehr nahe steht. Die Gonanthen von Clava sprossen gruppenweise an
den unverästelten Hydranthen, dicht unter der Tentakelzone. Jede
solche Gonanthengruppe entspringt auf einem ganz kurzen gemeinsamen
Stiel, der im allgemeinen ebensp wie bei Tubularia dadurch entsteht,
daß aus der Basis der ersten Knospe neue Knospen hervorwachsen,
und diese gemeinsame Wurzel sich später etwas zusammenzieht. Ich
sehe daher keinen triftigen Grund, in dieser gemeinsamen Wurzel, die
niemals als ein besonderes Individuum zwischen den Gonanthen hervor-
tritt, ein rudimentäres Blastostyl zu erbUcken (Harm Nr. 39 S. 118)
und bleibe daher bei der schon von Allman und Weismann vertretenen
79
Ansicht, daß jene Gonanthenstiele nur aus einer Anhäufung von Knospen
entstehen, und daß die eigentUchen Träger der letzteren die Hydranthen
sind.
Nach Weismann (Nr. 70, S. 21 — 25) entsteht in männUchen und
weibhchen Individuen von Clava squamata am Scheitel der hohlen
Gonanthenknospe, wahrscheinhch durch Einstülpung des Ectoderms,
ein hohler Glockenkern, dessen Vordringen gegen den Entodermschlauch
eine doppelwandige Entodermlamelle hervorruft, die ihn wie ein Becher
aufnimmt und später ganz umwächst. Unter dem flach gewordenen
Glockenkern erhebt sich ein »Spadix« aus der Entodermkuppe. Der
wesentlichste Unterschied in beiden Geschlechtern ist der, daß die
Spermatoblasten aus dem ectodermalen Überzug des Spadix entstehen,
die Eizellen aber im Entoderm des Gonanthen oder im gemeinsamen
Stiel eines Gonanthenbündels. Im Hydranthen kämen keine Eizellen
vor; auch sei ihre Entstehung aus Entodermzellen nicht nachweisbar,
so daß sie möglicherweise aus dem Ectoderm einwanderten. Die Eizellen,
von denen stets zwei sich schon in den jüngsten Gonanthen befinden,
liegen anfangs unter der Wurzel der Entodermlamelle, d. h. unter dem
aufgebogenen Entodermrande, rücken aber später darüber vor und
zugleich aus dem Entoderm in den ectodermalen Überzug des Spadix,
»also in die untere Wand des Glockenkerns«. — Alle genannten Teile
der »Medusenglocke« bleiben lange kenntlich; zuletzt zieht sich aber
der Spadix zwischen den Eizellen zurück.
Harm (Nr. 39 S. 123—129) läßt den Glockenkern ebenfalls durch
eine Einstülpung entstehen, die den zweischichtigen Entodermbecher
erzeugt. Die später einschichtig gewordene Entodermlamelle bleibt
sichtbar, nachdem der Glockenkern schon verschwunden ist. Über den
Ursprung der Keimzellen erfahren wir folgendes (a. a. 0. S. 119 — 121).
Die Eizellen entstehen im Ectoderm der jungen Hydranthen als plasma-
reiche, intensiv färbbare Elemente mit pseudopodienartigen Fortsätzen ;
um die Zeit, wann die Gonanthen knospen, sind jene »Keimzellen«
sämtHch ins Entoderm übergetreten, wo sie sich zu den eigentlichen
»Eizellen« differenzieren und durch Nährzellen vergrößern. Ausnahms-
weise finden sich auch im Ectoderm der Gonanthen junge Eizellen,
die sich aber nicht weiter entwickeln (a. a. 0. S. 127). — Die männlichen
Keimzellen entstehen ebenso, ähneln auch den jungen Eizellen außer-
ordentlich; sie wandern noch vor der Bildung des Glockenkerns in das
Entoderm der Knospen ein und sammeln sich dann unter dem Glocken-
kern an (a. a. 0. S. 132).
Diese ausführliche Darstellung der Entstehung der beiderlei Keim-
80
Zellen von Clava squamata veranlaßte mich^ dieselbe Entstehung auch
bei Clava multicornis genauer zu verfolgen. Ich stimme mit Harm
darin überein, daß die Keimzone der Eizellen von Clava sich über
den Hydranthen und dessen junge Knospen erstreckt und nicht bloß
auf die letzteren und ihre Stiele beschränkt ist, wie Weismann annahm ;
ich kann noch hinzufügen, daß bei Clava multicornis junge aber unver-
kennbare Eizellen auch über der Knospungszone und selbst über der
Tentakelzone im Hydranthen vorkommen, dort aber natürlich als
aberrante Bildungen einer Kückbildung anheimfallen. Bei dieser Aus-
dehnung der Keimzone erreichen manche Eizellen im Hydranthen
die doppelte Größe der jungen Eizellen in den Knospen; ferner ent-
halten einige von den aller jüngsten Knospen schon Eizellen, während
ältere bereits keulenförmige Knospen solche noch entbehren. Kurz
— irgend eine Regelmäßigkeit existiert in der Entwicklung der Ei-
zellen nicht.
Bezüghch der Keimstätte der Eizellen bin ich aber zu ganz
andern Ergebnissen gelangt als Harm; denn ich sehe die Eizellen von
Clava multicornis überall, im Hydranthen und seinen Knospen, aus-
schließlich im Entoderm entstehen, und zwar in derselben Weise,
wie ich es bereits für Corydendrium beschrieb.
Die erste Veränderung der sich zur Eizellenbildung anschickenden
Entodermzellen besteht darin, daß ihre Kerne sich auf zwei bis drei
vermehren (Fig. 167); dann erweitert sich ihre untere Hälfte auf Kosten
der zusammengedrückten Nachbarzellen, so daß die ganze Bildungszelle
sehr auffallend konisch wird, zugleich vergrößert sich der in der Tiefe
befindliche Kern und der glänzende Nucleolus erhält einen hellen Hof
oder der größere Teil des Kerns wird durchsichtig (Fig. 167, 168). End-
lich verändert sich auch das den wachsenden Kern umgebende Proto-
plasma: es verdichtet sich zu einer dichten, dunklen Zone, die anfangs
noch sehr dünn ist und wie ein dunkler Ring erscheint, aber allmählich
an Umfang zummmt (Fig. 169). Um dieselbe Zeit trennt sich die untere
Hälfte der Bildungszelle, die den vergrößerten halben Kern mit der
dunklen Plasmazone enthält, von der unveränderten oberen Zellhälfte
und stellt nunmehr die junge Eizelle dar. Während des weiteren Wachs-
tums füllt sie den ihr zugewiesenen unregelmäßigen Raum mit ihrem
dunklen Plasma völlig aus (Fig. 170); später rundet sich aber dieses
so ab, daß es die Nachbarzellen in entsprechende Formen zusammen-
drückt (Fig. 148 ff.). Die genetische Zusammengehörigkeit der neu-
gebildeten Eizelle mit der sie überlagernden kleinen konischen Epithel -
zelle kann unter Umständen noch einige Zeit kenntlich bleiben; dies
81
wird aber undeutlich, sobald die wachsende Eizelle sich unter mehrere
Nachbarzellen vorgeschoben und sie abgeplattet hat (Fig. 171).
Diese vollkommen zusammenhängende Entwicklungsreihe der Ei-
zellen im Entoderm von Clava multicornis ist noch dadurch zu ergänzen,
daß ich im Ectoderm dieses Polypen und seiner Knospen keine Spur
von eizellenähnlichen Elementen antraf. Für mich besteht daher kein
Zweifel, daß die Eizellen von Clava multicornis nur aus um-
gebildeten halben Entodermzellen hervorgehen. Für die
grundsätzlich abweichenden Befunde von Harm bliebe daher, falls sie
ebenso evident wären, nur die Erklärung übrig, daß sie eben an einer
andern Art derselben Gattung, nämlich an Clava squamata erhalten
wurden. Ich vermisse aber die Bedingung dieser Erklärung, jene Evi-
denz der HARMschen Angaben.
Seine »Keimzellen« erscheinen im Ectoderm nur im völlig differen-
zierten Zustande und durchaus verschieden von dessen Epithelzellen,
sowie von den jüngsten Eizellen: kleiner als diese, mit einem Kern, der
kleiner ist als selbst die normalen Entodermkerne, aber mit durchweg
dunklem Protoplasma und Pseudopodien. Ihre Abstammung von
Ectodermzellen ist also keineswegs evident, sondern bestenfalls wegen
ihrer Lage wahrscheinlich. Unverändert treten sie alsdann ins Ento-
derm über, wo Harm später ohne alle Übergänge die jungen Eizellen
in der beschriebenen, durchaus abweichenden Bildung antraf. Also
auch hier fehlt ein gesicherter Zusammenhang zwischen den HARMSchen
Keimzellen und den wirklichen Eizellen, der vielmehr nur aus ihrer
Lage in derselben Körperschicht des Polypen, dem Entoderm erschlossen
wurde. Den Ausschlag gibt aber meines Erachtens die folgende Tatsache.
Wie bei zahlreichen andern Hydropolypen sehe ich auch bei Clava
multicornis recht häufig coccidienartige Körper mit relativ kleinem Kern,
sehr dunklem Plasma und zackigen Umrissen sowohl im Ectoderm als
auch bisweilen an der entodermalen Seite der Grenzlamelle ; sie sind also
in ihrer Organisation und ihrem Vorkommen mit Harms Keimzellen
identisch, verändern sich auch ebensowenig — außer gelegentlich durch
reichliche Kernvermehrung — und haben mit den Eizellen, die sich
neben ihnen entwickeln, nichts zu tun. Auf Grund dieser Tatsachen
zweifle ich nicht daran, daß Harm in seinen »Keimzellen« jene Para-
siten vor Augen hatte; und dies um so mehr, als Harm, wie gesagt,
den Beweis schuldig blieb, daß die angeblichen Keimzellen aus Ecto-
dermzellen hervorgingen und sich in Ei- oder Samenzellen verwandelten,
während ich anderseits ihnen ähnliche Vorstufen wirklicher Geschlechts-
zellen in den zahlreichen Fällen, wo ich deren Entwicklung in ununter-
6
82
brocheneni Zusammenhange verfolgte, vor allem bei Clava selbst, dann
bei Corydendrium, Hydractinia, Sertularia, Gonothyraea, Ohelia stets
vermißt habe. — Dagegen bezweifle ich nicht die Beobachtung von
Harm, daß ausnahmsweise wirkliche, aber abortive Eizellen im Ecto-
derm von Clava anzutreffen sind, worauf ich später zurückkomme.
Über die männlichen Keimzellen von Clava multicornis kann
ich nur aussagen, daß ich sie weder im Außenectoderm noch im Ento-
derm der Knospe oder gar des Hydranthen gesehen habe, und ihre
Entwicklung nur in das aus dem sogenannten Glockenkern, d. h. aus
dem Innenectoderm hervorgehende Spermarium selbst verlegen kann.
Ich schließe mich also darin Weismann und Thallwitz an; die An-
gaben Harms über die Samenzellen von Clava sind natürlich ebenso
zu beurteilen wie diejenigen über die Eizellen.
Ich wende mich nun zur Entwicklungsgescliichte der weiblichen
Gonanthen von Clava multicornis. Sobald sie annähernd kuglig
oder fingerförmig geworden sind, zeigt sich an ihrem Scheitel eine
Veränderung des Ectoderms (Fig. 148). Durch Zellteilungen sondert
sich an der Grenze der Entodermkuppe ein Zellenhäufchen, das sich
gelegentlich, noch bevor es die Grenze des Ectoderms überschritten hat,
vom übrigen Ectoderm scharf absetzt und dann in Gestalt eines Kugel-
segments auf demEntoderm ruht (vgl. Fig. 172). Stets ist dieses künftige
Innenectoderm (Glockenkern aut.) von einer einfachen Fortsetzung
des Außenectoderms bedeckt und veranlaßt eher eine Erhebung als eine
Einsenkung des Knospenscheitels, so daß seine Entstehung durch eine
Einstülpung des ursprünglichen Ectoderms völlig ausgeschlossen ist.
Erst später zeigt sich ausnahmsweise über dem bereits in das Entoderm
eingesenkten Innenectoderm eine kleine Delle an der Außenfläche der
Knospe, wie es auch Weismann und Harm sahen, was aber mcht ein
Rest von der ersten Anlage des Innenectoderms, sondern nur eine
gelegentliche Folge derselben ist (Fig. 154). Die Zellen des sich sondern-
den Innenectoderms ordnen sich bald radiär zum Scheitel an, ver-
mehren und strecken sich, bis das ganze Gebilde linsenförmig wird
und mit der untern Hälfte sich in das Entoderm vorwölbt (Fig. 149, 150).
Zuletzt rückt es ganz aus dem Ectoderm heraus, das sich darüber
wieder zu einem gleichmäßigen Epithel zusammenzieht (Fig. 151, 152).
Dieses linsenförmige Innenectoderm zeigt bisweilen schon eine
kleine excentrische Höhlung und plattet sich alsdann unter gleich-
zeitiger Vergrößerung immer mehr ab; dabei erhält es einen zugeschärften
Rand, und die Delle des Entoderms, in der es ruht, wird immer flacher.
Dies geschieht oft nicht gleichmäßig, sondern auf einer Seite schneller
83
als auf der andern, wie es die zwei derselben Knospe entnommenen
Durchschnitte Fig. 154, 155 beweisen. Links ist der scharfe Rand
des Innenectoderms durchweg vorhanden, rechts fehlt er in Fig. 154
so vollständig, daß das Entoderm mit einer etwas aufgebogenen Kante
das abgerundete Innenectoderm umgreift, gerade so wie es in den
jüngeren Knospen das linsenförmige Innenectoderm rundum einfaßt.
Einige Schnitte weiter ist aber das Bild verändert (Fig. 155): die Ab-
plattung und Ausbreitung des Innenectoderms hat nun auch auf der
rechten Seite begonnen und die Kante des Entoderms vollständig nieder-
gedrückt, so daß dieses statt einer Delle eine ganz ebene Oberfläche
unter dem Innenectoderm zeigt.
Schon zu der Zeit, wann die Anlage des Innenectoderms noch ganz
oder zur Hälfte im Außenectoderm liegt, sieht man die äußeren Zellen
der Anlage sich von dem Kern ablösen (Fig. 150, 172, 173); dies wird
noch deutlicher an dem abgeplatteten, scharfrandigen Innenectoderm,
an dessen Oberseite sich sehr bald eine mehr oder weniger zusammen-
hängende Zone zwischen dem Rande und dem Scheitel von der soUden
oder hohlen Kernmasse getrennt hat (Fig. 153 — 158). Diese Zone ver-
wächst später auch am Scheitel zu einer den Kern oder das eigentliche
Innenectoderm vollständig überdeckenden »Außenkappe«, deren
Rand sich abwärts auch über die seitlichen Teile des Entoderms vor-
schiebt (Fig. 159 — 162). Bevor dies geschieht, kann aber zwischen
diesem Rande der Kappe und dem Entoderm ein sehr merklicher
Abstand bestehen, indem sich das centrale Innenectoderm oder die
Eizellen dazwischen schieben (Fig. 153, 157); wie denn überhaupt alle
hier in Betracht kommenden Vorgänge ziemlich unregelmäßig verlaufen.
Durch die Entwicklung der Kappe unterscheidet sich das Innen-
ectoderm von Clava von demjenigen der Hydractinia; dagegen ist jene
Kappe nach den Beschreibungen und Abbildungen von Weismann und
Harm zweifellos identisch mit der »Entodermlamelle« dieser Beobachter,
die bei Clava squamata angeblich aus der Kante des Entoderms hervor-
gehe, die das linsenförmige Innenectoderm (Glockenkern) anfangs
umgreift. Diese Auffassung liegt allerdings sehr nahe, wenn man im
Hinblick auf die vielberufene Entodermlamelle der Hydromedusen
an den Knospen von Clava die Längsdurchschnitte mit dem Hnsenför-
migen, von der aufgebogenen Entodermkante umfaßten Innenectoderm
nur mit dem Durchschnittsbilde des vollständig abgeplatteten Innen-
ectoderms vergleicht, in dessen Umkreise die Entodermkante ver-
schwunden und dafür eine Lamelle sichtbar ist, die oft oder meist bis
an das Entoderm reicht. Denn nichts scheint dann natürlicher, als die
84
Identifizierung der früheren Entodermkante mit der vorher nicht be-
merkten Lamelle. Und doch ist diese Deutung nach meinen Beobach-
tungen durchaus unrichtig.
Erstens verliert sie dadurch, daß eine Entodermlamelle bei den
Hydromedusen gar nicht existiert, die Stütze der Analogie in gleicher
Weise, wie es für Hydractinia ausgeführt wurde (S. 76); namentlich
aber ergibt sich bei genauer Prüfung aller Zwischenstufen das Un-
zureichende jenes Vergleichs von nicht unmittelbar zusammenhängen-
den Zuständen 1. Die fertige Kappe des Innenectoderms oder die
vermeintliche Entodermlamelle hängt eben niemals mit dem Entoderm
zusammen, sondern ist stets deutlich von ihm getrennt, bisweilen, wie
vorhin bemerkt, durch einen recht merklichen Abstand ; entscheidend sind
ferner die Beobachtungen, daß die erste Anlage der Kappe sich oft schon
innerhalb des ursprünglichen Ectodermepithels zeigt, und daß ander-
seits die aufgebogene Entodermkante, woraus die * Entodermlamelle«
entstehen sollte, verstreicht, ehe eine lamellöse Kappe sichtbar wird
(Fig. 155, 157).
Die scheinbare »Entodermlamelle« von Clava multicor-
nis entsteht also nicht aus dem Entoderm, sondern spaltet
sich als ectodermales Blatt (Außenkappe) vom Innenecto-
derm (Glockenkern aut.) ab; und da die Gonanthen von Clava
squamata auf den einzelnen von Weismann und Harm erwähnten Ent-
wicklungsstufen sich ebenso verhalten wie Clava multicornis, so fehlt
jeder Anlaß, für sie eine völlig andere Entwicklung anzunehmen.
Die übrigen Entwicklungserscheinungen in den *weibhchen Go-
nanthen von Clava hängen hauptsächhch mit der Lage der Eizellen
im Entoderm zusammen. In der Regel erhält jeder Gonanth allerdings
zwei Eizellen; es finden sich aber doch nicht selten Gonanthen mit je
einer oder selbst drei Eizellen (Fig. 150, 161, 163). Die im Gonanthen von
Anfang an vorhandenen oder in ihn einwandernden Eizellen rücken wäh-
rend seines Wachstums aufwärts ; sie liegen dabei beständig in tiefen
Nischen des Entoderms, indem sie es gegen dieEntodermhöhle entsprech end
verdünnen. Die Art und Weise, wie sie bis zum Innenectoderm vor-
dringen, ist jedoch verschieden nach dem Zeitpunkt, wann es geschieht.
1 Ich bemerke dazu, daß die sichere Feststellung der Entwicklung des
Innenectoderms nicht ganz leicht ist, weil die nach allen Seiten divergierenden
Knospen eine bestimmte Orientierung für die Durchschnitte erschweren oder
ausschließen. Ich habe deshalb die vollständigen Durchschnittsserien von rund
30 Hydranthen von Clava mtiUicornis mit ihren meist recht zahlreichen Go-
nanthen untersucht, ehe ich die mitgeteilten Angaben für gesichert hielt.
85
Ich beginne mit dem Hergang in den jungen Gonanthen, deren
Entodermkuppe von dem noch Hnsenförmigen Innenectoderm ein-
gebuchtet ist und daher eine aufgebogene Kante besitzt (Fig. 148 — 152).
Die sich ihr nähernden Eizellen sollten nach Weismanns Ansicht diese
Kante, die angebUche Wurzel der Entodermlamelle, überschreiten und
dann auf ihr ruhen, worauf ein zapfenförmiger Auswuchs der Entoderm-
kuppe als Spadix zwischen ihnen aufsteigen sollte. Diese Angaben
bestätigen sich aber nicht.
Wenn man sich nicht auf einzelne Durchschnittsbilder beschränkt,
sondern zahlreiche Schnittserien durchmustert, erhält man eine ge-
schlossene Stufenreihe vom Vorrücken der Eizellen. Sobald sie in
ihren Nischen bis an die Entodermkuppe gelangt sind, klemmen sie
jederseits zwischen sich und das linsenförmige Innenectoderm eine
Falte desEntoderms samt seiner oberen aufgebogenen Kante, der angeb-
hchen Wurzel der Entodermlamelle ein (Fig. 152); unter ihrem fort-
dauernden Druck verdünnen sich diese beiden Falten und ziehen sich
zuletzt in den Mittelteil der Entodermkuppe zurück, wobei natürlich
auch jene »Wurzel der Entodermlamelle« verschwindet (Fig. 149, 150).
Dann berühren beide Eizellen das Innenectoderm und fassen die
zusammengedrückte Entodermkuppe zwischen sich, während die
tiefere seitliche Entodermkante, auf der sie ruhen, dieselbe Nischen-
wand ist, die schon vor dem Schwunde der oberen Kante existierte, also
mit dieser nicht identisch sein kann (Fig. 153, 156).
Mit andern Worten: die vorrückenden Eizellen übersteigen nicht
die obere Entodermkante, um auf ihr, also der Entodermkuppe selbst,
ruhen zu bleiben, sondern bringen sie zum Schwunde und liegen neben
der zwischen ihnen eingeklemmten Entodermkuppe, die nur täuschen-
der Weise als ein neu hervorgewachsener Spadix erscheint. Denn die
Querdurchschnitte zeigen, daß der vermeintHche Spadix überhaupt
kein zapfenförmiges Gebilde ist, sondern sich zwischen den Eizellen
hindurch bis an das Außenectoderm und um die Eizellen sich so aus-
breitet, daß diese immer noch in vollkommenen, tief en Entodermnischen
liegen (Fig. 164, 165). Längsdurchschnitte in der eben angegebenen
Richtung zwischen den Eizellen hindurch zeigen denn auch eine schein-
bar unveränderte Entodermkuppe (Fig. 159).
Sobald die Eizellen das Innenectoderm erreicht haben, beginnt auch
dessen Metamorphose, namentlich die Abspaltung der Kappe von dem
sich aushöhlenden Kern, worauf sie noch einige Zeit über den Eizellen
lagert und vom Entoderm entfernt bleibt (Fig. 153).
In seltenen Fällen sah ich die Eizellen sich der Entodermkuppe
86
erst in späterer Zeit nähern, nämlich dann, wann das Innenectoderm
schon ganz flach und die Endfläche der Entodermkuppe ganz eben
geworden war, wobei ihre Ränder sich abrundeten (Fig. 157). Dann
wurden diese von den herangerückten Eizellen offenbar einfach nieder-
gedrückt und der zwischen ihnen liegende Mittelteil der Entodermkuppe
wie in den erstbeschriebenen Fällen zusammengedrückt.
Alle diese Befunde bestätigen einmal, daß es in den Gonanthen
von Clava eine Entodermlamelle nicht gibt, und daß auch der angebliche
Spadix auf einer Täuschung beruht. Weitere Zeugnisse dafür bringt
die Untersuchung der späteren Entwicklungsstufen.
In dem Zustande der Gonanthen, den ich als den gewöhnlichen,
regelmäßigen nach dem Vorrücken der Eizellen bis in die Entoderm-
kuppe beschrieb, liegen die beiden Eizellen noch immer in mehr oder
weniger tiefen Buchten des Entoderms, sind also aus ihm noch nicht
herausgetreten (Fig. 156, 160). Dies geschieht erst später und allmählich,
aber nicht durch aktive Ortsveränderung der Eizellen, sondern rein
passiv dadurch, daß das zwischen ihnen eingeklemmte Entoderm sich
zurückzieht (Fig. 162). Offenbar ist dabei vor allem der Druck der
wachsenden Eizellen auf jenes Entoderm mit tätig; denn es kann ge-
legentlich in seinem Mittelteil zu einer dünnen Lamelle zusammen-
gepreßt sein (Fig. 165). — Unterdessen wächst die Kappe des Innen-
ectoderms über die Oberfläche der Eizellen aus, bedeckt sie außen ganz
und erstreckt sich bisweilen noch darüber hinaus auf die Außenseite
des Entoderms (Fig. 160, 161, 166). Das centrale sackförmige Innen-
ectoderm folgt dieser ^Ausbreitung seiner Kappe nicht und bleibt größten-
teils über der zusammengedrückten Entodermkuppe liegen, während
nur sein Rand sich ein wenig auf die Eizellen vorschiebt i.
Bisweilen stülpt sich sein Scheitel als hohler Zapfen in das Außen-
ectoderm vor, wie ich es häufiger in den männlichen Gonanthen antraf
(Fig. 163); anderseits kann es der sich zurückziehenden Entodermkuppe
folgend sich zwischen die Eizellen einkeilen. Im ganzen beginnt es,
wie schon Harm angab, sehr frühe sich zurückzubilden und zu atro-
phieren, während die Kappe länger ausdauert und zuletzt die Eizellen
über dem abgeflachten Entodermschlauch allein bedeckt. Ich muß
daher Harm gegen Weismann beistimmen, daß die Eizellen von Clava
niemals in einen Teil des »Glockenkerns« oder des centralen Innei -
1 Dies widerspricht ebenfalls der Annahme einer Entodermlamelle, denn
eine Schicht, die wie die Kappe die Eizellen und den angeblichen Spadix
rundum überzieht, hat allenfalls die Lagebeziehungen eines Manubrium-Ectoderms
und nicht diejenigen eines umbrellaren Entoderms.
ectoderms eintreten ; und selbst wenn man sich von dem ectodermalen
Ursprung der Kappe überzeugt hat, genügt dies nicht, um damit einen
Übertritt der von ihr bedeckten Eizellen in das Ectoderm zu konstru-
ieren. Denn erstens verlassen sie das Entoderm, wie wir sahen, ganz
passiv und zweitens bleiben sie mit ihm auf einer Seite ebensogut in
Berührung, wie sie auf der andern Seite von der Kappe überzogen
werden, während die sonst in dieser Frage herangezogene Grenzlamelle
unkenntlich bleibt.
Dies finde ich besonders gut durch jene Gonanthen illustriert, die
nur je eine Eizelle enthalten i. Natürhch wird durch ihr Vorrücken
gegen die Entodermkuppe diese seithch verschoben (Fig. 161); sobald
aber die letztere sich zurückgezogen hat, lagert sich die Eizelle, und
zwar bisweilen ziemlich frühe, gerade unter das Innenectoderm, bleibt
also genau zwischen diesem und dem Entoderm liegen (Fig. 163). Wenn
aber die passive Verlagerung der Eizellen an die Außenseite des Ento-
derms Clava und Hydractinia gemeinsam zukommt, so bleibt doch der
Unterschied bestehen, daß die Eizellen bei Hydractinia vom Innen-
ectoderm völlig umsponnen, bei Clava dagegen nur überdeckt werden.
Die männlichen Gonanthen von Clava multicornis unterscheiden
sich von den weiblichen nur darin, daß ihre Keimzellen, wie ich nach
Weismanns Vorgange (S. 79) annehme, aus dem Innenectoderm
hervorgehen; im übrigen zeigen sie nur untergeordnete Eigentümlich-
keiten. Die erste Anlage des Innenectoderms zeigt sich wiederum als
eine deutlich gesonderte solide Zellenmasse innerhalb des ursprünglichen
Ectodermepithels, aus dem sie allmählich hervortritt (Fig. 172, 173);
von einer Einstülpung jenes Ectoderms habe ich dabei rüchts gesehen.
Auch die Ablösung der Außenkappe von dem Kern des Innenectoderms
beginnt meist schon im Außenectoderm ; und sobald diese Teile aus
dem Außenectoderm ganz hervorgetreten sind, wachsen sie ansehnlich
unter Abplattung und Verbreiterung (Fig. 175). Der Kern des Innen-
ectoderms wird dabei flach kegelförmig und hohl, die Kappe zu einer
breiten Zone, die am Entoderm oder dicht darüber mit scharfem Rande
ausläuft, ohne sich mit ersterem zu verbinden. Eine Entodermlamelle
existiert natürlich nicht; auch habe ich an den sämtlichen von mir
untersuchten männlichen Gonanthen von Clava multicornis jede Spur
einer spadixähnlichen Bildung des Entodermschlauchs vermißt.
1 Selbstverständlich wurde ein solcher Befund nicht aus einzelnen Durch-
schnitten, sondern aus den ganzen Schnittserien festgestellt. Es mag noch erwähnt
sein, daß ich solche Gonanthen einmal in größerer Zahl in einem Hydranthen
antraf.
88
Dies steht natürlich in keinem Widerspruch mit den Befunden an
den weibHchen Gonanthen. Denn da der vermeintHche Spadix dort
nur von dem, durch die Eizellen zusammengedrückten Mittelteil der
Entodermkuppe vorgetäuscht wird, so kann die letztere in den männ-
lichen Gonanthen in Ermangelung der Eizellen nur durch das darüber-
liegende umfängliche Innenectoderm abgeplattet werden. Möglicher-
weise entsteht aber die niedrige centrale Erhebung des Entoderms, die
Weismann in älteren männlichen Gonanthen von Clava squamata
beobachtet hat, auch in denen von Clava multicornis, sobald sie älter
geworden sind, als wie sie mir vorlagen.
Während das eigentliche Innenectoderm noch kegelförmig ist,
dringt seine Spitze als hohler Knauf in das apicale Außenectoderm ein
(Fig. 174, 176) und diese Bildung erhält sich noch auf den folgenden
Entwicklungsstufen, weshalb ich vermute, daß sie die spätere Eröffnung
des reifen Gonanthen vorbereitet. Daim beginnen die Seitenteile des
Innenectoderms zu schwellen und die centrale Höhlung zu verengern,
während die Kappe sich verdünnt und über jene Seiten ausbreitet. Das
auf diese Weise hergestellte, aber noch unreife Spermari um hat die Form
einer Halbkugel mit eingeschlossener axialer Höhlung, die von einem
einfachen Epithel überdeckt ist (Fig. 176). Die Hodenmasse besteht
noch aus indifferenten rundlichen Zellen, und nur in der seitüchen Aus-
kleidung der Höhle erscheinen etwas gestreckte Zellen, ohne jedoch ein
deutlich abgesetztes Epithel zu bilden. Nachdem die Höhlung vöUig
zusammengedrückt und verschwunden ist, erkennt man auch immer die
Reste der zu einem unregelmäßigen axialen Strange zusammengerückten
gestreckten Zellen, so daß die Annahme begründet ist, daß dieser Teil
des Innenectoderms nicht zu Spermatoblasten, sondern zu einem das
Spermarium durchsetzenden Füllgewebe bestimmt ist. Weismann hat
diese Zellen bereits beschrieben und den axialen Strang für den Ecto-
dermüberzug des »Spadix«, dagegen die äußere Decke des Spermarium
für das Subumbrellar epithel erklärt. Nach der Auseinandersetzung
über die WeismannscIicu Deutungen unsrer Gonanthen, die ich weiter
oben darlegte, brauche ich auf die obigen Bezeichnungen wohl nicht
weiter einzugehen.
Die Gonanthen von Clava haben in Bau und Entwicklung, und
abgesehen von dem Ursprung der Keimzellen, noch die meiste Ähnlich-
keit mit denen von Hydractinia echinata. Beide Gattungen stimmen
darin überein, daß sie in ihren Gonanthen ein Innenectoderm entwickeln,
das ähnhch wie ein Glockenkern entsteht, die Keimzellen überdeckt
89
und durchsetzt, und daß der Entodermschlauch durch die Eizellen
mehr oder weniger unregelmäßig zusammengepreßt wird, bis er sich
unter ihnen wieder glatt zusammenzieht. Der Hauptunterschied be-
steht darin, daß das Innenectoderm von Hydractinia sich in ein plattes
Säckchen verwandelt, ohne sich weiter zu sondern, und mit seinen zwei
Blättern die Keimzellen nicht nur überdeckt, sondern auch umwächst,
wogegen sich bei Clava von dem ähnhchen sackförmigen Innenectoderm
eine äußere Kappe abspaltet und die eigenthche Hülle der Gonade dar-
stellt, worauf das Säckchen wenigstens in den weibhchen Gonanthen
untätig zugrunde geht.
So wenig wie bei Hydractinia läßt sich bei Clava ein Medusenbau
in den Gonanthen nachweisen. Was ich schon früher über die Ähnhch-
keit des Innenectoderms von Hydractinia mit einem Glockenkern sagte
(S. 77), gilt ebenso für Clava: wenn man auch eine ganz allgemeine Ho-
mologie dieser beiden Teile zugestehen muß, so fehlen doch die über-
einstimmenden Lagebeziehungen und gar für einen wirkhchen Medusen-
bau die mindestens ebenso unentbehrlichen entodermalen Anlagen.
Denn das, was die früheren Beobachter für einen Spadix und eine
Entodermlamelle hielten, hat sich eben nach Ursprung und Lage-
beziehungen als etwas ganz andres erwiesen. Die am meisten an einen
Spadix erinnernde Bildung der weibhchen Gonanthen wächst überhaupt
nicht in den »Glockenkern« oder das centrale Innenectoderm hinein,
wie in einer Medusenknospe, sondern ist die an ihrem Platz zu-
sammengedrückte Entodermkuppe selbst, die zudem anfangs zwischen
den Eizellen unmittelbar an das Außenectoderm anstößt (Fig. 164,
165) — eine Lage, die für einen Spadix ganz ausgeschlossen ist.
Ferner ist die vermeinthche Entodermlamelle, die Außenkappe,
nicht nur ectodermalen Ursprungs und wächst von oben herab, statt
umgekehrt, sondern nimmt auch eine Lage ein, die für eine umbrellare
Entodermschicht ganz undenkbar ist, da sie einerseits die Eizellen und
anderseits die Entodermkuppe direkt überzieht (Fig. 166). Und selbst
wenn der Nachweis erbracht würde, daß ich mich geirrt hätte, und die
Entodermlamelle bei Clava zu Recht bestände, so wäre damit keine
wirkhche Homologie unsrer Gonanthen mit den Hydromedusen, son-
dern im Gegenteil ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen beiden
festgestellt, da bei den Hydromedusen eine primäre Entodermlamelle
und vollends mit den genannten Lagebeziehungen, wie ich genugsam
erörtert habe, gar nicht vorkommt.
Wollte man endlich das Fehlen der wichtigsten Medusenteile in
den Gonanthen von Clava durch eine weit vorgeschrittene Rückbildung
90
erklären, so drehte man sich zunächst im Kreise herum. Denn durch
die Untersuchung dieser Gonanthen sollte ja erst festgestellt werden,
ob in ihnen die unzweifelhaften Rudimente aller wichtigen Medusenteile
vorhanden seien, um dann zutreffendenfalls dieselben Gonanthen für
rückgebildete Medusen erklären zu können. Mit dem negativen Ergebnis
ist die Frage allerdings noch nicht endgültig abgetan, aber doch
wenigstens sichergestellt, daß die unmittelbare Beobachtung keinen
Anlaß zu jener Erklärung bietet.
Unter den Befunden meiner Untersuchung an Clava multicornis
sind endlich noch die auf den Ursprung der Keimzellen bezüglichen
besonders hervorzuheben. Wenn die Theorie van Benedens vom
zweifachen Ursprung der Keimzellen (entodermale Eizellen,
ectodermale Samenzellen) für Hydractinia, für die sie zuerst aufgestellt
wurde, gerade nicht zutrifft, so liefert doch Clava ein ausgezeichnetes
Beispiel eines solchen Verhaltens, indem die Entstehung der Spermato-
blasten im Innenectoderm ebenso sichergestellt ist, wie die Herkunft
der Eizellen aus dem Entoderm. Ebenso bestimmt läßt sich nach-
weisen, daß die weibliche Keimzone nicht nur im Hydranthen
liegt, sondern sich bis in die Knospen hinein erstreckt, eine
Ausdehnung der Keimzone, die uns schon bei den weiblichen Pennaria
und den männlichen Hydractinia begegnete, und deren Bedeutung für
die Stammesgeschichte der Gonanthen und Medusen in dem vergleichen-
den Teil dieser Arbeit gewürdigt werden soll.
Nicht minder interessant ist der Umstand, daß manche Eizellen
von Clava multicornis schon durch den Ort ihrer Entstehung — in der
oberen Hälfte des Hydranthenköpfchens — dem Untergange geweiht
sind, was sonst nur bei den auf ihrer Wanderung fehlgegangenen Eizellen
{Podocoryne S. 26, Pennaria S. 48, Sertularia, AglaopJienia , Hale-
cium usw.) vorkommt. Auch dieser Umstand ist geeignet, auf gewisse
allgemeine Fragen ein neues Licht zu werfen.
13. Coryne pusilla (Taf. VH).
Die anfangs hügligen und dann birnförmigen Gonanthen von
Coryne pusilla sitzen ebenso wie diejenigen von Clava nicht an Blasto-.
stylen, sondern an normalen Hydranthen, und zwar an der proximalen
Hälfte der Köpfchen, etwa so wie die Gonanthen von Eudendrium
rameum und Eudendrium racemosum. Die Kenntnis ihrer Entwicklung
verdanken wir Weismann (Nr. 70, S. 50 — 5-1). Schon an den jüngsten
Knospen verdickt sich der Scheitel des Entodermschlauchs zu einem
91
Ballen, der sich alsbald in drei Schichten sondert : zu unterst die defini-
tive Epitheldecke des Schlauchs^ darüber die Keimzellenmasse und zu
oberst, unmittelbar unter dem Ectoderm^ die dünne »Entodermlamelle«.
Unter dieser letzteren, sowie zwischen der Keimzellenlage und dem
Entodermschlauch (Spadix, Weismann) entstehen hyaline Membranen.
In der weiblichen Keimzellenmasse sondern sich die Eizellen von einem
sie deckenden kleinzelligen Epithel, worin Weismann das Homologen
der beiden Schichten des Glockenkerns (Subumbrellarepithel, Manubrium-
Ectoderm) erblickt; die Epithelzellen füllen die oberflächlichen Spalten
zwischen den Eizellen, und in der Tiefe des Ovarium finden sich eben-
falls kleine Zellen, die eine »Muskellage« darstellen. Unter den Eizellen
bleiben einige im Wachstum zurück, um zuletzt als »Nährzellen« sich
ganz aufzulösen.
Wie schon die Namen der Einzelteile besagen, steht der Medusen-
bau der Gonanthen von Coryne für Weismann fest; da jedoch der
Glockenkern im Gegensatz zu seinem typischen Verhalten nicht aus
dem Ectoderm, sondern aus dem Entoderm hervorgeht, so denkt
Weismann an die Möglichkeit, daß einzelne Ectodermzellen in das
Entoderm einwanderten und dort sich zu der normalerweise ecto-
dermalen Glockenkernanlage vereinigten.
An einigen Stöckchen von Coryne pusilla, die ich auf andern, aus
Helgoland stammenden Hydropolypen fand, konnte ich mich davon
überzeugen, daß die Beschreibung Weismanns von der Entstehung der
Keimzellen und der sie umgebenden Gewebe aus dem Entoderm richtig ist^
und ferner, daß ein Unterschied der männlichen und der weiblichen Go-
nanthen anfangs nicht vorhanden ist. Ich halte mich daher vorherrschend
an die weiblichen Gonanthen. An jungen, halbkuglig vorragenden
Knospen ist die Kuppe des Entodermschlauchs bereits verdickt (Fig. 141 ) ;
die dem Hohlraum zugewandten Epithelzellen sind wenig verändert,
über ihnen befindet sich aber eine kompakte Masse dunkler und kleiner,
also jugendlicher, durch wiederholte Teilungen entstandener Zellen.
Diese Entodermverdickung wird alsbald durch eine quere Spalte und
eine in ihr entstandene Grenzlamelle in zwei Hälften geteilt (Fig. 142).
Die untere Hälfte umfaßt jene weniger veränderten, die Entodermhöhle ^
begrenzenden Epithelzellen und wird nun zur Decke des definitiven
Entodermschlauchs; die obere kleinzellige Hälfte, die als flache, in der
Mitte dickere und am Rande zugeschärfte Kappe auf dem Entoderm-
schlauch ruht, sondert sich wieder in zwei Schichten. Dies geschieht
dadurch, daß die dem Ectoderm anliegenden Entodermzellen sich in
92
einer zusammenhängenden Schicht abplatten und von dem darunter-
liegenden Zellpolster abheben; dieses schon in seiner Anlage gewölbte
Deckepithel bleibt aber an seinem Rande mit dem tieferen Zellpolster
verbunden, so daß die ursprüngliche und dauernde Zusammengehörig-
keit beider Teile nicht zweifelhaft sein kann. Ein Zusammenhang des
Deckepithels mit dem sekundären Entodermschlauch, wie ihn Weis-
mann noch an vorgeschrittenen männlichen Gonanthen abbildet (Nr. 70,
Taf. XIII, Fig. 4, 5, 16) kommt nach meinen Beobachtungen zu keiner
Zeit vor. Anfangs ist an der Unterseite des Deckepithels eine Grenz-
lamelle nicht vorhanden; später ist aber jene Unterseite allerdings so
scharf begrenzt wie von einer solchen Lamelle.
Das unter dem Deckepithel befindliche dicke Zellenpolster oder
die künftige Gonade enthält anfangs größere und kleinere Zellen
ungeordnet nebeneinander; allmählich wird dieser Unterschied bedeu-
tender und die größeren Zellen verwandeln sich in Eizellen mit großem
hellen Kern und einer ihn umgebenden dunklen Plasmazone, während
die kleineren Zellen die Zwischenräume zwischen den Eizellen ausfüllen
(Fig. 143). Nicht selten traf ich jedoch an solchen weiblichen Gonanthen
unverkennbare Eizellen in dem sekundären Entodermschlauch, und
zwar unmittelbar unter der Gonade an, die sich gerade so wie die jüngsten
Eizellen von Corydendrium, Clava u. a. als Abspaltungsprodukte benach-
barter Entodermzellen darstellen (Fig. 143 — 145). Diese Eizellen hegen
teils noch der Grenzlamelle dicht an, teils ist aber die letztere über
ihnen deutlich unterbrochen, aufgelöst, und die Zellen ragen mehr oder
weniger in die Gonade vor; sie sind also zweifellos in der Einwanderung
in die Gonade begriffen. Da nun der entodermale Ursprung dieser
Nachzügler besonders evident ist, kann auch für die übrigen, erst in
der Gonade sich differenzierenden Eizellen ein andrer Ursprung gar
nicht vermutet werden.
Die kleinen Interstitialzellen des Ovarium passen sich natürhch den
Zwischenräumen zwischen den kugligen Eizellen an. Wo die letzteren
an der Oberfläche und in der Tiefe Zwickelräume freilassen, sammeln
sich jene kleinen Zellen in Nestern an, die durch dünne, in den
engeren Zwischenräumen verlaufende Stränge miteinander zusammen-
hängen (Fig. 145, 146). Selbst nachdem die Eizellen schon ansehnUch
herangewachsen sind, erscheinen die Interstitialzellen noch in der ganzen
Dicke des Ovarium in vollständigem Zusammenhange, bilden also in
ihrer Gesamtheit ein die Eizellen umspinnendes, kontinuierliches Füll-
gewebe, dem sich am Rande das Deckepithel der Gonade anschließt.
Erst gegen das Ende der Reifezeit, wann die großen Eizellen sich mit ebenen
93
Flächen aneinander und an das Entoderm pressen, verschwinden unter
ihrem Druck die zwischenUegenden Teile des Füllgewebes, so daß nur
seine oberflächliche Schicht übrig bleibt (Fig. 147). Aber die Unregel-
mäßigkeit dieser Schicht, ihre langen, zwischen die Eizellen sich ein-
senkenden Fortsätze und ihre Verlötung mit dem ebenfalls in Auflösung
begriffenen Deckepithel beweisen hinlänglich, daß es sich dabei nicht
um ein selbständiges Epithel, sondern nur um die Reste des früheren
Füllgewebes handelt.
Daß ein Teil der Eizellen frühzeitig im Wachstum zurückbleibt
und sich dann auflöst, also wohl die Rolle von Nährzellen spielt
(Weismann), halte ich ebenfalls für sehr wahrscheinlich; denn ich habe
sehr häufig die Reste von solchen Eizellen, namentlich ihrer unverkenn-
baren Kerne zwischen und auf den reifenden großen Eiern gesehen
(Fig. 1-47). — Zuletzt überziehen das ganze Ovarium und sein Deck-
epithel, ähnlich wie bei Hydractinia, den ganzen Entodermschlauch
und drücken ihn dabei mehr und mehr zu einem bloß axialen Gebilde
des Gonanthen zusammen. Seine letzten Schicksale habe ich aber nicht
verfolgen können.
Die Spermarien unterscheiden sich nur darin von den Ovarien,
daß die Teilungsprodukte der Spermatoblasten das Füllgewebe ver-
decken, und daß der Entodermschlauch während seiner Umwachsung
durch die Hoden häufig eine etwas unregelmäßige Form annimmt.
Obgleich die Beobachtungen Weismanns und die meinigen über
Bau und Entwicklung der Gonanthen von Coryne pusilla in dem wich-
tigsten Punkt, nämlich darin übereinstimmen, daß die zwischen dem
Ectoderm und dem Entodermschlauch gelegenen Teile entodermalen
Ursprungs sind, gehen unsre Deutungen derselben vollkommen aus-
einander. Er ist nämlich der Ansicht, daß der »entodermale Glocken-
kern« dieser Gonanthen und die ihn von Anfang an kappenförmig über-
ziehende »Entodermlamelle« eine so »vollständige Homologie« mit den
gleichnamigen Teilen einer Meduse darstellten, daß jener entodermale
Glockenkern von einem ectodermalen, und zwar der nächstverwandten
Syncoryne abstammen müsse.
Ich kann mich dieser Auffassung nicht anschließen. Weismann
verbindet mit dem Wort »Homologie« einen, wie nur scheint, wenigstens
heutigen Tages ungewöhnhchen Sinn. Er versteht darunter die Über-
einstimmung in den Form- und Lagebeziehungen auch solcher fertigen
Teile, deren individuelle Entwicklung, wie im vorliegenden Fall, auch
nach seiner eignen Beobachtung vollständig auseinandergeht; und in
94
einer solchen »Homologie« heterolog entstehender Teile erbUckt er
den ausreichenden, ja zwingenden Beweis für einen direkten stammes-
geschichtUchen Zusammenhang der vergUchenen Formen, hier der
Gonanthen von Corijne und der Medusen von Syncoryne. Die all-
gemeine Berechtigung eines solchen Schluß Verfahrens werde ich an andrer
Stelle kritisieren und beschränke mich hier auf den Nachweis, daß es
im vorHegenden Fall schon deshalb hinfälHg wird, weil es sich auf
unrichtige Beobachtungen stützt.
Beginnen wir mit dem Deckepithel von Coryne, das Weismann
von vornherein »Entodermlamelle« genannt und mit dem gleichnamigen
Teil der Medusen verglichen hat. Eine solche Lamelle sollte nach all-
gemeiner, von Weismann bestätigter Annahme in den Medusenknospen
aus dem Rande der Entodermkuppe aufsteigen und oben becherförmig
offen bleiben; das Deckepithel von Coryne ist aber nach meiner Er-
fahrung ein oben geschlossenes gewölbtes Blatt, dessen Rand mit der
Entodermkuppe niemals zusammenhängt, sondern nur mit der Gonade
{Glockenkern, Weismann), zu der das Deckepithel auch abgesehen
von der Entstehung beider Teile gehört. Von einer »vollständigen«
Übereinstimmung zwischen dem Deckepithel der Gonade von Coryne
und der angeblichen Entodermlamelle der Hydromedusen kann also
gar keine Rede sein. Vollends unmögUch wird aber der Vergleich da-
durch, daß, wie wir jetzt wissen, jene Entodermlamelle bei den Hydro-
medusen gar nicht vorkommt, also auch nicht das Vorbild des
Deckepithels von Coryne sein kann. Eine der Hauptgrundlagen der
Hydromedusen, die umbrellaren Entodermteile oder die Radialschläuche,
sind also in den Gonanthen von Coryne durch keine, auch nur entfernt
ähnliche Bildung vertreten; und folglich fehlen ihnen auch Spadix und
Manubrium (S. 76).
Ferner hält Weismann die unter dem Deckepithel befindhche eigent-
liche Gonade für einen Glockenkern mit einem selbständigen »Sub-
umbrellarepithel« an der Oberfläche und einem tieferen Manubrium-
Ectoderm. Ein solches Epithel existiert jedoch nach meinen Beobach-
tungen nicht, da die an der Oberfläche der Gonade befindliche Zellenlage
des Füllgewebes ganz deutlich mit den tieferen Schichten zusammen-
hängt und mit ihnen ein einheitliches Gewebe bildet. Dann wird aber
auch niemand behaupten können, daß unsre Gonade, an der weder die
zwei Schichten des Glockenkerns noch eine Glockenhöhle vorhanden
sind, und die ebensowenig außen von Radialschläuchen oder auch nur
einer Entodermlamelle umfaßt wird, dennoch eine »vollständige« ana-
tomische Übereinstimmung mit einem echten Glockenkern darböte.
95
Wenn überhaupt von einer anatomisclien Übereinstimmung die
Rede sein kann, so finde ich eine solche zwischen dem zweischichtigen
Innenectoderm von Uydractinia und der entodermalen Gonade samt
Deckepithel von Coryne; aber abgesehen davon, daß diese Ähnlichkeit
heterologer Teile nur eine äußerliche, eine Homoidie sein kann, so wäre
sie für den Vergleich der Gonanthen von Coryne mit Hydromedusen
schon deshalb wertlos, weil dadurch der Mangel eines den umbrellaren
Entodermteilen entsprechenden Teils bei Coryne nur bestätigt wird.
Denn die Deckschicht von Hydractinia entspringt auch nach Weismann
aus dem Ectoderm. Kurz — die Gonanthen von Coryne besitzen
keine Teile, die dem Glockenkern und den Radialkanälen
der Medusenknospen anatomisch irgendwie entsprächen.
So erweist sich also die für Weismann allein maßgebende »voll-
ständige Homologie« zwischen den Hauptteilen einer Hydromeduse
und den Bestandteilen der Gonanthen von Coryne fusüla als eine Täu-
schung, und damit entfallen alle daran geknüpften Schlußfolgerungen
sowie die Nötigung, den heterologen Ursprung der verglichenen Teile
durch die oben erwähnte Hypothese (S. 91) zu erklären. Halten wir
uns bloß an die Tatsachen, so führt ihre Vergleichung zu ganz andern
Schlüssen als den eben bezeichneten. Da die Gonade von Coryne
samt ihrem Deckepithel sowohl nach ihrem entodermalen Ursprung
wie nach ihren Form- und Lagebeziehungen von jeder Homologisierung
mit medusoiden Teilen ausgeschlossen ist, so fehlt den Gonanthen
dieser Art jedes Medusenmerkmal ebenso wie den bisher
besprochenen Gonanthen. Dagegen läßt sich allerdings aus der
bereits angedeuteten Homoidie, d. h. der äußerlichen, nicht verwandt-
schaftHchen Übereinstimmung der entodermalen Sonderteile von Coryne
mit dem Innenectoderm von Hydractinia — woran sich mit einer gewissen
Einschränkung auch Clava anschließt — eine bestimmte Vorstellung
über den Formwert dieser Gonaden gewinnen.
Das Deckepithel und das von den Keimzellen durchsetzte Füll-
gewebe von Coryne, die eine zusammenhängende und zusammengehörige
Bildung darstellen, sind nach ihrer völligen Trennung von den beiden
Hauptschichten des Gonanthen, dem Ectoderm und dem Entoderm-
schlauch, nach ihrer Lage zwischen beiden und nach ihren Beziehungen
zu den Keimzellen dem genannten Innenectoderm andrer Gonanthen
soweit analog, daß sie diesem Parectoderm als Parentoderm an
die Seite gestellt werden können. Nun ist es aber keineswegs ein merk-
würdiger Zufall, daß diese beiden Gewebe überall dieselbe Form einer
den Entodermschlauch überziehenden Kappe oder Kalotte aufweisen.
96
Denn indem die beiden Binnengewebe in den Zwiscbenraum zwischen
den beiden Hauptschicliten einwachsen und sich dort ausbreiten, wird
ihnen die gleiche Form ganz offenbarvon diesen sie begrenzenden Schichten
vorgeschrieben, so daß nur die beiderseits übereinstimmende Form der
letzteren die äußerliche Ähnlichkeit unsres Parectoderms und Parento-
derms hervorruft. Beide entbehren also eine an sich eigentümliche,
ererbte Form, sind nicht ursprünglich morphologische, sondern rein
ge webliche, den jeweiligen äußeren Formbedingungen sich anpassende
Bildungen, was freilich erst dann vollends evident wird, sobald man das
ganz abweichend geformte Parectoderm und Parentoderm andrer
Gonanthen {CordijIopJwra, viele Tecaphora) kennen gelernt hat.
Die Keimzellen YonCoryne, die in der Regel erst im abgesonder-
ten Parentoderm entstehen, sind schon dadurch unbedingt ento-
dermalen Ursprungs. Wenn Weismann dies für unentschieden
erklärte (Nr. 70, S. 216), so geschah es natürhch nur im Hinbhck auf die
Hypothese vom ectodermalen Ursprung der ganzen Gonade; ein tat-
sächlicher Grund liegt dafür nicht vor, während die einzelnen von mir
beobachteten Eizellen, die nachträglich aus dem Entodermschlauch
in das Ovarium einwandern, m. E. unzweifelhafte Teilungsprodukte
von Entodermzellen sind. Man kann also behaupten, daß die Keim-
zone von Coryne im allgemeinen mit der Reifungsstätte zu-
sammenfällt, teilweise jedoch sich bis in den Entoderm-
schlauch erstreckt.
14. Cordylophora lacustris (Taf. VIII).
Die Fortpflanzung der allbekannten Cordylophora lacustris be-
schrieb zuerst ausführlich Allman (Nr. 2), worauf die vollständigste
Untersuchung desselben Hydropolypen durch F. E. Schulze folgte,
die ich der folgenden Übersicht zugrunde lege.
Die zerstreut an Hydranthenstielen sitzenden Gonanthen von
Cordylophora sind birnförmige Ausstülpungen beider Körperschichten
des Polypen, die alsbald durch eine Zusammenziehung der Basis gestielt
werden, worauf der eigentliche Körper des Gonanthen länglich eiförmig
wird und diese Gestalt bis zum Ende seines Wachstums behält. Dies
bezieht sich jedoch nur auf die äußeren Schichten, das Periderm und
das Ectodermepithel ; der entodermale Sack verwandelt sich dagegen
in ein Bündel von verzweigten Schläuchen, die von einem gemeinsamen,
über dem Stiel befindlichen Basalabschnitt sich gegen den Scheitel
erstrecken (Nr. 61, S. 33 ff.). Dies werde durch Wucherungen an der
97
Basis des Ectoderms herbeigeführt, die als netzförmig verbundene, nach
innen gerichtete Vorsprünge centralwärts vorwachsen, dadurch den
entodermalen Sack einbuchten und durchsetzen, bis er in die mit Seiten-
zweigen besetzten Schläuche verwandelt ist (a. a. 0. S. 24, 25) i. Bei
diesem Vorgange sondere sich das Ectoderm in zwei, jedoch durch keine
besondere Cuticularlamelle getrennte Schichten: während die inneren
Wucherungen sich als unregelmäßige Zellenmassen darstellen, bleibt
an der Oberfläche ein regelmäßiges Plattenepithel zurück, das nur am
Scheitel des Gonanthen verdickt ist.
In der Regel seien in jedem Gonanthen vier Hauptschläuche vor-
handen, die niemals miteinander anastomosieren (gegen Allman), in
den weiblichen Gonanthen peripherisch und in den männlichen tiefer
im Innern hegen. Das alle Zwischenräume zwischen diesen Schläuchen
und dem Außenepithel ausfüllende unregelmäßige ectodermale Gewebe
verwandle sich entweder in Sperma, oder nehme in den weiblichen
Stöcken die Eizellen auf, die aus dem Ectoderm einwanderten und sich
in dem centralen Raum zwischen den peripherischen Schläuchen an-
sammelten. Bis zur vollen Reife der beiderlei Geschlechtsprodukte
bliebe der geschilderte Bau der Gonanthen unverändert; dann bilde
sich am verdickten Scheitel des Ectoderms eine Öffnung, durch welche
die reifen Geschlechtsprodukte austreten 2, worauf der Zellkörper des
Gonanthen sich gegen den Stiel zurück- und zusammenzieht und nach
Ausgleichung der Schläuche zu einem kleinen einfachen Kolben wird
(a. a. 0. S. 35-37).
Dieser ausführlichen Darstellung der Gonanthenbildung wäre noch
hinzuzufügen, daß bereits Schulze die Eizellen im Ectoderm der Hy-
dranthenstiele, an denen die Gonanthen sprossen, und selbst der Haupt-
stämme antraf und überhaupt den ectodermalen Ursprung der beiderlei
Geschlechtsprodukte annahm (a. a. 0. S. 36 — 38). — Dies bestätigte
Weismann mit der Maßgabe, daß die Eizellen regelmäßig im Stamm
entstehen und von dort bis in die Gonanthen vorrücken, die männhchen
Keimzellen jedoch erst an der Ursprungsstelle des Gonanthen sich
1 Allman ließ anfangs (Nr. 2, S. 373, 377) die Schläuche als »Radialkanäle«
seitlich aus dem einfachen Entodermsack hervorwachsen, so daß der letztere als
»Spadix« zurückbleibe; er nahm dies jedoch später als irrig zurück und bezeich-
nete die Gesamtheit der Schläuche der Gonanthen als einen verzweigten Spadix
(Nr. 3, S. 254).
2 Die ausgetretenen befruchteten Eier bleiben bis zur Planulabildung inner-
halb des Peridermsacks zurück, das ausgetretene Sperma verläßt dagegen den
Peridermsack sofort durch eine Öffnung desselben.
7
98
entwickeln und das ganze Ectoderm desselben umfassen (Nr. 70, S. 30
bis 33). Auch im übrigen will sich Weismann von der Richtigkeit der
ScHULZEschen Darstellung überzeugt haben.
Die Herstellung der Entodermschläuche faßt Pauly ebenso auf
wie Schulze (Nr. 59, S. 771); nur sollen in den weiblichen Individuen
die Eizellen zugleich mit den Ectodermwucherungen ins Innere dringen
und sich daher an der Umbildung des Entodermsacks beteiligen. Diese
Wucherungen beschreibt Pauly als netzförmig verbundene Zellen und
bezeichnet sie teils als FoUikelbildungen, teils als Nährmaterial der
Eier; in den männlichen Individuen gingen sie ganz in das Sperma über.
Die weiteren Schicksale der Gonanthen werden aber von Pauly wesent-
lich anders als von Schulze geschildert (a. a. 0. S. 772 — 774). Das
ins Innere eingedrungene Keimgewebe (Spermazellen — Eizellen mit
Nährzellen), soll am Entodermsack allerdings Einbuchtungen und
röhrige Anhänge hervorrufen^ doch könne von einer regelmäßigen
Anordnung und Verzweigung der entodermalen Röhren keine Rede sein.
Ferner würden sie durch das wachsende Keimgewebe in getrennte
Stücke zerschnürt, zusammengepreßt und zum Schwinden gebracht,
indem sie ebenfalls als Nährmaterial für die Keime verbraucht würden,
so daß zuletzt nur im Grunde des Gonanthen ein kleiner Entoderm-
zapfen übrig bleibe. Endlich soll das Keimgewebe an den Stellen seines
Ursprungs das ganze Ectoderm in seine Bildung einbeziehen, so daß
nur an den dazwischenüegenden indifferenten Partien desselben ein
Epithel zurückbleibt, das jedoch zuletzt ebenfalls schwindet, worauf nur
das Sperma oder die Eier bzw. Embryonen den Peridermsack ausfüllen.
Unter diesen Umständen kann natürlich von der Bildung einer
Austrittsöffnung am Scheitel des Ectodermepithels und vom Austritt
der Geschlechtsprodukte aus dem eigentlichen Gonanthen keine Rede
sein, ebensowenig von einer Zusammenziehung jenes Epithels und der
von ihm umschlossenen Schläuche. Nach Pauly ist vielmehr die ganze
Entwicklung der Gonanthen von CordyJophora, vom Eindringen des
Keimgewebes an nur ein ganz unregelmäßiger Rückbildungsprozeß i.
Auf Grund meiner eignen Untersuchungen kann ich die Angaben
Schulzes über den Bau der Gonanthen von Cordylophora lacustris im
1 Die von Motz-Kossowska neuerdings beschriebene Cordylophora jmsilla
n. sp. (Nr. 58, S. 03) soll in diesem Gonanthen einen Glockenkern und eine Ento-
dermlamelle entwickeln. Wenn sich dies bestätigen sollte, so hätten die Gonanthen
dieser neuen Art und der altbekannten Cordylophora lacustris miteinander nichts
gemein.
99
wesentlichen bestätigen. Die Umbildungen beider Körperschichten
beginnen schon an den jüngsten kolben- oder birnförmigen Gonanthen
beiderlei Geschlechts. Das Ectoderm sondert sich in der Tat in zwei
Schichten, von denen die äußere ein zusammenhängendes Epithel bleibt
(Außen ectoderm), die innere aber zu einem central wärts einwachsen-
den Füllgewebe wird, das ich 'ebenso wie die bereits besprochenen
entsprechenden Bildungen von Hydractinia und Clava als Innenecto-
derm bezeichne. Das Außenectoderm erhält sich bis zur Reife und dem
Austritt der Geschlechtsprodukte intakt und kann selbst nach jenem Zeit-
punkt in ununterbrochenem Zusammenhange zurückbleiben (Fig. 192).
Von seiner frühzeitigen Unterbrechung und Auflösung (Pauly) habe
ich nirgends etwas gesehen. Während des Wachstums der Gonanthen
wird es zu einem Plattenepithel, und nach der Entleerung des Gonanthen
zieht es sich wieder zu einem Pflasterepithel zusammen ; nur am Scheitel
bildet sich in ihm eine Kuppe von Cylinderzellen.
Das Innenectoderm und die Entwicklung des Entodermschlauchs
zeigen sich in beiden Geschlechtern etwas verschieden, weshalb hier die
weiblichen und die männüchen Gonanthen getrennt behandelt werden
sollen.
Die weiblichen Gonanthen. Die Eizellen, die nur im Ecto-
derm anzutreffen sind und zweifellos auch dort entstehen, wandern sehr
frühe aus dem Hydranthenstiel in die Gonanthenknospen ein, wo sie
außerhalb der ursprünghchen Grenzlamelle bleiben, sowohl anfangs,
wann sie der glatten Oberfläche des Entodermsacks aufliegen, wie auch
später, wann sie sich zwischen dessen Verzweigungen ins Irmere ein-
senken und dort im centralen Binnenraum ansammeln. Sie verlassen
also ebenso wie die Spermatoblasten niemals ihre ectodermale Ursprungs-
stätte. Sobald ihr Durchmesser die Höhe des eigentlichen Ectoderm-
epithels übertrifft, wölben sie dieses nach außen vor, während einzelne
und offenbar jüngere Ectodermzellen sich in der Tiefe um die Eizellen
anhäufen (Fig. 177), um diese bei ihrer Einwanderung nach innen zu
begleiten (Follikelepithel, Pauly). Von diesen Zellen sah ich regel-
mäßig einige in die Eizellen eindringen, wo sie allmählich assimihert
werden (Fig. 182); es sind dies also echte Nährzellen, wie sie uns schon
bei Tuhularia und Coryne begegneten und bei Hydra allbekannt sind.
Aber auch dort, wo keine Eizellen dem Entoderm auf hegen, ent-
stehen in der Tiefe des Ectoderms der jungen Knospe gruppenweise
junge, dunkle und stärker färbbare Zellen, die, sobald das Entoderm
sich einzubuchten beginnt, sich in diese Vertiefungen einsenken (Fig. 180
bis 182). Sehr bald schheßen sich diese selbständigen so wie die andern.
100
die Eizellen begleitenden Sonderungen einer tieferen Ectodermschicht
nacli außen gegen das einfache Ectodermepithel ganz glatt und scharf
ab, indem zwischen ihnen eine neue Grenzlamelle entsteht, die an den
Stellen, wo das Entoderm das Ectodermepithel oder Außenectoderm
berührt, sich an die ursprüngliche, stets erhalten bleibende Grenz-
lamellei anschließt (Fig. 179). Die ganze zwischen beiden Lamellen
befindliche ectodermale Zellenmasse ist eben das Innenectoderm,
das auf den angegebenen Wegen nach innen vorwachsend, sehr bald
zwischen den Entodermschläuchen zu einem einheitlichen Gewebe ver-
wächst, das Pauly ganz richtig als ein netzförmiges Zellenwerk be-
schreibt. Dazu wird es aber durch eine ganz eigentümliche Entwicklung.
Anfangs erscheinen die Zellen unsres Innenectoderms dicht zu-
sammengefügt; dann werden sie so vacuolisiert, daß das dunkle Proto-
plasma sich sternförmig um den Kern zusammenzieht und der Zwischen-
raum zwischen ihm und der Peripherie der Zelle von einer klaren Flüssig-
keit eingenommen wird (Fig. 179). Dies stimmt also mit der von
Schulze beschriebenen Bildung der Zellen des Ectodermepithels und
der bekannten Achsenzellen der Tentakel der meisten Hydropolypen
und Hydromedusen überein. Wo jene klaren Zellen des Innenectoderms
von Cordylophora lacustris zusammenstoßen, fließen sie meist so zu-
sammen, daß die Flüssigkeit sich zu einer kontinuierlichen Intercellular-
substanz vereinigt, in der die sternförmigen und kernhaltigen Proto-
plasmakörper sich netzförmig verbinden (Fig. 180, 181). Diese Meta-
morphose scheint sich auf die meisten Zellen des Irmenectoderms auszu-
dehnen ; doch mögen sich einzelne kompakte Zellenstränge im Netzwerk
erhalten.
Allmählich nimmt die Intercellularsubstanz dieses Füllgewebes zu,
es wird lockerer und weiter und gestattet den darin angesammelten Ei-
zellen zu wachsen und sich abzurunden. Dagegen wird es, abgesehen
von den schon erwähnten Nährzellen, keineswegs für die Eizellen ver-
braucht (Pauly), sondern zeigt sich noch in reifen Gonanthen unver-
ändert, und seine Reste lassen sich nach dem Austritt der Eier noch in
dem darunter zusammengezogenen Gonanthen nachweisen (Fig. 192).
Das Innenectoderm der weiblichen Gonanthen von CordylopJiora
lacustris ist also ein selbständiges, integrierendes Gewebe derselben,
das wegen seiner vollkommenen Trennung von den beiden ursprüng-
1 Pauly vermißt diese ursprüngliche Lamelle ebenso wie, im Anschluß an
Schulze, die sekundär entstehende (Nr, 59, S. 772) ; sie ist aber sicher vorhanden
und nur gelegentlich schwer nachweisbar.
101
liehen Epithelschicliten und wegen seines Charakters als ein in erster
Linie stützendes Füllgewebe ihnen gleichwertig gegenübersteht.
Gleichzeitig mit der Einwucherung des Innenectoderms ins Innere
des Gonanthen beginnt die Bildung seiner Entodermschläuche, die
sich mir im allgemeinen ebenso wie Schulze mit einer nicht zu ver-
kennenden Regelmäßigkeit in Zahl^ Form und Lage zeigten i. Die
Anlagen der Schläuche stimmen in beiden Geschlechtern überein, und
nur auf späteren Entwicklungsstufen geht ihre Bildung in den männ-
lichen und den weibhchen Gonanthen mehr oder weniger auseinander.
Die erste Veränderung des birnförmigen Entodermsacks besteht in
Einkerbungen seiner distalen Hälfte von oben her, wodurch sie in
mehrere Vorwölbungen geteilt und von der unveränderten proximalen
Hälfte gesondert wird (Fig. 194). Diese bleibt kelchförmig; die aus
diesem Basalkelch sich erhebenden Vorwölbungen werden bald
schlauchförmig (Hauptschläuche) und ordnen sich peripher, gewisser-
maßen am Rande des Basalkelches an (Fig. 188), so daß sie einen cen-
tralen Raum umgeben und außen das Ectodermepithel (Außenectoderm)
berühren (Fig. 179—182).
Die Zahl der Hauptschläuche ist normalerweise vier oder fünf;
doch mag die Fünfzahl bisweilen durch eine nachträgliche Spaltung
eines von vier ursprünglichen Hauptschläuchen entstehen. Sie sind
entweder alle ziemHch gleich stark, oder einige von ihnen überwiegen
in der Breite ; an diesen zeigen sich dann auch neue Kerben, wodurch bei
weiterem Wachstum des Schlauches schräg aufsteigende Seitenzweige
hervorgerufen werden (Fig. 189). Doch kann die Verzweigung in
andern Fällen ziemlich lange auf sich warten lassen, so daß die Haupt-
schläuche inzwischen lang fingerförmig geworden sind. Infolge ihrer
Anlagerung an das oval sackförmige Außenectoderm krümmen sie sich
vom Basalkelch aus gegen den Scheitel des Gonanthen hin. Im ganzen
habe ich sie weniger schlank und weniger verzweigt angetroffen, als ich
es nach den Abbildungen der früheren Beobachter erwartete; dagegen
habe ich die von Allman beobachteten, aber von Schulze durchaus
vermißten queren Anastomosen einzelner Schläuche nicht selten ge-
sehen (Fig. 190).
Diese Bildung der Entodermschläuche erhält sich in den weibhchen
Gonanthen unverändert bis zur vollendeten Reife der Eizellen, die sich
zuletzt sämtlich im Centralraum zwischen den Schläuchen zusammen-
1 Zur Erläuterung dieser Verhältnisse habe ich die aus den ganzen Durch-
schnittsserien rekonstruierten Gesamtbilder der Entodermschläuche wiederge-
geben (Fig. 188—191, 194—197).
102
finden, umhüllt und gestützt vom Füllgewebe des Inneneetoderms.
Den Austritt der reifen Eier aus diesem Raum durch eine Öffnung am
Scheitel des Außenectoderms (Schulze) habe ich nicht unmittelbar
beobachtet; die Richtigkeit dieser Angabe ergibt sich aber daraus, daß
die entleerten Gonanthen sich unter den Eiern und Embryonen nur
zusammenziehen, ohne sich aufzulösen oder ihren Zusammenhang zu
unterbrechen (Fig. 191).
Das Außenectoderm erscheint, nachdem die Austrittsöffnung wieder
verschwunden ist, vollkommen geschlossen, aber infolge der allgemeinen
Zusammenziehung verdickt; die entodermalen Hauptschläuche ver-
kürzen sich ebenfalls, und die Seitenzweige verschwinden ganz oder
bleiben nur als Buckel sichtbar. Zwischen dem Außenectoderm und
den Schläuchen befinden sich die schon erwähnten Reste des Füllgewebes
(Fig. 192). Kurz, diese Rückbildung des verbrauchten Gonanthen ist
offenbar keine Auflösung, sondern nur eine durch allmähliche Resorption
desselben von selten des Stammes herbeigeführte Schrumpfung, die
zuletzt so weit führt, daß der zellige Teil des Gonanthen nur noch als
knopfförmige Anschwellung seines Stiels erscheint, worin seine früheren
Teile zu einer kompakten Masse verschmelzen, oder, wenn noch gesondert,
bis zur Unkenntlichkeit verkleinert sind (Fig. 193).
Die Rückbildung der weiblichen Gonanthen von Cordylophora
lacustris beginnt also erst nach dem Aufhören seiner Funktion als
Reifungsstätte; von einer wirklichen Zerstörung und Auflösung der-
selben vor jenem Zeitpunkt, und zwar zum Zweck der Ernährung der
reifenden Keime (Pauly), habe ich nichts bemerkt.
Die männlichen Gonanthen. — Die Einwucherung des Innen-
eetoderms vollzieht sich in den männlichen Gonanthen klarer und
übersichtlicher als in den weiblichen Gonanthen, weil es nicht durch
die großen Eizellen unterbrochen und verdeckt wird. In den jüngsten
männlichen Gonanthenknospen ist das Ectoderm, wie bereits Weis-
mann angab, ziemlich gleichmäßig verdickt und mehrschichtig; doch
sind die tieferen Schichten dunkler und schon mehr oder weniger deutlich
vom äußeren Epithel abgesetzt (Fig. 183). Sie entstehen aus einzelnen,
in der Tiefe neugebildeten Zellen, die sich schnell zu einer ziemlich
kontinuierlichen Zellenlage ansammeln und früher oder später durch .
eine Grenzlamelle von dem Außenectoderm getrennt werden. Dieses
gewissermaßen kappenförmige Innenectoderm verdickt sich fortdauernd
und wird dann in dem Maße, als die Entodermschläuche hervorwachsen,
dort, wo diese sich gegen das Außenectoderm vorwölben, verdrängt und
in die Buchten zwischen den Schläuchen zusammengeschoben, von wo
103
es in den sich bildenden Centralraum hineinwächst und ihn ausfüllt
(Fig. 184). Es verhält sich demnach anfangs ebenso wie das Innen-
ectoderm der weiblichen Gonanthen.
Währenddessen vollzieht sich an ihm auch eine gewebliche Son-
derung, die ebenso beginnt vde im Innenectoderm der weibhchen Go-
nanthen, aber weiterhin doch teilweise eine andre Kichtung einschlägt.
Nachdem die ersten verflüssigten Zellen aufgetreten sind, bleibt die
übrige, sie umgebende Zellenmasse scheinbar kompakt und bildet den
überwiegenden, immer dunkler werdenden Hauptteil des Innenecto-
derms, worin die vacuolisierten Zellen wie helle Tröpfchen verteilt sind
(Fig. 185). Im Innern dieser Tröpfchen zeigen sich deuthch die blassen,
sternförmigen Zellen; die Hauptmasse wächst aber und wird dunkler
durch die enorme Vermehrung der dicht zusammengedrängten kleinen
Kerne, die natürlich ebenso vielen Zellen, eben den Samenzellen ent-
sprechen. Man könnte daher meinen, daß das Innenectoderm der
männlichen Gonanthen bis auf die beschriebenen Sternzellen für die
Herstellung des Sperma völlig aufgebraucht werde. Sobald man aber
reife und teilweise schon entleerte Gonanthen untersucht, erkennt man
innerhalb der weniger dichten Samenmasse ebenfalls größere hellere
Zellkerne, und an den Stellen, wo das reife Sperma beinahe ganz ver-
schwunden ist, ein ziemlich engmaschiges Zellennetz mit verhältnismäßig
wenigen Kernen, in dessen Plasma hier und dort noch einzelne Sperma-
tozoen lagern (Fig. 186). Daraus folgt, daß das netzförmige Gefüge des
ursprünglichen Innenectoderms der männlichen Gonanthen von Cordylo-
fhora sich dauernd erhält, aber durch die in seinen dichteren Partien
entstehenden und sich anhäufenden Samenelemente größtenteils ver-
deckt wird.
So erweist sich dieses Innenectoderm der männlichen Gonanthen
von Cordylophora lacustris als ein von Spermatoblasten durch-
setztes Füllgewebe, das aber deshalb noch nicht grundsätzlich
von demjenigen der weiblichen Gonanthen desselben Polypen verschie-
den ist. Allerdings erscheint das letztere Innenectoderm von Anfang
an von den aus dem Polypenstiel eingewanderten Eizellen gesondert,
während das Innenectoderm der männlichen Gonanthen die Spermato-
blasten selbst erzeugt. Dieser Gegensatz schwindet jedoch, wenn man
überlegt, daß alle diese Gewebe gleicherweise Erzeugnisse der tieferen
Ectodermschichten sind, und daß daher der Unterschied sich darauf
beschränkt, daß Eizellen und Füllgewebe getrennt, Spermatoblasten
und Füllgewebe gewissermaßen unkenntlich verbunden ins Innere der
Gonanthen gelangen. Dieser Unterschied ist aber ganz untergeordnet
104
gegenüber der früheren Annahme, daß das Innenectoderm in den weib-
lichen Individuen allerdings ein Lager für die Eizellen bilde, in den
männlichen Individuen dagegen völlig in die Spermabildung aufgehe.
Befriedigender klang schon die Auffassung Paulys, daß das Innen-
ectoderm von Cordylophora in beiden Geschlechtern zur Herstellung
der Geschlechtsprodukte verbraucht werde; da sich aber auch diese
Auffassung nicht bestätigt hat, bleibt es dabei, daß das Innenecto-
derm von Coräylophora lacustris in beiden Geschlechtern
eine homologe Bildung ist, von der man allerdings annehmen
darf, daß sie stammesgeschichtlich durch die Bildung und
Ansammlung der Keimzellen in den Gonanthen allmählich
hervorgerufen sei.
Das Entoderm der männlichen Gonanthen unterscheidet sich
ebenfalls nur in geringem Grade von demjenigen der weibhchen Gonan-
then und zwar nach meinen Beobachtungen in der Regel erst auf den
späteren Entwicklungsstufen. Anfangs treten auch aus dem Basalkelch
der männhchen Gonanthen peripher, also rund um einen dadurch ent-
stehenden Centralraum vier bis fünf Hauptschläuche hervor (Fig. 19-1,
195). Sie scheinen allerdings stets einen ungleichen Durchmesser zu
haben, und die breiteren unter ihnen beginnen sich frühzeitig zu ver-
zweigen. Diese Ungleichheit nimmt nun weiterhin in der Weise zu,
daß die stärkeren Hauptschläuche sich unregelmäßig verzweigen und
die schwächeren dagegen im Wachstum zurückbleiben und sich wenig
oder gar nicht verzweigen (Fig. 197). Immerhin kann die periphere
Anordnung der Hauptschläuche noch bis zur Reifezeit des Sperma
erhalten bleiben (Fig. 185); meist treten aber Verschiebungen dadurch
ein, daß auch die Basen der stärkeren Schläuche sich ausdehnen, mit-
samt den unregelmäßigen Zweigen den Centralraum an die Peripherie
verdrängen und die schwächeren Hauptschläuche zuletzt nur als ihre
Zweige erscheinen lassen (Fig. 196). Natürlich kann dabei auch der
Basalkelch seine ursprüngliche regelmäßige Form völlig einbüßen.
Kurz — die älteren männlichen Gonanthen erfahren in der Regel
eine solche Veränderung an der ursprünglich ziemlich regelmäßigen
Anlage ihrer Entodermschläuche, daß das ganze Entoderm völlig regellos
geformt erscheint. Offenbar hat also Pauly nur solche extreme Bil-
dungen beobachtet, Schulze dagegen die weniger abweichend gebauten,
da er von den Entodermschläuchen der männlichen Gonanthen nur
angibt, daß sie stärker verzweigt seien als in den weiblichen Gonan-
then und sich mehr ins Innere zurückziehen.
Von einem Zerfall und Schwund der Entodermschläuche habe ich
105
in den männlichen Gonanthen bis zum Eintritt der Samenreife so wenig
gesehen wie in den weibhchen. Auch in halbentleerten Gonanthen,
deren Sperma nur durch eine besondere Öffnung hinausgekommen sein
kann, habe ich noch ebenso wie Schulze die verzweigten Schläuche
beobachtet. Freilich war dann der ganze Gonanth durch Zusammen-
ziehung etwas verkleinert und die Schläuche erschienen bereits atrophisch,
wenn auch durchaus nicht zusammengefallen. Mag nun diese Atrophie
auch schon kurz vor der Entleerung des Samens beginnen, so hat dies
doch keine besondere Bedeutung, da nach jener Entleerung der ganze
Gonanth zweifellos zugrunde geht. Diese allen Gonanthen gemeinsame
Erscheinung der Rückbildung nach der Keimreife ist aber etwas ganz
andres, als was Pauly beobachtet haben wollte, daß nämlich die ganze
Entwicklung des eigentlichen Gonanthen von Anfang an ein regelloser
Rückbildungsprozeß sei. So ergeben sich also für die Gonanthen
beiderlei Geschlechts eine relative Regelmäßigkeit ihres
Baues und dessen Fortbestand bis zum Eintritt der Ge-
schlechtsreife.
Jene Regelmäßigkeit bezieht sich auf die Gesamtform des ge-
stielten Gonanthen, die wesentlich von dem gut gesonderten und intakten
Außenectoderm abhängt, und dann vor allem auf die eigentümliche
Umbildung des Entoderms. Diese letztere führt nun allerdings nicht
zu einer vollkommen regelmäßigen Form, doch lassen sich bei sämtlichen
weiblichen und vielen, namentlich den jüngeren männlichen Gonanthen
die Grundzüge einer regelmäßigen Bildung gar nicht verkennen. Die
Sonderung des Basalkelchs und der aus ihm hervorwachsenden ver-
zweigten Schläuche, ihre Zahl (vier bis fünf) und periphere Anordnung
um einen Centralraum sind der deutliche Ausdruck eines im allgemeinen
ganz bestimmten Baues ; wogegen allerdings hervorgehoben werden muß,
daß er nirgends gewisse Schwankungen im einzelnen vermissen läßt.
Es handelt sich also gar mcht um eine feste Norm mit gelegentlichen
Ausnahmen, sondern um eine noch nicht fixierte, variable Form. Und
diese Variabilität führt eben, wie wir sahen, bei den älteren männhchen
Gonanthen zu jener unregelmäßigen Ausgestaltung der Entoderm-
schläuche, deren Extreme Pauly mit Unrecht für die typische Bildung
aller Gonanthen von Cordyhphora lacustsis erklärte.
Diese Erörterung steht in nahem Zusammenhang mit der Frage
nach den Ursachen der Entwicklung unsrer Gonanthen, vor allem
der variablen, aber doch relativ regelmäßigen Entodermschläuche. Es
wurde bisher allgemein angenommen (S. 97, 98), daß das Innenectoderm
und die Keimzellen die Metamorphose des ursprünglichen, einfachen
106
Entodermsacks unmittelbar und mechaniscli bewirkten, indem sie ein-
wärts gegen ihn vorwüchsen oder vordrängen und ihn dadurch ein-
buchteten und spalteten. Allerdings wurde dies nicht weiter begründet,
sondern galt wahrscheinlich für selbstverständlich, weil jenes Vordringen
des Innenectoderms und der Eizellen eben als aktiver Vorgang erschien.
Dieser Vorstellung widersprechen aber gewisse Tatsachen ganz
bestimmt, vor allem das nachweisbar passive Verhalten der Eizellen.
Man vergleiche z. B. die beiden jungen Knospen Fig. 177, 178. In der
unbedeutend größeren (Fig. 178) ist der Entodermsack mehrfach ein-
gebuchtet und die annähernd kugigen Eizellen sind in die Buchten
so eingelagert, als wenn sie dieselben allerdings durch ihren Druck er-
zeugt hätten. Dies wird aber durch die etwas jüngere Knospe (Fig. 177)
widerlegt. Denn obgleich dort sogar größere Eizellen als im ersten Fall
vorhanden sind, fehlen die Einbuchtungen am Entodermsack voll-
ständig; statt dessen sind die Eizelen an dem unverändert glatten
Entoderm abgeplattet und wölben velmehr das Ectoderm nach außen
vor, d. h. sie werden in ihrer Form und Lage vom Entoderm beeinflußt
und nicht umgekehrt. Noch auffälliger wird dieser Einfluß etwas
später, wann die Eizellen bereits in das Innere eingewandert sind und
die Zwischenräume zwischen den Schläuchen ausfüllen; denn dabei
passen sie sich mit ihren vieleckigen Formen, die ihnen doch nicht eigen
sind, offenbar jenen Räumen und den sie begrenzenden Entodermschläu-
chen an (Fig. 179). Angesichts dieser Tatsachen muß das erste Bild
(Fig. 178) so gedeutet werden, daß die Eizellen, statt durch ihren Druck
die Entodermbuchten zu erzeugen, vielmehr passiv in die sonstwie
entstehenden Buchten eindrangen, weil sich ihnen dort freier Raum
und der geringste Widerstand darbot.
Den unzweideutigsten Beweis dafür, daß die ganze Umbildung des
Entodermsacks unabhängig von den Eizellen erfolgt, liefern endlich
solche bereits mit peripherischen Entodermschläuchen versehene Go-
nanthen, denen die Eizellen noch ganz oder doch im Bereich der Schläuche
fehlen. So enthielt der Gonanth, dem die drei Durchschnitte Fig. 180
bis 182 entnommen sind, nur eine einzige Eizelle am Basalkelch, so daß
also seine vier, oben verzweigten Entodermschläuche entstanden waren,
ohne daß dabei eine Mitwirkung von Eizellen in dem bisher angenom-
menen Sinne hätte in Frage kommen können. Und da die angeführten
Fälle nicht vereinzelte Ausnahmen, sondern nur eine Auswahl von zahl-
reichen gleichen Beobachtungen darstellen, so haben die Eizellen
bei der Frage nach den Ursachen der Entwicklung der
Entodermschläuche ganz auszuscheiden.
107
Nicht anders steht es mit der angeblich gleichen form-
bildenden Tätigkeit des Füllgewebes in den Gonanthen beiderlei
Geschlechts. Das Innenectoderm der jüngsten männlichen Knospen
verhält sich ähnlich wie die Eizellen gleich junger weiblicher
Knospen: es kann, wenn es eine gewisse Stärke erreicht hat, wohl die
Außenfläche des Gonanthen vorwölben, bleibt aber an derselben Stelle
ohne jede Einwirkung auf das konvex gewölbts Entoderm, während es
auf der andern Seite des Gonanthen bei geringerer Mächtigkeit sich in
einer Ectodermbucht angesammelt hat (Fig. 184). Und nachdem das
Innenectoderm in männlichen und weiblichen Gonanthen ins Innere
eingedrungen ist und die Zwischenräume zwischen den Entoderm-
schläuchen einnimmt, kommt es doch häufig genug vor, daß die letzteren
sich mit breiten Flächen unmittelbar berühren, ohne jede Spur eines-
trennenden Füllgewebes, das doch angeblich die Ursache der Trennung
sein sollte.
Zu allen diesen Tatsachen gesellt sich endlich eine nicht zu unter-
schätzende allgemeine Überlegung. Die hier in Betracht kommenden
ectodermalen Gewebe erscheinen morphologisch völlig indifferent: die
in eine Gonanthenknospe einwandernden Eizellen sind völlig regellos
über den Entodermsack verteilt und die kappenförmige Anlage des
männlichen Innenectoderms zeigt keine Spur einer Gliederung. Wie
soll man sich nun denken, daß morphologisch so indifferente Gewebe
durch ihren auf den Entodermsack ausgeübten Druck ihn in ganz be-
stimmter Weise und mit der beschriebenen Regelmäßigkeit umformen?
Warum sollten jene Einwucherungen wenigstens in der Regel so ver-
laufen, daß nur vier bis fünf Schläuche gebildet werden, die am Basal-
kelch wurzeln, oben frei auslaufen, nur peripherisch stehen usw.? —
Ich wüßte in der Tat nicht, wie diese Inkongruenz zwischen der Form-
bildung der Schläuche und dem Mangel jeghcher bestimmten Form
an den sie angeblich verursachenden Eizellen und dem Innenectoderm
ausgeglichen und erklärt werden könnte i. Kommt nun dazu, daß,
wie ich zeigte, ein solcher Causalzusammenhang vielfach unmittelbar
1 Gerechterweise muß ich hervorheben, daß für Pauly eine solche Schwie-
rigkeit nicht bestand, da er weder die Regelmäßigkeit der Schläuche noch ihren
unversehrten Zustand in den älteren Gonanthen anerkannte. Indem er überdies
nach einer weitverbreiteten Auffassung jeden Gonanthen ohne weiteres für eine
rückgebildete Meduse, also seinen Bau für ein phyletisches Rückbildungsprodukt
hielt (Nr. 59, S. 769), mochte dies eine weitere Veranlassung sein, in der ganzen
Entwicklung der Gonant'ien von Cordylophora nur eine ungeordnete Rückbildung
und in der Einwiicherung der Keimzellen ihre unmittelbare Ursache zu erbUcken,
108
ausgeschlossen werden muß, und eine wirkliche Begründung desselben
überhaupt nicht versucht worden ist, so bleibt nur übrig, diese Annahme
vollständig abzulehnen und nach andern Ursachen jener Gonanthen-
bildungen von Cordyloj)hora lacustris zu suchen.
Um nicht mißverstanden zu werden, schicke ich voraus, daß ich
den Geschlechtszellen durchaus nicht ganz allgemein jede Beziehung
zur Gonanthenbildung abspreche. Denn wie man auch die Entstehung
der Medusen und Gonanthen auffassen mag, so hat man doch immer
mit der Tatsache zu rechnen, daß sie im Gegensatz zu den zugehörigen,
sterilen Hydranthen allein die definitiven Keimträger sind, und daß
daher die Keimzellen bei der Entstehung dieser Keimträger irgendwie
mitgewirkt haben dürften. Dieses allgemeine Zugeständnis ist aber
etwas ganz andres als eine Erklärung der concreten Bildung des Go-
nanthen in der einzelnen Species durch einen angeblich formbildenden
Einfluß der Keimzellen und des sie begleitenden Innenectoderms, der
bei Cordylofhora, wie wir sahen, bestimmt fehlt. Unter solchen Um-
ständen erscheint das bestimmt gerichtete und geregelte Wachstum
des Entodermsacks als ein durchaus selbständiges, dessen Ursachen
im Entoderm selbst zu suchen sind.
Nun wachsen die fraglichen Schläuche nicht unvermittelt wie ein-
fache Ausstülpungen aus dem Basalkelch hervor, sondern es gehen ihnen
entsprechende Einkerbungen des Entodermsacks voraus, die noch nach
dem Hervortreten der Schläuche im Basalkelch sichtbar bleiben und
sich als longitudinale, nach innen vorspringende Falten darstellen, so
zwar, daß die zwischen ihnen liegenden Rinnen in die Schläuche aus-
laufen (Fig. 182). Es zeigt sich hier also dasselbe wie bei der Entwick-
lung der Radialschläuche der Medusen, die durch die Täniolen des
Knospenentoderms hervorgerufen werden; und sowie diese Täniolen
sich als Homologa derjenigen der Hydranthen ergeben (S. 10), so lassen
sich auch an den Hydranthenköpfchen von Cordi/lopJiora teils solide,
teils faltige Täniolen nachweisen, die ebenso zweifellos als Homologa
der Falten im Basalkelch der Gonanthen anzusprechen sind (Fig. 198,
199), mögen die letzteren nun direkt oder auf dem Umwege durch die
Medusen von den Hydranthen abgeleitet werden. Denn auch die Zahl
der Täniolen des Basalkelchs stimmt im allgemeinen mit der Zahl der
Täniolen in den Hydranthen: im Hypostom sind es vier bis fünf und
erst weiter abwärts vermehren sie sich ebenso wie die Tentakel, indem
jeder Tentakel im Verlaufe einer von Täniolen begrenzten Rinne ent-
springt.
So erklärt sich die Entstehung der Entodermschläuche in den
109
Gonanthen von Cordylophora ebenso einfach wie befriedigend dadurch,
daß das distalwärts gerichtete Wachstum des Entodermsacks durch die
von den Hydranthen ererbten Täniolen in bestimmter Weise differenziert
wird und in schlauchförmige, peripherische Fortsetzungen ausläuft.
Allerdings vermißt man dabei eine vollkommene Regelmäßigkeit der
Schläuche in Form, Zahl und Lage; ihre bereits erörterte Variabilität
beweist jedoch nur, daß die Täniolenbildung in den Gonanthen von
Cordylophora noch ebensowenig fixiert ist wie in ihren Hydranthen.
Mit dieser Einschränkung stimmen also die Entodermschläuche
der Gonanthen von Cordylofhora nach ihrem Ursprünge mit
den Radialschläuchen der Hydromedusen überein. Aus
diesem identischen Ursprünge ergeben sich aber auch für die beiderlei
Schläuche im allgemeinen dieselben Lagebeziehungen. Denn die
Lage der Täniolen bringt es mit sich, daß die Schläuche in beiden Fällen
vom Rande der Entodermkuppe, d. h. des künftigen Basalkelchs {Cordy-
lophora) oder Centralmagens (Hydromedusen) und daher peripher
längs des Außenectoderms aufwachsen, wodurch eben der Binnenrauni
für das Innenectoderm oder den Glockenkern geschaffen wird. Die
Entodermschläuche der Gonanthen von Cordylojjhora und die
Radialschläuche der Hydromedusen sind also wirkliche
Homologa.
Dies gilt nun aber nicht in demselben Maße von den beiden eben
genannten Ectodermprodukten, dem Innenectoderm von Cordylophora
und dem Glockenkern der Medusen. Denn in der Form seiner ersten
Anlage und seines definitiven Zustandes weicht jenes Innenectoderm
nicht unbedeutend von einem Glockenkern ab. Indem es aber schließlich
als kompakte Masse innerhalb der peripherischen Ectodermschläuche
immerhin dieselben Lagebeziehungen aufweist wie ein solider Glocken-
kern, steht es ihm in diesem entscheidenden Verhalten immer noch näher
als das Innenectoderm von Hydractinia und Clava, das anfangs aller-
dings einem Glockenkern so ähnhch sieht, aber wegen der Abwesenheit
von Radialschläuchen jene Homologie der Lage niemals erreicht.
W^enn also auch das Innenectoderm von Cordylophora lacu-
stris nnv in gewissen Grenzen einem Glockenkern homolog ist,
so muß doch anerkannt werden, daß die Gonanthen dieses Hydropolypen
die Grundzüge eines Medusenbaues, nämlich allgemeine Homologa der
Radialschläuche und des Glockenkerns enthalten. Kann nun daraus
gefolgert werden, daß diese Gonanthen rückgebildete Medusen sind?
Weismann, der in ihnen »keine Spur von medusoidem Bau« findet,
hält daher auch ihre medusoide Abstammung für unentschieden (Nr. 70,
110
S. 251, 252) ; ich glaube dagegen aus meinen Befunden an denselben
Oonanthen folgern zu können, daß sie trotz ihres medusoiden Baues
keine rückgebildeten Medusen sind.
Bei der Untersuchung, ob ein bestimmter Organismus ein Rück-
bildungsprodukt ist oder nicht, hat man sich vor allem die Kriterien
«iner phyletischen Rückbildung zu vergegenwärtigen, die für den ganzen
Organismus natürlich wesentlich dieselben sind wie für den einzelnen
Körperteil. Nun ist es ja ein allgemein anerkannter elementarer Satz,
daß die phyletische Rückbildung eines Körperteils sich am vollständigsten
in seinem fertigen Zustande zeigt, auf den vorausgehenden Stufen der
individuellen Entwicklung dagegen gradatim abnimmt, so daß die
ersten dieser Entwicklungsstufen dem Zustande desselben Körperteils
bei den noch nicht zurückgebildeten Vorfahren ähnlicher sind als die
späteren Entwicklungsstufen. Das nächste Beispiel dafür bieten die
Medusoide von Tuhularia^ die als vollkommene Medusenknospen be-
ginnen, dann aber die medusoiden Anlagen völlig zurückbilden und
unterdrücken : die Radialkanäle schwinden, Ringkanal, Velum, Tentakel,
Glockenhöhle werden ganz oder teilweise unterdrückt usw.
In den Gonanthen von Coräylophora vermisse ich eine solche fort-
schreitende Rückbildung durchaus: die ersten Anlagen erhalten sich
nicht nur bis zuletzt, d. h. bis zum beginnenden Absterben der Go-
nanthen i, sondern zeigen teilweise selbst eine fortschreitende Umbil-
dung, so daß umgekehrt wie bei der Rückbildung der Medusoide von
Tubularia die Medusenähnlichkeit jener Gonanthen im Verlaufe ihrer
individuellen Entwicklung eher zunimmt als abnimmt. Ich erinnere
hier vor allem an das Innenectoderm, dessen erste Anlage mit einem
Glockenkern nur die Abstammung vom Ectoderm gemein hat; sie ver-
breitet sich, namentlich deutlich in den männlichen Gonanthen, über
•die ganze Außenseite des noch ungesonderten Entodermsacks und
wiederholt dadurch die kappenförmige Bildung des Innenectoderms
von Hydmctmia, deren Gonanthen ebenfalls keine Rückbildung, aber
auch keinen Medusenbau erkennen lassen (S. 77). Erst durch die
Entstehung der Entodermschläuche wird es dem Innenectoderm von
122
Die schon im Eingange dieses Kapitels angeführte Auffassung, daß
in jedem Gonangiimi ein polypoides Blastostyl durch Knospung Medusen
oder »Gonophoren« von dem phyletischen Wert einer Meduse erzeugt,
erfreut sich noch immer allgemeiner Zustimmung, da sie teils durch
unmittelbare Beobachtungen, teils durch Vergleiche gestützt wird.
In der Tat kann es nicht bezweifelt werden, daß, wie ich selbst es noch
ausführen werde, die Medusen und sonstigen Keimträger der Campanu-
lariden {Gonothyraea, Cam'panulana, Ohelia usw.) aus den ursprüngHchen
Individuen der Gonangien wirküch hervorknospen; und da solche
Knospenträger bei den Athecata {Podocoryne, HydracUnia, Euden-
drium usw.) sich in überzeugendster Weise als mehr oder weniger modi-
fizierte Hydranthen oder »Blastostyle« erweisen, konnten auch die
Träger der Geschlechtsindividuen bei den Camp anulari den scheinbar mit
Recht für Blastostyle erklärt werden.
Diese Deutung wurde alsdann auf den ganz ähnlichen Inhalt der
Gonangien der übrigen Thecaphora übertragen, wo sich überdies ein
direkter Beweis für den Polypencharakter des knospentragenden Blasto-
styls fand, indem das Blastostyl der weibhchen Gonangien in mehreren
Halecium- Arten neben dem Gonophor richtige Hydranthenköpfchen
trägt (HiNCKS, Nr. 45, S. 221, Allman, Nr. 3, S. 58). So entstand die
Überzeugung, daß jedes Gonangium ganz allgemein nicht wie das
»Gonophor« der Athecata ein einzelnes Geschlechtsindividuum vorstelle,
sondern gewissermaßen einen Stock einschließe, bestehend aus einem
Hydranthen (Blastostyl) und den daran knospenden Geschlechts-
individuen (Gonophoren, Medusen). — Und dennoch lehrt uns die Ent-
wicklungsgeschichte der Gonangien zunächst von Sertularia argentea,
der sich aber, wie wir sehen werden, alle untersuchten Sertulariden und
Plumulariden sowie Halecium anschließen, daß die Auffassung ihres
Gonangieninhalts in dem angegebenen Sinn eine irrige und nur daraus
zu erklären ist, daß dessen Entwicklung sehr unvollkommen oder gar
nicht untersucht wurde.
Nach der üblichen Terminologie würde das »Blastostyl« eines jeden
älteren Gonangium von Sertularia argentea die Deckenplatte, die ganze
Halsröhre und den Basalabschnitt des Gonanthen umfassen, während
der gestielte Keimsack das medusoide »Gonophor« darstellte, das durch
Knospung aus dem Blastostyl hervorginge. Nach Ausweis der geschil-
derten Entwicklungsgeschichte dieser Teile wird man jedoch jenes
angebliche Gonophor auch bei weitherzigster Interpretation nicht als
Knospe des Blastostyls bezeichnen können. Denn es wächst nicht in
völlig indifferentem Zustande aus seinem Träger hervor, um seine be-
123
sonderen Gewebe und Organe erst während seiner individuellen Existenz
zu entwickeln^ w^ie wir es an den knospenden Medusen und Gonanthen
derAthecata sahen; vielmehr entwickelt und entfaltet jeder Keimsack
von Sertularia argentea schon vor seiner Abschnürung, also während
er noch ein integrierender Abschnitt des ganzen Gonanthen ist, alle
besonderen Teile, die ihn später auszeichnen (eingebuchteter Entoderm-
schlauch mit den Eizellen, Innen- und Außenectoderm) und zeigt nach
der Abschnürung keine andre Veränderung, als die durch die wachsenden
Eizellen bedingte Vergrößerung.
Die angeblichen Gonophoren oder die gestielten Keim-
säcke von Sertularia argentea entstehen daher nicht als
Knospen, sondern je als integrierender und Hauptabschnitt
des ursprünglichen und ungeteiltenWeichkörpers desGonan-
gium oder eben des Gonanthen, und erhalten eine gewisse
Selbständigkeit erst durch eine relativ späte Abschnürung
von der andern Gonanthenhälfte. Folgerichtig ist denn auch
die längste Zeit der ganze einheitliche Gonanth das eigentliche
Geschlechtsindividuum, dessen nach der Abschnürung des
Keimsacks zurückbleibender Best oder das sogenannte
Blastostyl überhaupt kein wirklich selbständiges Indivi-
duum darstellt.
Infolge dieser Feststellungen erhalten auch die Fragen nach dem
polypoiden oder medusoiden Charakter der besprochenen Teile andern
Sinn und andre Kichtung. Statt irgendwelche Wahrscheinhchkeits-
gründe dafür zu suchen, daß der, den bereits gestielten Keimsack
tragende reduzierte Gonanthenrest ein polypoides Individuum (Blasto-
styl) sei, können wir jetzt vielmehr nur fragen, ob das einzige unzweifel-
hafte Individuum des Gonangium, nämlich der ungeteilte Gonanth,
etwa ein modifizierter Polyp ist. Und dies glaube ich bestätigen zu
können, aber gar nicht nur auf Grund allgemeiner Erwägungen oder
wegen der obenerwähnten Befunde an Halecium, sondern ganz besonders
auf Grund einer Beobachtung an Sertularia argentea selbst.
An meinem einzigen Stöckchen fand ich zufälligerweise — und
dies mag sich nicht selten wiederholen — in der Reihe von Gonangien,
wo sonst keine Hydranthen vorkommen, doch einen solchen, aber mit
bemerkenswerten Abweichungen von den normalen, an den Seiten des
Stammes sitzenden Hydranthen (Fig. 218, 219). Er war erstens merklich
größer als die letzteren und seine Hydrotheca rücht mit dem Stamm
seithch verwachsen, sondern bis zum kurzen Stiele ganz frei; ferner
war sein Tentakelkranz schwach entwickelt, und in seinem Darmraum
124
befanden sich einige unverkennbare Eizellen. Mit einem Wort: dieses
merkwürdige Individuum war durch seinen Ursprungsort zum Gonan-
gium bestimmt, erreichte auch in einigen Stücken dessen Bildung, um
in der Hauptsache doch zu einem Hydranthen auszuwachsen. Mag
dieser Befund auch nur eine Ausnahme sein, so beweist er immerhin,
wie mir scheint, unmittelbar, daß die jungen, ungeteilten Go-
nanthen von Sertularia argentea umgewandelte Hydran-
then sind.
Die Betrachtung desselben Hydranthen zeigt uns aber noch eine
Eigentümhchkeit, die, so weit ich sehe, bisher nirgends beachtet
worden ist, obgleich sie sich bei allen normalen Hydranthen von Sertu-
laria argentea, sowie überhaupt aller Sertulariden und Plumulariden
wiederholt. Ich meine die bruchsackähnliche Ausstülpung der unteren
Hälfte des Hydranthenköpfchens, die sich auf derselben vom Stamm
abgewendeten Seite befindet, wo bei den Gonanthen der Keimsack
sich abzuschnüren beginnt (Bauchseite s. o.). Die Übereinstimmung
beider Teile, des Bruchsacks des Hydranthen und des sich eben ab-
schnürenden Keimsacks der Gonanthen, ist so vollständig, daß, nach-
dem die Identität dieser beiderlei Individuen im ganzen eben nach-
gewiesen worden ist, an der echten Homologie jener ihrer Säcke nicht
zu zweifeln ist (Fig. 205, 218). Natürlich ist dann der Bruchsack der
Hydranthen als der älteren Formen durch Vererbung in den Keimsack
der Gonanthen übergegangen, und folglich der letztere ein polypoides
Organ, das sich äußerlich nur durch eine weiter fortschreitende Ab-
schnürung, bedeutsamer jedoch durch seine neuerworbene Funktion
als Reifungsstätte sich von seiner Ausgangsform, dem Bruchsack des
Hydranthen unterscheidet.
Doch bleibt hier, um jedem Einwände zu begegnen, noch ein Punkt
aufzuklären übrig. Der beschriebene Bruchsack der Hydranthen zeigt
sich, wie man sieht, an den in ihrer Hydrotheca ruhenden Individuen;
man könnte daher vermuten, daß jener Sack keine dauernde Bildung,
sondern nur der Ausdruck einer vorübergehenden starken Zusammen-
ziehung des Hydranthen sei. Und in der Tat sehe ich einen starken
Rückziehmuskel aus dem Grunde der vom Sack gebildeten Bucht schräg
hinab zur Hydrotheca ziehen, sowie auch die ebenso gebauten Hydran-
then von Sertularella nach meiner Beobachtung bei vollständiger
Streckung und verdoppelter Länge den Sack ganz ausgleichen. Nun
kann man es dahingestellt sein lassen, ob dieser letztere Zustand ohne
weiteres als der normale zu bezeichnen ist oder nicht ; denn entscheidend
scheint mir die Entwicklung des Sackes zu sein.
125
Die Hydranthenknospe beginnt genau wie der knospende Gonantli
als eine distal verbreiterte und am Ende abgestutzte Ausstülpung, die
in der Hydrotheca noch vollständig eingeschlossen ist (Fig. 220). Sobald
die ersten Andeutungen der Tentakel im Umkreise der Decke auf-
treten, erscheint auch schon die Anlage des Bruchsacks, obgleich von
einer Zusammenziehung des unfertigen, den Rückziehmuskel noch
entbehrenden Hydranthen nicht die Rede sein kann (Fig. 221). Mag
also auch der Bruchsack unsrer Hydranthen ursprünglich im Zusammen-
hang mit ihrer bedeutenden Contractionsfähigkeit entstanden sein,
so zeigt er sich gegenwärtig als eine dauernde Formbildung derselben,
die, worauf es doch zunächst allein ankommt, auf die Gonanthen ver-
erbt werden konnte.
Der Keimsack der Gonanthen von Sertularia argentea ist
also nicht nur kein Knospungsprodukt (S. 123), sondern er-
weist sich schlechtweg als ein von den Hydranthen ererbtes
polypoides Organ, ohne eigne genetische oder physiologische Indivi-
dualität. Dadurch gewinnt aber die Auffassung des ganzen Gonanthen
samt dem Keimsack als eines einzigen polypoiden Geschlechtsindivi-
duums und folgUch eines Homologons der Gonanthen der Athecata
eine neue Stütze. Man kann dies auch so ausdrücken: das Gonan-
gium von Sertularia und jedes ähnliche Gonangium ist
den Gonanthen der Athecata homolog. Denn daß die Gonotheca
dem Periderm der letztgenannten Gonanthen gleichwertig ist, bedarf
keines Beweises.
Nunmehr erledigt sich aber auch die weitere Frage nach der medu-
soiden Natur des Keimsacks in sehr einfacher Weise. Die Ansicht,
daß er eine rückgebildete Meduse sein könnte, hat jetzt aus der Dis-
kussion überhaupt auszuscheiden. Denn mag eine durch Knospung
entstandene vollkommene Hydromeduse durch andauernde Rückbildung
nicht nur sessil werden, wie etwa bei Tubularia, sondern auch dem
Zustande jenes Keimsacks sich noch so sehr nähern, so kann doch von
ihrer Verwandlung in den letzteren, nachdem er sich als ein von den
ältesten Individualformen der Hydropolypen, nämhch den Hydranthen
ererbtes Organ erwiesen hat, natürhch nicht mehr die Rede sein. Da-
gegen wäre es umgekehrt denkbar, daß derselbe Keimsack allmählich
zu einer medusoiden Bildung gelangte. Nun fehlt aber in ihm jede
wirkhche Medusenähnlichkeit, wozu doch wenigstens die Bestandteile
einer Umbrella vorhanden sein müßten. Weder anfangs noch später
finden sich Spuren der Radialschläuche oder selbst einer Ento-
dermlamelle; und die Ähnhchkeit in der Anlage des Innenectoderms
126
und eines Glockenkerns hat genau dieselbe Bedeutung wie bei Hydrac-
tinia (S. 77) : man kann ihre Homologie ganz im allgemeinen zugeben,
ohne daß dadurch ein unmittelbarer und bestinimt gerichteter Zu-
sammenhang zwischen den beiden ganzen Formen erwiesen wäre.
Innenectoderm und Glockenkern verhalten sich in diesem Fall ungefähr
so zueinander wie das Mesoderm vieler Bilaterahen, dessen allgemeine
Homologie niemand leugnen, aber ebensowenig ohne weiteres als Beweis
einer ganz bestimmten Descendenz ansehen wird.
Die Keimsäcke von Sertularia argentea enthalten keiner-
lei Merkmale wirklicher Medusen; sie von solchen abzu-
leiten ist vollends ausgeschlossen.
Kann nun aber das, was für Sertularia argentea gilt, ohne weiteres
auf Sertularia fumila, das mir aus eigner Anschauung nicht bekannte
Untersuchungsobjekt der früheren Beobachter, übertragen werden,
bloß deshalb, weil ich meine durchaus abweichenden Befunde an Ser-
tularia argentea mit aller Bestimmtheit glaube vertreten zu können? —
Da es sich schon gezeigt hat und noch zeigen wird, wie verschieden die
Entwicklung der Geschlechtsindividuen auch innerhalb relativ enger
Grenzen der Hydropolypen verlaufen kann (vgl. Syncoryne — Coryne)^
so würde ich es nicht von vornherein für unmöglich halten, daß Ser-
tularia fumila^ entsprechend jenen schon aufgezählten älteren Angaben,
in der ganzen Bildung und Entwicklung der Gonangien gewässermaßen
grundsätzlich von jener andern Art derselben Gattung, Sertularia
argentea, abwiche — falls diese Angaben sich als begründete darstellten.
Für Agassiz (Nr. 1, S. 329) und noch mehr für Allman (Nr. 3, S. 47)
gilt es auch ohne Untersuchung der Entwicklung der Gonangien aller
Thecaphora für selbstverständlich, daß sie ein polypoides Blastostyl
mit daraus hervorknospenden medusoiden Gonophoren oder Medusen
enthielten; auf diese nicht weiter begründete Annahme brauche ich
also nicht einzugehen. Auch für Weismann stand es von vornherein
fest, daß alle in Gonangien vorkommenden Gonophoren »durch Kno-
spung« entständen (Nr. 70, S. 14); den medusoiden Charakter dieser
Knospen suchte er dagegen aus ihrem Bau oder ihren Verwandtschafts-
beziehungen im einzelnen nachzuweisen, allerdings wie immer ohne
sonderliche Berücksichtigung ihrer Entwicklung.
Bezüglich des ersten Punktes verweist Weismann zum Beweise
>Entodermlamelle<< zusammen,
während in den vier Radien vier Entodermkanäle zurückbleiben. Die
Entodermlamelle verschwinde aber sehr frühe, worauf die Kanäle
sich selbständig verlängern; an ihren Enden kämen sie durch seitliche
Wucherungen in Verbindung, und der so entstandene >> Ringkanal« fheße
unter dem Scheitel der Gonotheca zu einem breiten, einer Deckenplatte
ähnlichen Schlauch zusammen. — Das Ectoderm löse sich unterdessen
in ein Netzwerk auf, dessen Stränge sowohl den Binnenraum des Go-
nanthen durchziehen, wie auch die Kanäle umhüllen und miteinander
und mit der Gonotheca verbinden, v. Lendenfeld will auch Spuren
eines Manubrium im Grunde des Gonanthen gesehen haben, wie er denn
auch die Medusenlcnospen von Laomedea repens — und folgUch auch
195
von Campanularia calyculata — für ein großes Manubrium hält. Dem-
nach erklärt er den Gonanthen von Eucopella für eine Über-
gangsform vom Polyp zur Meduse.
Statt des mit Keimzellen gefüllten Manubrium von Laomedea
erzeuge der Gonanth von Eucopella Medusenknospen, und zwar nur an
einem seiner Kanäle, der an einer Schmalseite des Gonangium Hegt.
Die Knospen folgen einander wie gewöhnlich von oben nach unten,
und sind gleichzeitig in der Zahl von zwei bis drei vorhanden. Das
Entoderm einer solchen Knospe wird durch einen Glockenkern ein-
gebuchtet, worauf in den vier Interradien durch Verlötungen des zwei-
schichtigen Entodermbechers eine einschichtige Entodermlamelle und
dazwischen passiv vier Radialkanäle entstehen. Ein Ringkanal kommt
ebenso wie am Gonanthen zustande, und an den Radialkanälen wachsen
Seitenzweige hervor und dringen teils nach innen zwischen die Eizellen
und in die Hodenmasse, teils tangential in die Entodermlamelle ein.
Der Glockenkern verwandelt sich zuerst in ein Netzwerk, worin später
eine Glockenhöhle entsteht. Ein Manubrium ist nur andeutungsweise
vorhanden.
Die Eizellen von Eucopella entstehen im Entoderm der Hydrorhiza
aus je einer ganzen Zelle, begeben sich unter das Epithel und wandern
in die Gonangien ein, wo sie stets zwischen dem Entodermepithel und
seiner Grenzlamelle, also innerhalb des Entoderms liegen bleiben. Jedoch
dringen sie nicht unter irgend einem Zwange bloß in die Medusenknospen
ein, sondern ebensogut in die Entodermröhren des Gonanthen, wo sie
ohne zu reifen zugrunde gehen. Die Spermatoblasten sind ectodermalen
Ursprungs, indem sich der subumbrellare Überzug der Radialkanäle
vollständig in jene Keimzellen verwandelt.
Die Medusenknospen von Eucopella erhalten niemals Manubrium
und Tentakel, lösen sich aber trotzdem schUeßhch von dem Gonanthen
ab und verlassen das Gonangium, um ihre Geschlechtsprodukte ins
Wasser austreten zu lassen.
Ich habe nur wenige ältere Gonangien beiderlei Geschlechts von
Campanularia calyculata untersuchen können. In ihrer äußeren Form
stimmen sie mit den Gonangien von Eucopella überein: sie sind abge-
plattet, von der Breitseite gesehen becherförmig und längs des distalen
Randes eingebuchtet (Fig. 313, 314). Der Weichkörper besteht aus
zwei Hauptteilen, einem becherförmigen, durch eine Deckenplatte
geschlossenen Mantel und einer aus dem Grunde der Mantelhöhle auf-
13*
196
gewachsenen Meduse, wozu noch einige kleinere Medusenknospen
kommen.
Der Mantel besteht wie immer aus einer ungeschichteten und
unregelmäßigen Ectodermschicht, reicht vom Basalabschnitt des Go-
nanthen bis an die flache Deckenplatte und ist durch lockere Zellen-
stränge mit der Gonotheca verbunden. In ihm sind fünf Entoderm-
röhren eingeschlossen, die dicht unter der proximalen Grenze des Mantels,
also am Basalabschnitt des Gonanthen, aus dessen Entodermschlauch
entspringen und innerhalb des Mantels bis an dessen Scheitel verlaufen,
wo sie in den Entodermsack der Deckenplatte einmünden (Fig. 313).
Der Ausgangspunkt dieser Röhren sind vier im Basalabschnitt des
Gonanthen befindliche Entodermrinnen, die distalwärts in verschie-
denem Niveau sich zu Röhren schheßen, von denen einige sich
weiter verästeln (Fig. 316 — 319). Eine centrale Röhre tritt in die
älteste, die Mantelhöhle füllende Meduse ein, eine seitliche ist für die
jüngeren Medusenknospen bestimmt, und fünf (rücht vier, wie Agassiz
angibt) durchsetzen den Mantel in der angegebenen Weise.
Aus der Darstellung von Agassiz und seinen Abbildungen der
jüngsten Gonangien von Cam/panularia calyculata, sowie aus meinen
eignen Beobachtungen an den noch zu beschreibenden jungen Medusen-
knospen geht mit der größten Bestimmtheit hervor, daß der fragUche
Mantel ebenso entsteht, wie bei andern Thecaphora, nämhch als Ab-
spaltung vom Ectoderm des Gonanthen im ganzen Umfange der aus
dem letzteren hervorknospenden Meduse, und daß folghch eine von
den späteren Mantelröhren die ursprüngliche Halsröhre des Gonanthen
ist. Nur ist diese Halsröhre später als solche lücht zu unterscheiden,
da die sekundär entstehenden Mantelröhren in Form und Verlauf mit
ihr völHg übereinstimmen. Die in die Medusenknospen eintretenden
Entodermröhren haben wieder mit den erstgenannten nichts zu tun,
da sie natürlich nichts weiter sind, als das Entoderm der Knospenstiele.
Nach allem ist die Medusenähnlichkeit des Mantels in den
Gonangien von C^mpanularia calyculata ebenfalls eine rein
äußerliche (S. 177). Weder sind die fünf Mantelröhren unter sich
gleichen Ursprungs, noch besteht die Mantelwand gleich einer Umbrella
aus zwei ectodermalen Schichten; ferner entsteht die Mantelhöhle nicht
in einem Glockenkern, der dem Gonanthen völUg fehlt, sondern rund
um die erste Medusenknospe, so daß sie keinerlei Beziehung zu einer
Glockenhöhle hat.
Ich erwähne dies besonders im Hinblick auf v. Lendenfelds
Darstellung von der Entwicklung des Blastostyls (Gonanthen) von
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Eucopella. Obgleich er selbst dieses Blastostyl mit demjenigen von
Campanularia calyciilata vergleicht, und beide im fertigen Zustande in
allen wesentlichen Teilen übereinstimmen, müßten sie nach v. Lenden-
feld in ihrer Entwicklung vollständig auseinandergehen. Meines Er-
achtens sind aber seine nicht ganz klaren und durch keine Abbildungen
illustrierten Angaben über die Entstehung des Blastostyls von Eucopella
nicht einwandfrei und am wenigsten geeignet, einen wirklichen Medusen-
bau dieses Blastostyls zu begründen.
Dies ergibt sich schon aus der Er wähnung. einer >>Entodermlamelle<<
und ihrer Bedeutung für die Entstehung der >>Radialkanäle << (Mantel-
röhren); denn solche Bildungen und Vorgänge fehlen in allen von mir
untersuchten Medusenbildungen der Athecata und Thecaphora. Ebenso
ist die Verwachsung der angeblichen Radialkanäle zu einem decken-
plattenähnlichen Gebilde den Medusen fremd. Am auffäUigsten bleibt
aber, daß v. Lendenfeld eine Sonderung von Glockenkern und Ex-
umbrellarepithel in der angeblichen Medusenglocke (Mantel) überhaupt
nicht kennt und im Gegenteil jene Umbrella zwischen den Radial-
kanälen aus einem ungeteilten und netzförmig gelockerten Ectoderm
bestehen läßt. Auf Grund dieser Angaben v. Lendenfelds muß eine
direkte Beziehung zwischen dem Blastostyl oder Gonanthen von Eu-
copella und echten Hydromedusen in Abrede gestellt und kann nur
zugegeben werden, daß jener Teil bloß in demselben Sinn wie der Go-
nanth von Campanularia hincksi und Campanularia calyculata^ d. h. nur
äußerlich medusenähnlich ist. Mit andern Worten: diese Ähnlichkeit
ist nichts weiter als eine täuschende Homoidie.
Auf der andern Seite weicht jene Beschreibung von der Entstehung
des Mantels so sehr von allem ab, was wir jetzt von andern mit
Mantelröhren versehenen und auch sonst gleichgebildeten Gonanthen
der Thecaphora, namentlich der offenbar recht nahe verwandten Campa-
nularia calyculata wissen, daß nur das Dilemma übrig bleibt: entweder
nimmt die Gonanthenbildung von Eucopella unter den Thecaphora
eine ganz merkwürdige Sonderstellung ein, oder die bezügUchen An-
gaben v. Lendenfelds sind mehr oder weniger irrig. Jedenfalls sind
sie belanglos für die Interpretation des Baues und der Entwicklung der
Gonanthen von Campanularia calyculata, die, wie wir sahen, sich ebenso
darstellen wie bei Campanularia hincksi und bei den weibHchen
Halecium tenellum.
Ich gehe nun zu den Medusenknospen über, die sich an den
Gonanthen von Campanularia calyculata entwickeln. In den Gonangien
die ich zur Verfügung hatte, war die in der ursprüngHchen Mantelhöhle
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eingeschlossene Meduse schon weit entwickelt; dagegen befanden sich
in denselben Gonangien, aber außerhalb jener Mantelhöhle jüngere
Medusenknospen verschiedenen Alters, so daß ich alle wesenthchen
Entwicklungsstufen unmittelbar beobachten konnte. Die Knospen
entstehen unter- und nacheinander, jede scheinbar aus der Wurzel der
vorausgehenden älteren Knospe (Fig. 320, 321); ich halte dies aber
für eine Verschiebung eines ursprünglichen Verhaltens, wonach sie
getrennt aus dem Gonanthen selbst hervorgingen.
Die jüngsten Knospen bestehen scheinbar nur aus einer kurzen
und dünnen Entodermröhre, die in den verdickten, aber noch völhg
soliden und ungesonderten unteren Saum des Mantels der nächst älteren^
vorausgehenden Medusenknospe eingewachsen ist (Fig. 313, 320, 321).
Natürhcher ist aber die Auffassung, daß, während eine junge Knospe
an der Außenseite des Mantels der nächstälteren Knospe emporwächst,
ihr Ectoderm, das ja auch ihren künftigen Mantel enthält, mit dem erst-
genannten Mantel in Zusammenhang bleibt. Denn eine solche Ver-
bindung der benachbarten Mäntel kommt auch an den jüngsten Knospen-
anlagen der Cam/panularia flexuosa, Gonothyraea loveni und der Ohelia
vor, und beeinträchtigt anderseits auch nicht die Annahme einer freien
Knospenbildung.
Die Kuppe jener die Knospenbildung einleitenden Entodermröhre
ist sehr bald gegen die Lichtung derart verdickt, daß diese im Längs-
durchschnitt in zwei seitKche Zipfel ausläuft (Fig. 321). Dies sind
wie etwas ältere Knospen beweisen (Fig. 320), die ersten Anfänge der
Radialschläuche, die folglich wie in allen Hydromedusen, unabhängig
von einem Glockenkern entstehen. Auch traf ich auf Querdurchschnitten
jener nächst älteren Knospen unter den Radialschläuchen faltenförmige
Täniolen, die sich distalwärts zu den Schläuchen zusammenschheßen
(Fig. 319); wie denn auch die Hydranthen desselben Polypen ähnliche
Täniolen besitzen. Die Homologie und Bedeutung dieser Erscheinungen
wurden schon mehrfach erörtert (S. 10, 108, 187, 192): die Täniolen der
Hydranthen vererbten sich auf die Gonanthen und deren Knospen, wo sie
dann zum Ausgangspunkt der Entstehung der Radialschläuche wurden.
Sobald der beschriebene Entodermschlauch der jungen Knospe sich
ziemlich verlängert und die ersten Anlagen der Radialschläuche hervor-
getrieben hat, sind zwei neue Bildungen an der Knospe hinzugekommen
(Fig. 320). Erstens hat sich das den Schlauch umgebende Ectoderm
so gespalten, daß eine glatte Epithelschicht ihn bis an die Wurzel über-
zieht (Exumbrellarepithel), und die durch einen Spaltraum (Mantel-
höhle) davon getrennte Außenschicht oder eben der neuentstandene
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Mantel derselben Knospe allein mit dem Mantel der vorausgehenden
Knospe im Zusammenhang bleibt. Dadurch wird die junge Knospe
bis an die Wurzel aus der Kontinuität mit der Mantelwand der nächst-
älteren gelöst und vollkommen selbständig; doch bleibt sie zunächst
noch in ihre eigne Mantelhöhle eingeschlossen, und ich halte es nach
Analogien mit den übrigen noch zu beschreibenden Campanulariden für
wahrscheinlich, daß jede Knospe mit ihrer besonderen Mantelhöhle an
die Stelle der nächst älteren, vorausgehenden rückt, sobald diese nach
Abschluß ihrer Entwicklung verschwindet.
Die zweite der erwähnten Neubildungen der jungen Knospe ist
ein echter Glockenkern, der an ihrem Scheitel entsteht und zwischen
die noch auseinanderstehenden Radialschläuche ein wuchert; alsbald
folgen auch seine Ablösung vom Exumbrellarepithel und seine Aus-
höhlung, sowie die Ausbildung von Subumbrellarzipfeln. Mit der
Anlage der Radialschläuche und des Glockenkerns ist aber
an den jungen Gonanthenknospen von Campanularia caly-
culata der Charakter einer Meduse unzweideutig ausge-
sprochen.
An denselben Medusenknospen sind noch weitere Einzelheiten
nachzuholen. Während der Entwicklung ihrer Radialschläuche zeigt
sich darin eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit Campanularia
hincksi, daß im Magenraum nur drei Täniolen und Magenrinnen vor-
handen sind, die in ebenso viele Radialschläuche auslaufen, und daß
erst etwas höher darüber durch die Gabelung eines dieser Schläuche
die typische Vierzahl erreicht wird (Fig. 323, 324). Durch Messungen
läßt es sich ferner nachweisen, daß die Radialschläuche sich anfangs
vorherrschend abwärts verlängern, nämhch durch den in derselben
Richtung fortschreitenden röhrenförmigen Verschluß der Magenrinnen.
Eine primäre, zweischichtige Entodermlamelle fehlt dabei ebenso wie
bei allen übrigen Hydromedusen ; dagegen entwickelt sich allmählich
eine Umbrell